321
Friedrich von Schiller.
322
seinen Diensteifer vor allen übrigen aus. Erließ i» Artois und Flandern viele Aufrühreram Leben strafen, und brachte die Protestan-ten zur Ruhe. Aber auch diesen großen Dienstrechnete man ihm nachher als Hochverrath an,weil er den Protestanten einige geringe Con-cessionen ertheilt hatte, die er, ihnen mit Ge-walt zu verweigern, nicht im Stande gewesenwäre.
Die Exzesse der öffentlichen Predigten undder Bilderstürmerei gaben den anen unversöhn-lichen Feinden des niederländischen Volkes, demCardinal Granvella, der seinen Einfluß aufden König noch immer behalten hatte, demHerzog von Alba und dem GroßinquisitorSpinosa die Waffen in die Hand, den Häup-ter» des niederländischen Adels im Gemüthedes Königs eine tödlliche Wunde zu versetzen.Alle diese Unordnungen wurden ihnen zur Lastgelegt. Ihre Lauigkeit im Dienste des Königs,ihre Nachsicht gegen die einreihenden Sekten,ihre heimliche» Intriguen und Aufmunterungen,ihr Beispiel in der Widersetzlichkeit, ihre Ver-bindungen mit den conförderirten Geusen —alles dieses mußte nun zusammengewirkt haben,den Muth der Rebellen zu erheben, und ihreAusschweifungen zu begünstigen. Dazu kam,daß viele dieser Wahnsinnigen, die man beimBilderstürmen ergriffen und zum Tode verur-thcilt halle, sich mit den Namen des Prinzenvon Oranien, des Grafen von Egmont,von Hoorn und Anderer, waffneten, und ihreeigenen Schandthaten dadurch zu beschönigensuchten. Freilich würde ohne die lauten Pro-lestationen, welche die niederländischen Großengegen die grausamen Strafbesehle eingelegt hat-ten, das gemeine Volk nie so kühn gewesensehn, diese Befehle öffentlich zu verhöhnen, und>n solche Gewaltthätigkeiten auszubrechen. Aberwir welchem Rechte konnte man Folgen, anwelche jene nie gedacht hatten, auf ihre Rech-nung setze,,? Jene Protestationcn konnten sichMit der strengsten Treue gegen den Monarchenvertragen, und das Beste der Ration, derenStellvertreter und Sachwalter sie waren, machtesie ihnen zu einer heiligen Pflicht - wie konnteMan sie für die unglücklichen Folgen ihrer löb-lichen Absichten verantwortlich machen?
Das Conseil in Segovien urtheilte anders.Man überredete den König, die bisherige Ver-ivhrungsart zu verändern, das Volk als denbetrogenen Theil zu schonen, und die Großen
züchtigen. Es ist nicht zu läugncn, daßder Schein gegen diese sprach, und ein Mo-w>rch wie Philipp konnte ihr Betragen nichtwohl aus einem andern Gesichtspunkte betrach-ten. Der niederländische Adel machte Ansprüche,d'e in der ganzen Monarchie ohne Beispiel^aren. Auf die stolzen Titel von ständischerAteihefl gxssM, durch die Vorliebe und Schwache^vri's V. für fein Vaterland noch mehr inwem Eigendünkel bestärkt, den er schon in soeichen, Maße besaß, ließ er sich in allen seinenHvndlungc,, von einem Geiste der Ungebunden-st leiten, der bis zum Muthwillen gieng, und>t dxrn Princip eines Monarchen ganz unver-^?3>>ch war. Was in Brüssel eine ganz ge-r,°dt>liche urid erlaubte Freiheit war, mußtethwendig in Madrid als die gesetzwidrigste
Kurz, Pros. Lii. II.
Anmaßung in die Augen fallen. Auch die ca-stilianische Grandezza war auf ihre Vorzügestolz- Aber ein Monarch, der diese anerkannte,konnte sie an ihrem eigenen Stolze, wie aneinem Gängelbande leiten. Der Geist der Un-abhängigkeit, der unter den spanischen Großennoch nicht hatte unterdrückt werden können,vertrug sich mit der Monarchie, ja sogar mitdem Despotismus, weil eben diese Großendurch den Despotismus , den sie über ihre.eige-nen Unterthanen ausübten, daran gewöhntwaren; da im Gegentheil der niederländischeAdel ganz verlernt hatte, Despotismus zu er-tragen, weil er selbst freien Leuten gebot, weiler selbst keinen ausüben durfte.
Bei diesem widrigen Vorurtheile des Königsgegen die Häupter des niederländischen Adelswar es kein Wunder, daß er sich den gewalt-thäiigsten Maßregeln gegen sie überließ. Vonjetzt an war das Verderben des Prinzen vonOranien, des Grafen von Egmont, vonHoorn und vieler Andern im Stillen beschlos-sen. Um sie aber in die Schlinge zu locken,die man ihnen bereitere, mußten sie durch ver-stellte Aeußerungen seiner Zufriedenheit erst sichergemacht werden. Man schrieb ihnen die gnä-digsten Briefe, die von Vertrauen und Wohl-gkibogenheit überfloßen. Die Anschuldigungenund Vorwürfe, die man auf eine geschickte Arteinmischte, gaben diesen Versicherungen einenSchein von Aufrichtigkeit, uud stürzten sie ineine gefährliche Ruhe, als wenn dieß alles wäre,was man über sie zu klagen hätte. Dem Gra-sen von Egmont sagte man oft harte Dinge indiesen Briefen; um so weriger siel es ihm ein,daß noch etwas im Hinterhalte seyn könnte.
So leicht Egmont in die Schlinge zu zie-hen war, so schwer hielt es, den Prinzen vonOranien zu täuschen. Eine glücklichere Com-binationsgabe, mehr Kenntniß der Welt undder Höfe, und die Aufmerksamkeit seiner Feindebewahrten ihn vor Betrug. Gerade um die-selbe Zeit, wo der König in Versicherungenseiner Zufriedenheit gegen ihn und seine Freundeso verschwenderisch war, entdeckte ihm ein auf-gefangener Brief' von einem spanischen Bot-schafter aus Paris die wahren Gesinnungendes Königs. Bey einer Zusammenkunft, die ermit den Grafen von Egmont, von Hoorn, vonHoogstraten und von Nassau zu Dendermondein Flandern veranstaltete, legte er ihnen dießSchreiben vor, dessen Inhalt noch durch einanderes, welches Hoorn um dieselbe Zeit ausMadrid erhalten, bestätigt wurde. Man wolltesich über die Maßregeln vereinigen, die man indieser dringenden Gefahr gemeinschaftlich zunehmen hätte; man sprach von gewaltsamerWidersetzung, wobei besonders auf EgmontsAnsehen bey den niederländischen Truppen sehrgerechnet wurde. Aber wie erstaunte man, alsdieser dazwischen trat, und sich auf folgendeArt erkläret: „Lieber, sagte er, mag alles übermich kommen, als daß ich das Glück so verwe-gen versuchen sollte. Das Geschwätz des SpaniersAlava rührt mich wenig — wie sollte dieserMensch dazu kommen, in das verschlossene Ge-müth seines Herrn zu schauen, und seine Ge-heimnisse zu entziffern? Die Nachrichten, welcheuns Mvntigny gibt, beweisen weiter nichts,21
5
10
15
20
25
30
35
40
45
50
55
60
6ä