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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
339-340
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Friedrich von Schiller.

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Urtheile der Sachverständige» eben so vieleWochen erforderlich geschienen.

Die Stadt Gent, nunmehr von Antwerpenund von der See abgeschnitten, von den Truppendes Königs, die in ihrer Nahe campirten, immer 5stärker und stärker bedrängt, und ohne alle Hoff-nung eines nahen Entsatzes, gab jetzt ihre Ret-tung auf, und sah den Hunger nebst seinemganzen Gefolge mir schrecklichen Schritten sichnähern. Sie schickte daher Abgeordnete in das 10spanische Lager zu Bevern, um sich dem Königeauf die nämlichen Bedingungen zu unterwer-fen, die ihr der Herzog einige Zeit vorher ver-geblich angeboten hatte. Man erklärte denAbgeordneten, daß die Zeit der Verträge vor- 15bey sey, und daß nur eine unbedingte Unter-werfung den erzürnten Monarchen besänftigenkönne. Ja, man ließ sie sogar befürchten, daßman dieselbe Demüthigung von ihnen verlan-gen würde, zu welcher ihre rebellischen Vor- 20fahren unter Karl dem Fünften sich hatten ver-stehen müssen, nämlich halb nackt und miteinem Strick um den Hals um Gnade zu flehn.Trostlos reisten die Abgeordneten zurück, aberschon am dritten Tage erschien eine neue Ge- 25sandtschafc, welche endlich, auf die Fürspracheeines Freundes von dem Herzoge von Parma,der in Gentischer Gefangenschaft war, nochunter erträglichen Bedingungen den Frieden zuStande brachte. Die Stadt mußte eine Geld- 50büße von zweimalhunderltausend Gulden erle-gen, die verjagten Papisten zurückrufen undihre protestantischen Bewohner vertreiben; dochwurde den Letzter» eine Frist von zwey Jah-ren vergönnt, um ihre Sachen in Ordnung zu 35bringen. Alle Einwohner, bis auf sechs, dieman zur Strafe auszeichnete, aber nachher dochnoch begnadigte, erhielten Verzeihung, und derGarnison, die aus zweytausend Mann bestand,wurde ein ehrenvoller Abzug bewilligt. Dieser 40Vergleich kam im September desselben Jahresim Hauptquartier zu Bevern zu Stande, undunmittelbar darauf rückten dreylausend Mannspanischer Truppen zur Besatzung ein.

Mehr durch die Furcht seines Namens und 45durch den Schrecken des Hungers, als durchseine gcwaffnere Macht, hatte der Herzog vonParma diese Stadt bezwungen, die größte undfesteste in den Niederlanden, die an Umfang derinnern Stadt Paris nichts nachgibt, sieben und 50dreyßigtausend Häuser zählt, und aus zwanzigInseln besteht, die durch acht und neunzig stei-nerne Brücken verbunden werden. GlänzendePrivilegien, welche diese Stadt im Laufe meh-rerer Jahrhunderte von ihren Beherrschern zu 55erringen gewußt hatte, nährten in ihren Bür-gern den Geist der Unabhängigkeit, der nichtselten in Trotz und Frechheit ausartete, undmit den Maximen der östreichisch-spanischen Re-gierung in einen sehr natürlichen Streit ge- 60rieth. Eben dieser muthige Freyheitesinn ver-schaffte auch der Reformation ein schnelles undausgebreitetes Glück in dieser Stadt, und beideTriebfedern verbunden führten alle jene stür-mischen Auftritte herbey, durch welche sich die- 65selbe im Laufe des niederländische» Kriegs zuihrem Unglücke auszeichnete. Außer den Geld-summen , die der Herzog von Parma jetzt vonder Stadt erhob, fand er in ihren Mauern

noch einen reichen Vorrath von Geschütz, vonWagen, Schiffen und allerley Baugerälhe, nebstder erforderlichen Menge von Werkleuten undMatrose», wodurch er in seiner Unternehmunggegen Antwerpen nicht wenig gefördert wurde.

Roch ehe Gent an den König überging,waren die Städte Lilvorden und Herentals indie Hände der Spanier gefallen, auch die Block-häuser ohnweit dem Flecken Willebrock von ih-nen besetzt worden, wodurch Antwerpen vonBrüssel und Mecheln abgeschnitten wurde. DerVerlust aller dieser Plätze, der in so kurzerZeit erfolgte, entriß den Anlwerpern jede Hoff-nung eines Succurses aus Brabant und Flan-dern und schränkte alle ihre Aussichten auf denBeystand ein, der aus Seeland erwartet wurde,und welchen zu verhindern der Herzog vonParma nunmehr die ernstlichsten Anstaltenmachte.

Die Bürger Antwerpens hatten den erstenBewegungen des Feindes gegen ihre Stadt mitder stolzen Sicherheit zugesehen, welche derAnblick ihres unbezwingbaren Stroms ihneneinflößte. Diese Zuversicht wurde auch gewis-sermaßen durch das Urtheil des Prinzen vonOranien gerechtfertigt, der auf die erste Nach-richt von dieser Belagerung zu verstehen gab,daß die spanische Macht an den Mauern Ant-werpens sich zu Grunde richten werde. Uwjedoch nichts zu versäumen, was zur Erhaltungdieser Stadt dienen könnte, berief er, kurzeZeit vor seiner Ermordung, den Bürgermeistervon Antwerpen, Philipp Marnir von St. Al-degonde, seinen vertrauten Freund, zu sich nachDelft, wo er mit demselben wegen Vertheidi-gung Antwerpens Abrede nahm. Sein Rathging dahin, den großen Damm zwischen San-vliet und Lillo, der Blaauwgarendik genannt,unverzüglich schleifen zu lassen, um die Wasserder Oster-Schelde, so bald es Noth thäte, überdas niedrige Land von Bergen ausgießen, undden Seeländischen Schiffe», wenn etwa dieScheide gesperrt würde, durch die überschwemm-ten Felder einen Weg zu der Stadt eröffnenzu können. Aldegonde hatte auch wirklich nachseiner Zurückkunft den Magistrat und den größ-ten. Theil der Bürger bewogen, in diesen Vor-schlag zu willige», als die Zunft der Fleischerdagegen aufstand und sich beschwerte, daß ih^dadurch die Nahrung entzogen würde; den»das Feld, welches man unter Wasser setzenwollte, war ein großer Strich Weideland, amwelchem jährlich gegen zwölftausend Ochsen ge'mästet wurden. Die Zunft der Fleischer be-hielt die Oberhand, und wußte die Ausführungjenes heilsamen Vorschlags so lange zu verzö-gern, bis der Feind die Dämme mit sammt demWeideland in Besitz genommen halte.

Auf den Antrieb des Bürgermeisters,Aldegonde, der, selbst ein Mitglied der Slamten Brabants, bey denselben in großem An!^hcn stand, hatte man noch vor Ankunft ^Spanier die Festungswerke an beyden Uftrder Scheide in bessern Stand gesetzt, und u-die Stadt berum viele neue Schanzen ernch-r-Man hatte bey Saflingen die Dämme durM'stachen, und die Wasser der Westerschelde he)'nahe über das ganze Land Waes '

2» der angränzcnden Markgrafschaft »erg