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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
313-314
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Friedrich von Schiller.

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Und auf solche Art behandele, in. H. H.,wird Ihnen das Studium der Weltgeschichteeine eben so anziehende als nützliche Beschäfti-gung gewähren. Leicht wird sie in Ihrem Ver-stände, und eine wohlthätige Begeisterung inIhrem Herzen entzünden. Sie wird IhrenGeist von der gemeinen und kleinlichen Ansichtmoralischer Dinge entwöhnen, und, indem sievor Ihren Augen das große Gemählde derZeiten und Völker auseinander breitet, wirdsie die vorschnellen Entscheidungen des Augen-blicks, und die beschrankten Urtheile der Selbst-sucht verbessern. Indem sie den Menschen ge-wöhnt, sich mit der ganzen Vergangenheit zu-sammen zu fassen, und mit seinen Schlüssen indie ferne Zukunft voraus zu eilen: so verbirgtsie die Gränzen von Geburt und Tod, die dasLeben des Menschen so eng und so drückendumschließen, so breitet sie optisch täuschtzid seinkurzes Dasein in einen unendlichen Raum aus,und führt das Individuum unvermerkt in dieGattung hinüber.

Der Mensch verwandelt sich und flieht vonder Bühne; seine Meinungen fliehen und ver-wandeln sich mit ihm: die Geschichte allein bleibtunausgesetzt auf dem Schauplatz eine unsterblicheBürgerin aller Stationen und Zeiten. Wie derhomerische Zevs sieht sie mit gleich heitermBlicke auf die blutigen Arbeiten des Kriegs undauf die friedlichen Völker herab, die sich vonder Milch ihrer Herden schuldlos ernähren.Wie regellos auch die Freyheit des Menschenmit dem Wcltlauf zu schallen scheine, ruhigsieht sie dem verworrenen Spiele zu: denn ihrweitreichender Blick entdeckt schon von ferne,wo diese regellos schweifende Freyheit am Bandeder Nothwendigkeit geleitet wird. Was sie demstrafenden Gewissen eines Gregors und Crom-wells geheim hält, eilt sie der Menschheit zuoffenbaren : „daß der selbstsüchtigen Mensch nied-rige Zwecke zwar verfolgen kann, aber unbe-wußt vortreffliche befördert."

Kein falscher Schimmer wird sie blenden,kein Vorurtheil der Zeit sie dahinreißcn, dennsie erlebt das letzte Schicksal aller Dinge. Alles,was aufhört, hat für sie gleich kürz gedauert:sie hält den verdienten Olivenkranz frisch, undzerbricht den Obelisken, den die Eitelkeit lhürmte.Indem sie das feine Getriebe aus einanderlegt, wodurch die stille Hand der Natur schon

seit dem Anfange der Welt die Kräfte des Men-schen planvoll entwickelt, und mit Genauigkeitandeutet, was in jedem Zeiträume für diesengroßen Natvrplan gewonnen worden ist; so5 stellt sie den wahren Maßstab für Glückseligkeitund Verdienst wieder her, den der herrschendeWahn in jedem Jahrhundert anders verfälschte.Sie heilt uns von der übertriebenen Bewun-derung des Alterthums, und von der kindischen10 Sehnsucht nach vergangenen Zeiten; und indemsie uns auf unsere eigenen Besitzungen auf-merksam macht, läßt sie uns die gepriesenengoldnen Zeiten Aleronders und Augusts nichtzurückwünschen.

15 > Unser menschliches Jahrhundert herbeizu-

führen, haben sich - ohne es zu wissen oderzu erzielen — alle vorhergehenden Zeitalter an-gestrengt. Unser sind alle Schätze, welche Fleißund Genie, Vernunft und Erfahrung im lan-20 gen Alter der Welt endlich heimgebracht ha-ben. Aus der Geschichte erst werden Sie ler-nen, einen Werth auf die Güter zu legen, de-nen Gewohnheit und unangefochtener Besitz sogern unsre Dankbarkeit rauben: kostbare theure25 Güter, an denen das Blut der Besten undEdelsten klebt, die durch die schwere Arbeit sovieler Generationen haben errungen werden müs-sen ! Und welcher unter Ihnen, bey dem sichein Heller Geist mic einem empfindenden Herzen30 galtet, könnte dieser hohe» Verpflichtung ein-gedenk seyn, ohne daß sich ein stiller Wunschin ihm regte, an das kommende Geschlecht dieSchuld zu entrichten, die er dem vergangenennicht mehr abtragen kann? Ein edles Verlan-35 gen muß in uns entglühen, zu dem reichenVermächtniß von Wahrheit, Sittlichkeit undFreyheit, das wir von der Vorwelt überkamenund reich vermehrt an die Folgewelt wiederabgeben müssen, auch aus unsern Mitteln einen40 Beitrag zu legen, und an dieser unvergäng-lichen Kerrc, die durch alle Menschengeschlech-' ter sich windet, unser fliehendes Daseyn zubefestigen. Wie verschieden auch die Bestimmungsey, die in der bürgerlichen Gesellschaft Sie er-45 wartet — etwas dazu steuern können Sie alle!Jedem Verdienst ist eine Bahn zur Unsterblich-keit aufgethan, zu der wahren Unsterblichkeitmeine ich, wo die That lebt und weiter eilt,wenn auch der Name ihres Urhebers hinter ihr50 zurückbleiben sollte.

II. Ocs Grafen Lamorcl von Egmont Leben und Tod.

Das Andenken des durch die Schlachten bei liche Leben dieses Mannes in die Geschichte sci-

Quentin und Gravelingen und durch sein nes Volks aufs genauste eingreift.

^glückliches Ende in der niederländischen Ge- 60 Lam oral Graf von Egmont und Prinzschichte so merkwürdigen Grafen von Egmont, von Gavre wurde im Jahr , 5,23 geboren.

ersten wichtigen Schlachtopfers, welches Sein Vater war Johann von Egmont,

unter Altza's blutiger Verwaltung für die nie- Kammcrberr in Diensten des Kaisers, seine

brländischc Freiheit gefallen , ist durch das Mutter Franciska, eine Prinzessin von Lu-

^rauerspiel dieses Namens neuerdings wieder 65 xemburg- Sein Geschlecht, eins der edelsten inufgefrischt worden. Ein historisches Detail den Niederlanden, schrieb sich von den Herzoge»

^ner Geschichte, aus glaubwürdigen Quellen von Geldern her, die ihre Unabhängigkeit lange

schöpft, dürfte manche» Leser vielleicht inter- Zeit hartnäckigsgege» das burgundische und öster-

lstren, und dieß um so mehr, da das öffcnt- rcichische Haus behauptet, endlich aber der Uc-