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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
369-370
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Friedrich von Schiller.

Menschen wird sie bewohnen. Alle Künste derSchönheit und der Pracht, der Ueppigkeit und 'Verfeinerung gehen unter; kostbare Denkmäler,sur die Ewigkeit gegründet, sinken in den Staub,und eine tolle Willkühr darf in dem feinen Rä- 5derwerk einer geistreichen Ordnung wühlen;aber auch in diesem wilden Lumulc ist dieHand der Ordnung geschäftig, und was denkommenden Geschlechtern von den Schätzen derVorzeit beschicken ist, wird unbemerkt vor dem 10zerstörenden Grimm des jetzigen geflüchtet.Eine wüste Finsterniß breitet sich jetzt über die-ser weiten Brandstätte aus, und der elende er-mattete Ueberrest ihrer Bewohner hat für einenneuen Sieger gleich wenig Widerstand und 15,Verführung.

Raum ist jetzt gemacht aus der Bühne —und ein neues Volkergeschlechc besetzt ihn, schonseit Jahrhunderten still, und ihm selbst unbe-wußt, in den nordischen Wäldern zu einer er- 2 Nfrischenden Kolonie des erschöpften Westen er-zogen. Roh und wild sind seine Gesetze, seineSitten; aber sie ehren in ihrer roden Weisedie menschliche Natur , die der Alleinherrscherin seinen verfeinerten Sklaven nicht ehrt. Un- 25verrückt, als war' er noch auf salischer Erde,und unversucht von den Gaben, die der unter-jochte Römer ihm anbietet, bleibt der Frankeden Gesetzen treu, die ihn zum Sieger mach-ten; zu stolz und zu weise, aus den Händen Jgder Unglücklichen Werkzeuge des Glücks anzu-nehmen. Auf dem Lschenhaufen römischer Prachtbreitet er seine nomadstchen Gezrlle aus, bäumtden eisernen Speer, sein höchstes Gut, auf demeroberten Loden, pflanzt ihn vor den Richter- 35stuhlen auf, und selbst das Ehristenchum, willes anders den Wilden fesseln, muß das schreck-liche Schwert umgurien. ' '

Und nun entfernen sich alle fremde» Händevon dem Sohne der Natur. Zerbrochen werden 45die Brücken zwischen Byzanz und Massilien,zwischen Alexandria und Rom, der schüchterneKaufmann eilt heim, und das ländcrgaitcndeSchiff liegt entmaftei am Strande. Eine Wüstevon Gewässern und Bergen, eine Nacht wilder 4zSitten wälzt sich vor den Eingang Europenshin, der ganze Welttheil wird geschloffen-

Ein langwieriger, schwerer und merkwür-diger Kampf beginnt jetzt, der rohe germanischeGeist ringt mit den Reizungen eines neuen 5gHimmels, mit neuen Leidenschaften, ^nir deSBeyspiels stiller Gewalt, mit dem Nachlaß desumgestürzten Roms, der in dem neuen Vater-land noch in lausend Netzen ihm nachstellt, undwehe dem Nachfolger eines Klodion, der auf 55der Hcrrscherbuhne des Trajanus sich Lraja-nus dunkl! Lausend Klingen sind gezückt, ihmdie scythische Wildniß ins Gedächtniß zu rufen.Hart stößt die Herrschsucht mir der Freyheitzuiammen, der Lrotz mit der Festigkeit, die 6NList strebt, die Kühnheit zu umstricken, dasschreckliche Recht der Stärke kommt zurück, undJahrhunderte lang sieht man den rauchendenStahl nicht erkalten. Eine traurige Nacht, '

die alle Köpfe verfinstert, hängt über Europaherab, und nur wenige Lichlfunken fliegen auf,das nachgelassene Dunkel desto schrecklicher zuzeigen. Die ewige Ordnung scheint von demSteuer der Welt geflohen, oder, indem sie einentlegenes Ziel verfolgt, dbs gegenwärtige Ge-schlecht aufgegeben zu haben. Aber, eine gleicheMutter allen ihren Kindern, rettet sie einstwei-len die erliegende Ohnmacht an den Fuß derAltäre, und gegen eine Noth, die sie ihm nichterlassen kann, stärkt sie das Herz mit demGlauben der Ergebung. Die Sitten vertrautsie dem Schutz eines verwilderten Christenthums,und vergönnt- dem mittlern Geschlechte, sichan diese wankende Krücke zu lehnen, die siedem stärkeren Engel zerbrechen wird. Aber indiesem langen Kriege erwärmen zugleich dieStaaten und ihre Bürger; kräftig wehrt sich derdeutsche Geist gegen den herzumstrickenden De-spotismus, der den zu früh ermattenden Römererdrückte; der Quell der Freyheit springt in,lebendigem Strome,, und unüberwunden, undwohlbehalten langt das spchlere Geschlecht beydem schönen Jahrhundert an, wo sich endlich,herbeygeführc durch die vereinigte Arbeit desGlücks und der Menschen, das Licht des Ge-dankens mit der Kraft des Entschlusses, dieEinsicht mit dem Heldenmuth galten soll. DaRom noch Scipionen und Fabier" zeugte, fehl-ten ihm die Weisen, die ihrer Lugend das Zielgezeigt hätten: als seine Weifen blühten, harteder Despotismus sein Opfer gewürgt, und dieWohlthat ihrer Erscheinung war an dem ent-nervten Jahrhundert verloren. Auch die grie-chische .Lugend erreichte die helle» Zeilen desPcrikleS und Alexanders nicht mehr, und alsHarun seine Araber denken lehrte, war dieGlut ihres Busens erkaltet. Ein besserer Ge-nius war es, der über das neue Europa wachte.Die lange Waffenübung des MittelallerS hattedem sechSzchncen Jahrhundert ein gesundes,starkes Geschlecht zugeführt, und der Vernunft,die jetzt ihr Panier entfaltet, kraftvolle Strei-ter erzogen.

Auf welchem andern Strich der Erde hatder Kopf die Herzen in Glut gesetzt und dieWahrheit den Arm der Tapfern bewaffnet?Wo sonst, als hier, erlebte man die Wnn-dererscheinung, daß Vernunflschlüffe des ruhi-gen Forschere das Feldgeschrey wurden in mör-derischen Schlachten, daß die Stimme der Selbst-liebe gegen den stärkern Zwang der Ueberzeu-gung ichwieg, dass der Mensch endlich dasLheuerste an das Edelste setzte? Die erhabensteAnstrengung griechischer und römischer Lugendhat sich nie über bürgerliche Pflichten geschwun-gen, nie oder nur in einem einzigen Weifen,dessen Name schon der größte Vorwurf seinesZeitalters ist: das höchste Opfer, das die Na-tion in ihrer Heldenzeic brachte, wurde dem

Vaterland gebracht. Beym Ablauf des Mittel-

alterS allein erblickt man in Europa einen En-thusiasmus, der einem höher» Vernunflidolauch das Vaterland opfert. Und warum nur

1) Oder waS man dafür hielt. ES braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, da'ß es hier nicht auf ven Wert!)der Materie ankommt, die gewonnen wurde, sondern auf die unternommene Mühe der Arbeit; auf den Flcip undnicht auf das Erzcugniß. Was es auch seyn mochte, wofür man kämpfte; es war immer ein Kampf für die Vernunft;denn durch die Vernunft allein hatte man daö Neckt dazu erfahren, und nir dieses Recht wurde ja eigentlich nur gestrittenKurz, pros. Lit. II.