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Friedrich vv» Schiller. 372
bier, und hier auch nur einmal diese Erschei-nung? Weil in Europa allein, und hier nuram Ausgang des Mittelalrers, die Energie desWillens mit dem Licht des Verstandes zusam-mentraf, stier allein ei» noch männliches Gc- 5schlecht in die Arme der Weislicit geliefertwurde.
Durch das ganze Gebiet der Geschichte sehe»wir die Entwicklung der Staaten mit der Ent-wicklung der Köpfe einen sehr ungleichen Schritt 1»beobachten. Staaten sind jährige Pflanzen, diein einem kurzen Sommer verblühen, und vonder Fülle des Saftes rasch in die Fäulniß bin-übereilen: Aufklärung ist eine langsame Pflanze,
. die z„ ihrer Zeicigung einen glücklichen Him- 15mel, viele Pflege und eine lange Reihe vonFrühlingen braucht. Und woher dieser Unter-schied? Weil die Staaten der Leidenschaft an-vertraut sind, die in jeder Menschenbrust ihrenZunder findet, die Aufklärung aber dem Ver- 20stände, der nur durch fremde Nachhülfe sichentwickelt, und dem Glück der Entdeckungen,welche Zeit und Zufälle nur langsam zusam-mentragen. Wie oft wird die eine Pflanzeblühen und welken, ehe die andere einmal her- 25anreist? Wie schwer ist es also, daß die Staa-ten die Erleuchtung abwarten, daß die späteVernunft die frühe Freyheit noch findet? Einmalnur in der ganzen Weltgeschichte hat sich die Vor-sehung dieses Problem aufgegeben, und wir 3»haben gesehen, wie sie es löste. Durch denlangen Krieg der mittleren Jahrhunderte hieltsie das politische Leben in Europa frisch, bisder Stoff endlich zusammengetragen war, dasmoralische zur Entwicklung zu bringen.') 35
Nur Europa hat Staaten, die zugleich er-leuchtet, gesittet und ununkerworfen sind; sonstüberall wohnt die Wildheit bey der Freyheit,und die Knechtschaft bey der Kultur. Aberauch Europa allein bat sich durch ein kriegeri- 40sches Jahrtausend gerungen, und nur die Ver-wüstung im fünften und sechsten Jahrhundertkonnte dieses kriegerische Jahrtausend herbey-führen. Es ist nicht das Blut ihrer Ahnherrn,nicht der Charakter ihres Stammes, der unsre 45Väier vor dem Joch der Unterdrückung be-wahrte, denn ihre gleich frey gebornen Brüder,die Turkomannen und Manisch», haben ihreNacken unter den Despotismus gebeugt. Esist nicht der europäische Boden und Himmel, 50der ihnen dieses Schicksal ersparte, denn aufeben diesem Boden und unter eben diesem Him-
mel haben Gallier und Britten, Hetrurier undLusitaner das Joch der Römer geduldet. DasSchwert der Landalen und Hunnen, das ohneSchonung durch den Occident mähre, und daskraftvolle Völkergeschlecht, das den gereinigtenSchauplatz besetzte, und aus einem tausendjäh-rigen Kriege unüberwunden kam — diese sinddie Schöpfer unsers jetzigen Glücks; und sofinden wir den Geist der Ordnung in den zweyschrecklichsten Erscheinungen wieder, welche dieGeschichte ausweiset.
Ich glaube dieser langen Abschweifung wegenkeiner Entschuldigung ^u bedürfen. Die großenEpochen in der Geschichte verknüpfen sich zugenau mit einander, als daß die eine ohnedie andre erklärt werden könnte; und die Be-gebenheit der Kreuzzüge ist nur der Anfangzur Auflösung eines Räthsels, das dem Philo-sophen der Geschichte in der Völkerwanderungaufgegeben worden.
Im dreyzehnten Jahrhundert ist es, wo derGenius der Wett, der schaffend in der Finster-niß gesponnen, die Decke hinwegziehc, um einenTheil seines Werkes zu zeigen. Die trübe Ne-bclhülle, welche tausend Jahre den Horizontvon Europa umzogen, scheidet sich in diesemZeitpunkt, und Heller Himmel sieht hervor. Dasvereinigte Elend der geistlichen Einförmigkeitund der politischen Zwietracht, der Hierarchieund der Lehenverfaffung, vollzählig und er-schöpft beym Ablauf des eilfccn Jahrhunderts, mußsich in seiner ungeheuersten Geburt, in dem Tau-mel der heiligen Kriege , selbst ein Ende bereiten.
Ein fanatischer Eifer sprengt den verschloß-nen Westen wieder auf, und der erwachseneSohn tritt aus dem väterlichen Hause. Er-staunt sieht er in neuen Völkern sich an, freutsich am thrazischen Bosphorus seiner Freyheitund seines Muths, erröthet in Byranz überseinen rohen Geschmack, seine Ilnwiffenheit, seineWildheit, und erschrickt in Asien über seineArmuth. Was er sich dort nahm und heimbrachte, bezeugen Europens Annalen; die Ge-schichte des Orients, wen» wir eine hätten,würde uns sagen, was er dafür gab und zu-rückließ. Aber scheint es nicht, als hätte derfränkische Heldengeist in das hinsterbende By-zanz noch ein flüchtiges Leben gehaucht? Unerwar-tet rafft es mit seinen Komnenern sich auf, und,durch den kurzen Besuch der Deutschen gestärkt,gehl es von jetzt an einen edler» Schritt zumTode.
>1 Freyheit und Kultur, so unzertrennlich beyde in ihrer höchsten Fülle mit einander vereinigt find, und »urdurch diese Vereinigung zu ihrer höchsten Fülle gelangen, so schwer sind sie in ihrem Werden zu verbinden. Ruhd"f Kultur, aber nicht« ist der Freyheit gefährlicher als Ruhe. 'Alle verfeinerte Nationen dc«er hum« haben die Blüthe ihrer Kultur mit ihrer Freyheit erkauft, weil sie ihre Ruhe von »er Ilnkcrdrückungw darum gereichte ihre Kultur ihnen zum Verderben, weil sie au« dem Verccrblichcn entstanden
a . olltc dem neuen Menschengeschlecht dieses Opfer erspart werden, d. i. sollten Freyheit und Kultur sich bddihm Einigen, so muhte e« eine Ruhe auf einem ganz andern Weg al« dem Despotismus empfangen. Kein «n-möglich, al« die Gesetze, und diese kann der noch freye Mensch nur sich selber geben. Dazuaber nur Uns Einsicht und Erfahrung entweder ihre» -Nutzens, oder der schlimmen Folge» i»r-s Geist»'
»hellS cntichl, den Acnes s,h„ schon voraus, waS erst geschehen und crbalten werden soll; er kann a,,o nur durchdie schltMNicn ch stdu der Gesetzlosigkeit dazu gezwungen werten. Gesetzlosigkeit aber ist »ur von sehr kurzer Dauer,und führt nut raschem Itebergange zur willtührlichcn Gewalt. Ehe die Vernunft die Gesetze gefunden hätte, wur°die llnarchl- steh längst >» Despotismus geendigt haben. Sollte die Vernunft also Zeit »»den. die Gesetze sich rgeben, so muht. t.e Gesetzlosigkeit verlängert werden, welche» in den. Mitteialter.gesmehen ist.