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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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335-336
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Friedrich von Schiller.

auszubrechen drohte- Wen» man sich endlich,trotz aller dieser Hindernisse, an die Belagerungwagte, so hatte man Alles von den feindlichenFestungen zu befürchten, die man im Rückenließ, und denen es ein Leichtes seyn mußte, 5durch lebhafte Ausfälle eine so sehr vertheilteArmee zu beunruhigen, und durch Abschneidungder Zufuhr in Mangel zu versetzen.

Alle diese Gründe machte der Kriegsrathgeltend, dem der Herzog von Parma sein 10Vorhaben jetzt eröffnete. So groß auch dasVertrauen war, das man in sich selbst und indie erprobte Fähigkeit eines solchen Heerführerssetzte, so machten doch die erfahrensten Generalekein Geheimniß daraus, wie sehr sie an einem 15glücklichen Ausschlage verzweifelten. Nur zweyausgenommen, welche die Kühnheit ihres Muthsüber jede Bedenklichkeit hinwegsetzte, Capi-zuchi und Mondragon, widerriethen alleein so mißliches Wagestück, wobey man Gefahr 20lief, die Frucht aller vorigen Siege und allenerworbenen Kriegsruhm zu verscherzen.

Aber Einwürfe, welche er sich selbst schongemacht und auch schon beantwortet hatte,konnten den Herzog von Parma in seinem 25Vorsätze nicht wankend machen. Nicht ausUnwissenheit der damit verknüpften Gefahren,noch aus leichtsinniger Überschätzung seinerKräfte hatte er den kühnen Anschlag gefaßt.Jener genialische Instinkt, der den großen 30Menschen auf Bahnen, die der kleine entwedernicht betritt, oder nicht endigt, mit glücklicherSicherheit leitet, erhob ihn über alle Zweifel,die eine kalte, aber eingeschränkte Klugheit ihmentgegenstellte, und ohne seine Generale über- 35zeugen zu können, erkannte er die Wahrheitseiner Berechnung in einem dunkeln, aber darumnicht weniger sichern Gefühle. Eine Reihe glück-licher Erfolge hatte seine Zuversicht erhoben, undder Blick auf seine Armee, die an Mannszucht, 40Uebung der Tapferkeit in dem damaligen Europanicht ihres gleichen hatte, und von einer Aus-wahl der trefflichsten Ofsiciere kommandirr wurde,erlaubte ihm keinen Augenblick, der FurchtRaum zu geben. Denen, welche ihm die ge- 45ringe Anzahl seiner Truppen entgegensetzten,gab er zur Antwort, daß an einer noch solangen Pike doch nur die Spitze lödte, unddaß es bei militärischen Unternehmungen mehrauf die Kraft ankomme, welche bewege, als 50auf die Masse, welche zu bewegen sey. Erkannte zwar den Mißmuth seiner Truppen,aber er kannte auch ihren Gehorsam; und dannhoffte er ihren Privatbeschwerden am bestendadurch zu begegnen, daß er sie durch eine 55wichtige Unternehmung beschäftigte, durch denGlanz derselben ihre Ruhmbegierde, und durchden hohen Preis, den die Eroberung einer sobegüterten Stadt versprach, ihre Habsucht er-regte. 60

In dem Plane, den er sich nun zur Be-lagerung entwarf, suchte er allen jenen man-nigfaltigen Hindernissen mit Nachdruck zu be-gegne» Die eintige Macht, durch welche manhoffen konnte, die Stadt zu bezwingen, war 65der Hunger; und diesen furchtbaren Feindgegen sie aufzuregen, mußten alle Zugänge zuWasser und zu Lande verschlossen werden. Umihr fürs Erste jede» Zufluß von Seeland aus,

wenn auch nicht ganz abzuschneiden, doch zuerschweren, wollte man sich aller der Basteyenbemächtigen, welche die Antwerper an beydenUfern der Scheide zur Beschützung der Schiff-fahrt angelegt hatten, und wo es anging, neueSchanzen auswerfen, von denen aus die ganzeLänge des Stroms beherrscht werden könnte.Damit aber die Stadt nicht unterdessen vondem innern Lande die Bedürfnisse ziehen möchte,die man ihr von der Seeseite abzuschneidensuchte, so sollten alle umliegenden Städte Bra-bants und Flanderns in den Plan der Belage-rung mit verwickelt, und der Fall Antwerpensauf den Fall aller dieser Plätze gegründet wer-den. Ein kühner, und wenn man die einge-schränkte Macht des Herzogs bedenkt, beinaheausschweifender Entwurf, den aber das Genieseines Urhebers rechtfertigte, und das Glück miteinem glänzenden Ausgange krönte.

Weil aber Zeit erfordert wurde, einen Planvon diesem Umfange in Erfüllung zu bringen,so begnügte man sich einstweilen, an den Ka-nälen und Flüssen, welche Antwerpen mit Den-dermonde, Gent, Mecheln, Brüssel und andernPlätzen in Verbindung setzen, zahlreiche Basteyenanzulegen und dadurch die Zufuhr zu erschwe-ren. Zugleich wurden in der Nähe dieser Städte,und gleichsam an den Thoren derselben, spanischeBesatzungen cinquarkirl, welche das platte Landverwüsteten, und durch ihre Screifereyen dieGegenden umher unsicher machten. So lagenum Gent allein gegen drey tausend Mannherum, und nach Verhältniß um die übrigen-Auf diese Art, und vermittelst der geheimenVerständnisse, die er mit den katholisch-gesinn-ten Einwohnern derselben unterhielt, hoffte derHerzog, ohne sich selbst zu schwächen, tuestStädte nach und nach zu erschöpfen, und durchdie Drangsale eines kleinen , aber unaufhörlicheKrieges, auch ohne eine förmliche Belagerung,endlich zur Uebcrgabe zu bringen.

Unterdessen wurde die Hauptmacht gegenAntwerpen selbst gerichtet, welches der Herzognunmehr mit seinen Truppen gänzlich umzin*geln lieh. Er selbst »ahm seine Stellung i"Bevern, in Flandern, wenige Meile» von Ant-werpen, wo er ein verschanztes Lager bezog-Das flandrische User der Scheide wurde de>Markgrafen von Ryüburg, General dcReilerey, das brabantische dem Grafen PottErnst von Mannsfeld übergeben, zu ^chem noch ein anderer spanischer Anfühlt 'Mondragon, stieß. Die beiden Letzter» p lsirtcn die Schelde glücklich aus Pontons, obdaß das Antwerpischc Admiralschiff,ihnen entgegengeschickt wurde, es verhu>° ^konnte, kamen hinter Antwerpen herum, ^nahmen bei Stabrök, im Lande Bergen, 'd ,Posten. Einzelne detaschirte Corps vertist ^sich längs der ganzen brabantischen Seite, ^theils die Dämme zu besetzen, theils diezu Lande zu versperren. vstd

Einige Meilen unterhalb Antwerpen .xdie Scheide durch zwey starke Forts verlt!wovon das eine zu LiefkenShoek, auf ^

Docl in Flandern, das andre zu Lillo »^gt.gegenüber aus dem brabantischenDas letzte halte Mondragon selbst tl ^auf Befehl des Herzogs von Alba