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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
329-330
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Friedrich von Schiller.

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hielt, daß diese Gnade zu spät kommen würde.Gründe genug, daß der Herzog mir der Voll-streckung der Sentenz nicht säumte, sobald siegefällt war.

Gleich den andern Tag wurden beyde Gra- 5fen unter einer Bedeckung von 3V00 Spaniernaus der Citadelle von Gent nach Brüffel ge-bracht, und im Brodhlhause auf dem großenMarkte gefangen gesetzt. Am andern Morgenwurde der Rath der Unruhen versammelt; der 10Herzog erschien, gegen seine Gewohnheit, selbst,und die beyden Urtheile, couvcrtirc und ver-siegelt, wurden von dem Sekretär Pranz er-brochen und öffentlich abgelesen. Beyde Gra-fen wurden der beleidigten Majestär schuldig 15erkannt, weil sie die abscheuliche Verschwörungdes Prinzen von Oranien begünstigt und be-fördert , die konföderirlen Edelleute in Schutzgenommen, und in ihren Statthalterschaftenund andern Bedienungen dem Könige und der 20Kirche schlecht gedient hätten. Beyde solltenöffentlich enthauptet, ihre Köpfe auf Spießegesteckt und ohne ausdrücklichen Befehl des Her-zogs nicht abgenommen werden. Alle ihre Gü-ter , Lehen und Rechte waren dem königlichen 25Fiskus zugesprochen. Das Urtheil war vondem Herzoge allein und dem Sekretär Pranzunterzeichnet, ohne daß man sich um die Bey-stimmung der übrigen Kriminalräthe bemühethätte. 3 g

In der Nacht zwischen dem 4ren und 5tenJunius brachte man ihnen die Sentenz insGefängniß, nachdem sie schon schlafen gegangenwaren. Der Herzog halte sie dem Bischöfe vonNpern, Martin Rithoo, eingehändigt, den er 35ausdrücklich darum nach Brüffel kommen ließ,um die Gefangenen zum Tode zu bereiten. Alsder Bischof diesen Auftrag erhielt, warf er sichdem Herzoge zu Füßen und flehte mir Thränenin den Augen um Gnade — um Aufschub we- 40nigstenS für die Gefangenen; worauf ihm mitharter zorniger Stimme geantwortet wurde,daß man ihn nicht von Upern gerufen habe,

Um sich dem Urtheile zu widersetzen, sondernUm es den unglücklichen Grafen durch seinen 45Zuspruch zu erleichtern.

Dem Grafen von Egmont zeigte er dasTodesurtheil zuerst vor. „Das ist fürwahr einstrenges Urtheil",- rief der Graf bleich und mitentsetzter Stimme. „So schwer glaubte ich Se. 50Majestät nicht beleidigt zu haben, um eine solcheBehandlung zu verdienen. Muß es aberseyn, so unterwerfe ich mich diesem Schicksalewir Ergebung. Möge dieser Tod meine Sün-den tilgen, und weder meiner Gattin noch mei- 55wn Kindern zum Nachtheile gereichen! Dieseswenigstens glaube ich für meine vergangenenDienste erwarten zu können. Den Tod willM mir gefaßter Seele erleiden, weil es Gott^üd dem Könige so gefällt." — Er drang hier- 60^uf in den Bischof, ihm ernstlich und aufrich-

zu lagen, ob keine Gnade zu hoffen sey?ihm mit Nein geantwortet wurde, beichtete^ und empfing das Sakrament von dem Prie-se', dem er die Messe mit sehr großer An- 65nachsprach. Er fragte ihn, welches Ge-^ wohl das beste und rührendste seyn würde,

'w sich Gort in seiner letzten Stunde zu ein-fühlen? Da ihm dieser antwoncre, daß kein

eindringenderes Gebet sey, als das, welchesChristus, der Herr, selbst gelehret habe, dasVater unser; so schickte er sich sogleich an, esherzusagen- Der Gedanke an seine Familie un-terbrach ihn; er ließ sich Feder und Dinte ge-ben und schrieb zwey Briefe, einen an seineGemahlin, den andern an den König nach Spa-nien, welcher letztere also lautete:

Sire!

Diesen Morgen habe ich das Urtheil ange-hört, welches Ew. Majestät gefallen hat, übermich aussprechen zu lassen. So weit ich auchimmer davon entfernt gewesen bin, gegen diePerson oder den Dienst Ew. Majestät, odergegen die einzig wahre, alle und katholische Re-ligion etwas zu unternehmen, so unterwerfeich mich dennoch dem Schicksale mit Geduld,welches Gott gefallen hat, über mich zu ver-hängen. Habe ich während der vergangenenUnruhen etwas zugelassen, gerathen oder ge-than , was meinen Pflichten zu widerstreitenscheint, so ist es gewiß aus der besten Meinunggeschehen, und mir durch den Zwang der Um-stände abgedrungen worden. Darum bitte ichEw. Majestät, es mir zu vergeben, und inRücksicht auf meine vergangenen Dienste mitmeiner unglücklichen Gattin und meinen armenKindern und Dienstleuten Erbarmen zu tragen-In dieser feste» Hoffnung empfehle ich michder unendlichen Barmherzigkeit Gottes.

Brüssel, den 5. Juni 1568, dem letztenAugenblick nahe

Ew. Majestät

treuster Vasall und DienerLamoral Graf von Egmont.

Diesen Brief empfahl er dem Bischöfe aufsDringendste; um sicherer zu gehen, schickte ereine eigenhändige Kopie desselben an den Staats-rath Liglius, den billigsten Mann im Senate,und es ist nicht zu zweifeln, daß er dem Kö-nige wirklich übergeben worden. Die Familiedes Grafen erhielt nachher alle ihre Güter, Le-hen und Rechte zurück, die, kraft des Urtheils,dem königlichen Fiskus Heimgefallen waren.

Unterdessen hatte man auf dem Markte zuBrüssel vor dem Stadthause ein Schaffst auf-geschlagen, auf welchen zwey Stangen mit ei-sernen Spitzen befestigt wurden, alles mit schwar-zem Tuch bedeckt- Zwey und zwanzig Fahnenspanischer Garnison umgaben das Gerüste, eineVorsicht, die nicht überflüssig war. Zwischen10 und 11 Uhr erschien die spanische Wacheim Zimmer des Grafen; sie war mit Strän-gen versehe», ihm, der Gewohnheit nach, dieHände damit zu binden. Er verbat sich dieses,und erklärte, daß er willig und bereit sey, zusterben. Von seinem Wamms halte er selbstden Kragen abgeschnitten, um dem Rachrichtersein Amt zu erleichtern. Er trug einen Nacht-rock von rothem Damast, über diesem einenschwarzen spanischen Mantel mit goldenen Tres-sen verbrämt. So erschien er auf dem Ge-rüste. Don Julian Romero, Maikre de Camp,ein spanischer Hauptmann, mit Namen Sali-nas, und der Bischof von Upern folgten ihmhinauf. Der Grand Prevot des Hofes, einenrochen Stab in der Hand, saß zu Pferde amFuße des Gelüstes; der Rachrichter war unterdemselben verborgen.