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Friedrich von Schiller. 344
daß acht Mann neben einander darauf Platzhalten, und ein Geländer, das zu beyden Sei-ten hinweglief, schützte vor dem Musketenfeuerder feindlichen Schiffe. Diese Estacade, wieman sie nannte, lief von beyden entgegenstehen-den Ufern so weil in den Strom hinein, alses die zunehmende Tiefe und Gewalt des Was-sers verstattete. Sie verengte den Stromum eilfhundert Fuß; weil aber der mittlereund eigentliche Strom sie durchaus nicht dul-dete , so blieb noch immer zwischen beyden Esta-caden ein Raum von mehr als sechshundertSchritten offen, durch welchen eine ganze Pro-viantflolte bequem hindurchsegeln konnte. Die-sen Zwischenraum gedachte der Herzog vermit-telst einer Schiffbrücke auszufüllen, wozu dieFahrzeuge von Dünkirchen sollten hergeschafftwerden. Aber außerdem, daß dort Mangel da-ran war, so hielt es schwer, solche ohne gro-ßen Verlust an Antwerpen vorbeyzubringen.Er mußte sich also einstweilen damit begnügen,den Fluß um die Hälfte verengt, und den Durch-zug der feindlichen Schiffe um so viel schwieri-ger gemacht zu haben. Denn da, wo sich dieEstacaden in der Mitte des Stroms endigten,erweiterten sie sich beyde in ein längliches Vier-eck, welches stark mit Kanonen besetzt war, undmitten im Wasser zu einer Act Festung diente.Von da aus wurde auf alle Fahrzeuge, diedurch diesen Paß sich hindurchwagten, ein fürch-terliches Feuer unterhalten, welches jedoch nichtverhinderte, daß nicht ganze Flotten und ein-zelne Schiffe diese gefährliche Straße glücklichvorüberzogen.
Unterdessen ergab sich Gent, und diese un-erwartet schnelle Eroberung riß den Herzogauf einmal aus seiner Verlegenheit. Er fandin dieser Stadt alles Nöthige bereit, um seineSchiffbrücke zu vollenden, und die Schwierig-keit war bloß, es sicher herbevzuschaffen. Da-zu eröffneten ihm die Feinde selbst den natür-lichsten Weg. Durch Eröffnung der Dämmebey Schlingen war ein großer Theil von demLande Waes bis zu dem Flecken Borcht unterWasser gesetzt worden, so, daß es gar nichtschwer hielt, die Felder mit flachen Fahrzeugenzu befahren. Der Herzog ließ also seine Schiffevon Gent auslachen, und beorderte sie, nach-dem sie Dcndermonde und Rupelmondc passirl,den linken Damm der Scheide zu durchstechen,Antwerpen zur Rechten liegen zu lassen undgegen Dorcht in das überschwemmte Feld hin-einzusegeln. Zur Versicherung dieser Fahrtwurde bei dem Flecken Borcht eine Bastcy er-richtet, welche die Feinde im Zaum haltenkönnte. Alles gelang nach Wunsch, obgleichnicht ohne einen lebhaften Kampf mit der feind-lichen Flotte, welche ausgeschickt worden war,diesen Zug zu stören. Nachdem man „och ei-nige Damme unterwegs durchstochen, erreichteman die spanischen Quartiere bey Kalloo, undlief glücklich wieder in die Scheide. Das Froh-locken der Armee war um so größer, nachdemman erst die große Gefahr vernommen, der dieSchiffe nur eben entgangen waren. Denn kaumhatten sie stch der feindlichen Schiffe entledigt,so war schon eine Verstärkung der letzter» vonAntwerpen unterwegs, welche der tapfere Ver-theidiger von Lillo, Oder von Teligny anführte.
Als dieser die Arbeit gethan und die Feindeentwischt sah, so bemächtigte er sich des Dam-mes, an dem Jene durchgebrochen waren, undwarf eine Bastey an der Stelle auf, um den5 Gentischen Schiffen, die etwa noch ankommenmöchten, den Paß zu verlegen.
Dadurch gerielh der Herzog von Parmaaufs Neue ins Gedränge. Noch hatte er beyWeitem nicht Schiffe genug, weder für seine1g Brücke, noch zur Vertheidigung derselben, undder Weg, auf welchem die vorigen herbeyge-schafft worden, war durch das Fort des Telignygesperrt. Indem er nun die Gegend in derAbsicht recognoscirke, einen neuen Weg für15 seine Flotten ausfindig zu machen, stellte sichihm ein Gedanke dar, der nicht blos seine ge-genwärtige Verlegenheit endigte, sondern derganzen Unternehmung auf einmal einen lebhaf-ten Schwung gab. Nicht weit von dem Dorse2g Stecken, im Lande Waes, von'welchem Orteman noch etwa fünftausend Schritte bis zumAnfange der Ueberschwemmungen hatte, fließtdie Moer, ein kleines Wasser, vorbey, das beyGent in die Scheide fällt. Von diesem Flusse25 nun ließ er einen Kanal bis an die Gegendführen, wo die Ueberschwemmung den Anfangnahm, und weil die Wasser nicht überall hochgenug standen, so wurde der Kanal zwischenBever» und Verrebroek bis nach Kalloo fort-3g geführt, wo die Scheide ihn aufnahm. Fünf-hundert Schanzgräber arbeiteten ohne Unter-laß an diesem Werke, und um die Verdrossen-heit der Soldaten zu ermuntern, legte der Her-zog selbst mit Hand an. Er erneuerte auf35 diese Art das Beyspiel zweyer berühmter Rö-mer, Drusus und Korbulo, welche durch ähn-liche Werke den Rhein mit der Südersee, unddie Maas mit dem Rheine verbanden.
Dieser Kanal, den die Armee ihrem Urhe-4g der zu Ehren den Kanal von Parma nannte,erstreckte sich vicrzehntausend Schritte lang,und hatte eine verhältnißmäßige Tiefe undBreite, um sehr beträchtliche Schiffe zu tra-gen- Er verschaffte den Schiffen aus Gent45 nicht nur einen sicher», sondern auch einenmerklich kürzern Weg zu den spanischen Quar-tieren, weil sie nun nicht mehr nöthig hatten,den weitläufligcn Krümmungen der Scheide zufolgen, sondern bey Gent unmittelbar in diegg Moer traten, und von da aus bey Steckendurch den Kanal und durch das überschwemmteLand bis nach Kalloo gelangten. Da in derStadt Gent die Erzeugnisse von ganz Flandernzusammenflössen, so setzte dieser Kanal das spa-55 nischc Lager mit der ganzen Provinz in Zu-sammenhang. Von allen Orten und Endenströmte der Ueberfluß herbey, daß man im gan-zen Laufe der Belagerung keine» Mangel wehrkannte. Aber der wichtigste Vortheil, den der60 Herzog aus diesem Werke zog, war ein hi»re^chender Vorralh an flachen Schiffen, wodurcher in den Stand gesetzt wurde, den Bau seineBrücke zu vollenden.
Unter diesen Anstalten war der Winse65 herbcygekommen, der, weil die Scheide mir E'ging, in dem Bau der Brücke einen ziemlich,'ange» Stillstand verursachte. Mit Unruhehatte der Herzog dieser Jahreszeit entgegenge-sehen, die seinem angefangenen Werke heev