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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
345-346
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Friedrich von Schiller.

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verderblich werden, den Feinden aber bey einemernsthaften Angriffe auf dasselbe desto günstigerseyn konnte. Aber die Kunst seiner Baumei-ster entriß ihn der einen Gefahr, und die In-konsequenz der Feinde befreyte ihn von derandern. Zwar geschah es mehrmals, daß mireintretender Meeresfluth starke Eisschollen sichin den Staketen verfingen, und mit heftigerGewalt das Gebälk erschütterten, aber es stand,und der Anlauf des wilden Elements machteblos seine Festigkeit sichtbar.

Unterdessen wurde in Antwerpen mir frucht-losen Dcliberarionen eine kostbare Zeit verschwen-det, und über dem Kampf der Parteyen dasallgemeine Beste vernachlässigt. Die Regierungdieser Stadt war in allzuviele Hände vertheilt,und der stürmischen Menge ein viel zu großerAntheil daran gegeben, als daß man mit Ruhehärte überlegen, mit Einsicht wählen, und mitFestigkeit ausführen können. Außer dem eigent-lichen Magistrate, in welchem der Bürgermei-ster bloß eine einzelne Stimme hatte, waren inder Stadt noch eine Menge Korporationen vor-handen, denen die äußere und innere Sicherheit,die Provianlirung, die Befestigung der Stadt,das Schiffswesen, der Kommerz u. dgl. oblag,und welche bey keiner wichtigen VerhandlungÜbergängen seyn wollten. Durch diese Mengevon Sprechern, die, so oft es ihnen beliebte,in die Rathsversammlung stürmten, und wassie durch Gründe nicht vermochten, durch ihrGeschrey und ihre starke Anzahl durchzusetzenwußten, bekam das Volk einen gefährlichen Ein-fluß in die öffentlichen Berathschlagungen, undder natürliche Widerstreit so entgegengesetzterInteressen hielt die Ausführung jeder heilsamenMaßregel zurück. Ein so schwankendes undkraftloses Regiment konnte sich bey einem trotzi-gen Schiffsvolke und bey einer sich wichtigdünkenden Soldateska nicht in Achtung setzen;daher die Befehle des Staats auch nur schlechteBefolgung fanden, und durch die Nachlässig-keit, wo nicht gar offenbare Meutere») der Trup-pen und des Schiffsvolks mehr als einmal derentscheidende Augenblick verloren ging.

Die wenige Uebereinstimmung in der Wahlder Mittel, durch welche man dem Feinde wider-stehen wollte, würde indessen bey Weitem nichtso viel geschadet haben, wenn man nur in demZwecke selbst vollkommen einig gewesen wäre.Aber eben darüber waren die begüterten Bür-ger und der große Haufe in zwey entgegenge-setzte Parteyen getheilt, indem die erster» nichtohne Ursache von der Extremität Alles fürch-teten, und daher sehr geneigt waren, mit demHerzoge von Parma in Unterhandlungen zutreten. Diese Gesinnungen verbargen sie nichttänger, als das Fort LieskcnShoek in feindlicheHände gefallen war, und man nun im ErnsteAnfing, für die Schiffahrt auf der Scheide zuttirchlen. Einige derselben zogen ganz und.gar^tl, und überließen die Stadt, mit der sie das^ure genossen, aber das Schlimme nicht thci->sn mochten, ihrem Schicksale. Sechszig bisIssbenzig der Zurückbleibenden aus dieser Klasseübergab,, dem Rathe eine Bittschrift, worinsie den Wunsch äußerten, daß man mit dem^.önig trakliren möchte. Sobald aber das Volkbovon Nachricht erhielt, so gerieth es in eine

wüthende Bewegung, daß man es kaum durchEinsperrung der Supplikanten und eine den-selben aufgelegte Geldstrafe besänftigen konnte.Es ruhte auch nicht eher, als bis ein Edikt5 zu Stande kam, welches auf jeden heimlichenoder öffentlichen Versuch zum Frieden die To-desstrafe setzte.

Dem Herzoge von Parma, der in Antwer-pen nicht weniger, als in den übrigen Städten10 Brabants und Flanderns, geheime Verständnisseunterhielt und durch seine Kundschafter gutbedient wurde, entging keine dieser Bewegun-gen , und er versäumte nicht, Vortheil davonzu ziehen. Obgleich er in seinen Anstalten weit15 genug vorwärts gerückt war, um die Stadt zubeängstigen, so waren doch noch sehr viele Schrittezu thun, um sich wirklich von derselben Meisterzu machen, und ein einziger unglücklicher Au-genblick konnte das Werk vieler Monate ver-20 Nichten. Ohne also in seinen kriegerischen Vor-kehrungen etwas nachzulassen, machte er nocheinen ernstlichen Versuch, ob er sich der Stadtnicht durch Güte bemächtigen könnte. Er er-ließ zu dem Ende im November dieses Jahres25 an den großen Rath von Antwerpen ein Schrei-ben, worin alle Kunstgriffe aufgeboten waren,die Bürger entweder zur Uebergabe der Stadtzu vermögen, oder doch die Trennung unterdenselben zu vermehren. Er betrachtete sie in30 diesem Briefe als Verführte, und wälzte dieganze Schuld ihres Abfalls und ihrer bisheri-gen Widersetzlichkeit auf den ränkevollen Geistdes Prinzen von Oranien, von welchem dieStrafgerechtigkeit des Himmels sie seit Kurzem35 befreyet habe. Jetzt, meinte er, stehe es inihrer Macht, aus ihrer langen Verblendung zuerwachen, und zu einem Könige, der zur Ver-söhnung geneigt sey, zurückzukehren. Dazu,fuhr er sott, biete er selbst sich mit Freuden40 als Mittler an, da er nie aufgehört habe, einLand zu lieben, worin er geboren sey, und denfröhlichsten Theil seiner Jugend zugebrachthabe. Er munterte sie daher auf, ihm Be-vollmächtigte zu senden, mit denen er über den45 Frieden traktircn könne, ließ sie die billigste»Bedingungen hoffen, wenn sie sich bei Zeitenunterwürfen, aber auch die härtesten fürchten,wenn sie es aufs Aeußerste kommen ließen.

Dieses Schreiben, in welchem man mir Vcr-50 gnügen die Sprache nicht wiederfindet, welcheein Herzog von Alba zehn Jahre vorher inähnlichen Fällen zu führen pflegte, beantwor-tete die Stadt in einem anständigen und be-scheidenen Tone, und indem sie dem persönli-55 chen Charakter des Herzogs volle Gerechtigkeitwiderfahren ließ, und seiner wohlwollendenGesinnungen gegen sie mit Dankbarkeit er-wähnte, beklagte sie die Härte der Zeitumstände,welche ihm nicht erlaubten, seinem Charakter60 und seiner Neigung gemäß gegen sie zu ver-fahren. I» seih° Hände, erklärte sie, würdesie mit Freuden ihr Schicksal legen, wenn erunumschränkter Herr seiner Handlungen wäre,und nicht einem fremden Willen dienen müßte,65 den seine eigene Billigkeit unmöglich gut hei-ßen könne. Nur zu bekannt sey der unverän-derliche Rathschluß des Königs von Spanien,und das Gelübde, das derselbe dem Papstegethan habe; von dieser Seite sey alle ihre