Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
337-338
JPEG-Download
 

338

337 . Friedrich

muffen, als dieser noch in Antwerpen denMeister spielte, und eben darum wurde ihmjetzt auch der Angriff desselben von dem Her-zoge von Parma anvertraut. Von dem Be-sitze dieser beyden Forts schien der ganze Erfolgder Belagerung abzuhängen, weil alle Schiffe,die von Seeland nach Antwerpen segeln, unterden Kanonen derselben vorbeyziehen muffen.Beyde Forts hatten die Antwerper auch kurzvorher befestigt, und mit dem ersten waren sienoch nicht ganz zu Stande, als der Markgrasvon Rysburg es angriff. Die Geschwindig-keit, mir der man zu Werke ging, überraschtedie Feinde, ehe sie zur Gegenwehr hinlänglichbereitet waren, und ein Sturm, den man aufLiefkenshoek wagte, brachte diese Festung inspanische Hände. Dieser Verlust traf die Ver-bundenen an demselben unglücklichen Tage,wo der Prinz von Oranien zu Delft durchMörderhände siel. Auch die übrigen Schan-zen, welche auf der Insel Doel angelegt waren,wurden theils freywillig von ihren Vertheidi-gern verlassen, theils durch Ueberfall wegge-nommen, so, daß in Kurzem das ganze Flan-drische Ufer von Feinden gereinigt war. Aberdas Fort zu Lillo auf dem brabantischen Uferleistete einen desto lebhafter,, Widerstand, weilman den Antwerpern Zeit gelassen hatte, eszu befestigen und mit einer tapfern Besatzungzu versehen. Wüthende Ausfälle der Belager-ten unter der Anführung Odets von Tc-ligny vernichteten, von den Kanonen derFestung unterstützt, alle Werke der Spanier,und eine Ueberschwemmung, welche man durchEröffnung der Schleusen bewirkte, verjagte sieendlich nach einer drey Wochen langen Belage-rung, und mit einem Verluste von fast zwey-tausend Todten von dem Platze. Sie zogensich nun in ihr festes Lager bey Stabrök, undbegnügten sich, von den Dämmen Besitz zuNehmen, welche das niedrige Land von Bergendurchschneiden, und der eindringenden Oster-Schelde eine Brustwehr entgegensetzen.

Der fehlgeschlagene Versuch auf das FortLillo veränderte die Maßregeln des Herzogs, von Parma. Da es auf diesem Wege nichtgelingen wollte, die Schifffahrt auf der Scheidezu hindern, wovon doch der ganze Erfolg derBelagerung abhing, so beschloß er, den Stromdurch eine Brücke gänzlich zu sperren. DerGedanke war kühn, und Viele waren, die ihnsi>r abenteuerlich hielten- Sowol die Breitedes Stroms, welche in diesen Gegenden über^wölfhundert Schritte beträgt, als die reißendeGewalt desselben, die durch die Fluth des nahenHeeres noch verstärkt wird, schienen jeden Äcr-Mch dieser Art unausführbar zu machen; dazuder Mangel an Bauholz, an Schiffen, an7"frkleuten, und dann die gefährliche StellungWüschen der Anlwerpischen und Seeländischen«lvtte, denen es ein Leichtes seyn mußte, in^rbindung mit einem stürmischen Elemente,so langwierige Arbeit zu stören. Aber^ Herzog von Parma kannte seine Kräfte,^d seinen entschlossenen Muth konnte nur dasunmögliche bezwingen. Nachdem er sowol diene,te als die Tiefe des Stroms hatte aus-jkssen lassen, und mit zweyen seiner geschickte-n Ingenieurs, Barocci und Plato,

Kurz, Pros. Lit. »I.

von Schiller.

darüber zu Rathe gegangen war, siel derSchluß dahin aus, die Brücke zwischen Kallooin Flandern und Ordam in Brabant zu er-bauen. Man erwählte diese Stelle deswegen,

5 weil der Strom hier die wenigste Breite hat,und sich etwas zur Rechten krümmt, welchesdie Schiffe aufhält, und sie nöthigt, den Windzu verändern. Z» Bedeckung der Brücke wur-den an beyden Enden derselben starke Basteyen10 aufgeführt, wovon die eine auf dem flandrischenUfer das Fort St. Maria, die andre auf dembrabantischen dem Könige zu Ehren das FortSt. Philipp genannt wurde.

15 Indem man im spanischen Lager zu Aus-führung dieses Vorhabens die lebhaftesten An-stalten machte,, und die ganze Aufmerksamkeitdes Feindes dahin gerichtet war, that der Her-zog einen unerwarteten Angriff auf Dcndcr-20 monde, eine sehr feste Stadt zwischen Gentund Antwerpen, wo sich die Dcnder mit derScheide vereinigt. So lange dieser bedeutendePlatz noch in feindlichen Händen war, konntendie Städte Gent und Antwerpen einander ge-25 genseirig unterstützen, und durch ihre leichteCommunikalion alle Bemühungen der Belage-rer vereiteln. Die Eroberung derselben gabdem Herzoge freye Hand gegen beyde Städte,und konnte für das ganze Glück seiner Unkcr-30 nehmung entscheidend werden. Die Schnellig-keit, mit der er sie überfiel, ließ den Belager-ten keine Zeit, ihre Schleußet, zu eröffnen unddas Land umher unter Wasser zu setzen. DieHaupt-Bastey der Stadt vor dem Brüsseler35 Thore wurde sogleich heftig beschossen, aber dasFeuer der Belagerten richtete unter den Spa-niern eine große Niederlage an. Anstalt da-durch abgeschreckt zu werden, wurden sie nurdesto hitziger, und der Hohn der Besatzung,40 welche die Bildsäule eines Heiligen vor ihrenAugen verstümmelte, und unter den schnödestenMißhandlungen von der Brustwehr herabstürzte,setzte sie vollends in Wuth. Sie drangen mitUngestüm darauf, gegen die Bastey geführt zu45 werden, ehe noch hinlänglich Bresche geschossenwar, und der Herzog, um dieses erste Feuerzu benutzen, erlaubte den Sturm. Nach einemzweystündigen, mörderischen Gefechte war dieBrustwehr erstiegen, und was der erste Grimm50 der Spanier nicht aufopferte, warf sich in dieStadt. Diese war nun zwar dem feindlichenFeuer stärker ausgesetzt, welches von dem er-oberten Walle auf sie gerichtet wurde; aberihre starken Mauern und der breite wasserreiche55 Graben, der sie rings umgab, ließen wohl einenlangen Widerstand befürchten. Der unternehmendeGeist des Herzogs von Parma besiegte in Kur-zem auch diese Schwierigkeit. Indem Tag undNacht das Bombardement fortgesetzt wurde,60 mußten die Truppen ohne Unterlaß arbeiten,die Dender abzuleiten, von welcher der Stadt-graben sein Wasser erhielt; und Verzweiflungergriff die Belagerten, als sie das Wasser ihresGrabens, diese einzige noch übrige Schutzwcbr65 der Stadt, allmälig verschwinden sahen. Sieeilten, sich zu ergeben, und empfingen im Au-gust 1564 spanische Besatzung. In einem Zeit-räume von nicht mehr als eilf Tagen war dieseUnternehmung ausgeführt, zu welcher nach dem22