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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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365-366
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Friedrich von Schiller.

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durch Waten oder Schwimmen die Schiffe zuerreichen; aber weil ihre Flucht viel zu unge-stüm geschah, so hinderten sie einander selbst,und stürzten haufenweise unter dem Schwertedes nachsetzenden Siegers. Selbst an den Schis- 5fen fanden Viele noch ihr Grab, weil Jederdem Andern zuvorzukommen suchte, und meh-rere Fahrzeuge unier der Last derer, die sichhineinwarfen, untersanken. Die Antwerper, diefür ihre Freyheit, ihren Heerd, ihren Glauben 10kämpften, waren auch die Letzten, die sich zu-rückzogen, aber eben dieser Umstand verschlim-merte ihr Geschick. Manche ihrer Schiffe wur-den von der Ebbe übereilt, und saßen fest aufdem Strande, so, daß sie von den feindlichen 15Kanonen erreicht und mit sammt ihrer Mann-schaft zu Grunde gerichtet wurden. Den an-dern Fahrzeugen, welche vorausgelaufen waren,suchten die flüchtigen Haufen durch Schwimmennachzukommen; aber die Wuth und Verwegen- 20heil der Spanier ging so weit, daß sie, dasSchwert zwischen den Zähnen, den Fliehendennachschwammen, und Manche noch mitten ausden Schiffen herausholten. Der Sieg der kö-niglichen Truppen war vollständig aber blutig; 25denn von den Spaniern waren gegen achthun-dert, von den Niederländern l die Ertrunkenennicht gerechnet) etliche Lausend auf dem Platzegeblieben: und auf beyden Seiten wurden Vielevon dem vornehmsten Adel vermißt. Mehr als 30dreyßig Schiffe fielen mit einer großen Ladungvon Proviant, die für Antwerpen bestimmt ge-wesen war, mit hundert und fünfzig Kanonenund anderm Krieasgeräthe in die Hände desSiegers. Der Damm, dessen Besitz so theuer 35behauptet wurde, war an dreyzehn verschiede-nen Orten durchstochen, und die Leichnamederer, welche ihn in diesen Zustand versetzthatten, wurden jetzt dazu gebraucht, jene Oeff-nungen wieder zuzustopfen. Den folgenden 40Tag fiel den Königlichen noch ein Fahrzeugvon ungeheurer Größe und seltsamer Bauartw die Hände, welches eine schwimmende Festungvorstellte, und gegen den Cowensteinschen Dammhatte gebraucht weiden solle». Die Antwerper 45hakten es mit unsäglichem Aufwande zu dernämlichen Zeit erbaur, wo man den IngenieurGianibelli, der großen Kosten wegen, mit sei-nen heilsamen Vorschlägen abwies, und diesemlächerlichen Monstrum den stolzen Namen, »Ende 50

des Kriegs", beygelegt, den es nachher mit derweit paffendern Benennung, Verlornes Geld,vertauschte. Als man dieses Schiff in Seebrachte, fand sichs, wie jeder Vernünftige vor-her'gesagt hatte, daß es seiner unbehülflichenGröße wegen schlechterdings nicht zu lenke» sey,und kaum von der höchsten Fluth konnte auf-gehoben werden. Mir großer Mühe schlepptees sich bis nach Ordam fort, wo es, von derFluth verlassen, am Strande sitzen blieb undden Feinden zur Beute wurde.

Die Unternehmung auf den CowensteinschenDamm war der letzte Versuch, den man zuAntwerpens Rettung wagte. Von dieser Zeitan sank den Belagerten der Muth, und derMagistrat der Stadt bemühte sich vergebens,das gemeine Volk, welches den Druck der Ge-genwart empfand, mit entfernten Hoffnungenzu vertrösten. Bis jetzt hatte man das Brotnoch in einem leidlichen Preise erhalten, obgleichdie Beschaffenheit immer schlechter wurde; nachund nach aber schwand der Gccreidevorrath sosehr, daß eine Hungersnoth nahe bevorstand-Doch hoffte man, die Stadt wenigstens noch solange hinzuhalten, bis man das Getreide zwi-schen der Stadt und den äußerste» Schanzen,welches in vollen Halmen stand, würde einern-ten können: aber ehe es dazu kam, harte derFeind auch die letzten Werke vor der Stadteingenommen und die ganze Ernte sich selbstzugeeignet. Endlich siel auch noch die benach-barte und bundesverwandte Stadt Mecheln indes Feindes Gewalt, und mit ihr verschwanddie letzte Hoffnung, Zufuhr aus Brabanl zuerhalten. Da man also keine Möglichkeit mehrsah, den Proviant zu vermehren, so blieb nichtsanders übrig, als die Berzehrer zu vermindern.Alles unnütze Volk, alle Fremden, ja selbst dieWeiber und Kinder sollten aus der Stadt hin-weggeschafft werden; aber dieser Vorschlag strittallzusehr mit der Menschlichkeit, als daß er hättedurchgehen sollen. Ein anderer Vorschlag / diekatholischen Einwohner zu verjagen, erbittertediese so sehr, daß es beynahe zu einem Aufruhrgekommen wäre. Und so sah sich denn St. Al-degonde genöthigt, der stürmischen Ungeduld desVolks nachzugeben, und am siebenzehnten Au-gust 1585 mit dem Herzoge von Parma wegenUebergabe der Stadt zu trakiiren.

IV. Ueber Völkerwanderung, üreuzzüge und Mittclaltcr.

Das neue System gesellschaftlicher Verfassung,^ches, im Norden von Europa und Asien^eugt, mit dem neuen Völkergeschlechte auffn Trümmern des abendländischen Kaiserthums'"geführt wurde, hatte nun beynahe siebenJahrhunderte lang Zeit gehabt, sich aus diesemkuen und größer» Schauplatz und in neuenkrbindungen zu versuchen, sich in allen seinen"ten und Abarten zu entwickeln, und alle seinetz^lchiedenen Gestalten und Abwechslungen zu"rchlaufen. Die Nachkommen der Vandalen,ueven, Alanen, Golhen, Heruler, Langobar-

den, Franken, Burgundier u. a. m. warenendlich eingewohnt auf dem Boden, den ihre60 Vorfahren mit dem Schwert in der Hand be-treten hatten, als der Geist der Wanderungund des Raubes, der sie in dieses neue Vater-land geführt, beym Ablauf des eilften Jahrhun-derts in einer andern Gestalt und durch andere65 Anlässe wieder bey ihnen aufgeweckt wurde.Europa gab jetzt dem südwestlichen Asien dieBölkerschwärme und Verheerungen heim, diees siebenhundert Jahre vorher von dem Nordendieses Welttheils empfangen und-erlitten hatte,