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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
377-378
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Friedrich von Schiller.

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4. süO.j Schiller an Göthe.

Jena, ven 22. Februar 1795.Ihrem verlangen gemäß folgt hier dasvierte Buch des W- Meister. Wo ich einigen 5Anstoß fand, habe ich einen Strich am Randegemacht, dessen Bedeutung Sie bald finden wer-den. Wo Sie sie nicht finden, da wird auchnichts verloren sey».

Eine etwas wichtigere Bemerkung muß ich 10dey Gelegenheit des Geldgeschenkes machen, dasWilhelm von der Gräfin durch die Hände desBarons erhält und annimmt. Mir däucht —vnd so schien es auch Humboldt — daß nachdem zarten Verhältnisse zwischen ihm und der 15Gräfin, diese ihm ein solches Geschenk und durcheine fremde Hand nicht anbieten, und er nichtannehmen dürfe. Ich suchte im Contert nachelwas, was ihre und seine Delikatesse rettenkönnte, und glaube, daß diese dadurch geschont 20werden würde, wenn ihm dieses Geschenk alsRemboursemcnt für gehabte Unkosten gegebenand unter diesem Titel von ihm angenommenlvürde. Entscheiden Sie nun selbst. So wieda steht, stutzt der Leser und wird verlegen, 25wie er das Zartgefühl des Helden retten soll.

Uebrigens habe ich bey'm zweyten Durch-ist,, wieder neues Vergnügen über die »nend-"che Wahrheit der Schilderungen und über die^sefflicho Entwicklung des Hamlet empfunden. 50l^as die letztere betrifft, so wünschte ich, bloß'n Rücksicht auf die Verkettung des Ganzen,

Und der Mannigfaltigkeit wegen, die sonst in^"sem so Hohen Grade behauptet worden ist,diese Materie nicht so unmittelbar hinter 35Schänder vorgetragen, sondern, wenn es an-füge, durch einige bedeutende Zwischcnumständeuatte unterbrochen werden können. Bey derErsten Zusammenkunft mit Serlo kommt sie zu^nell wieder auf's Tapet, und nachher im Zim- 40Aureliens gleich wieder. Indeß sind dießReinigkeiten, die dem Leser gar nicht auffallenWürden, wenn Sie ihm nicht selbst durch allesvorhergehende die Erwartung der höchsten Va-lNiii beygebracht härten. 45

Körner, der mir gestern schrieb, hat miruusdrücklich anbefohlen, Ihnen für das hohe^vgnügen zu danken, das ihm Wilh. Meister"^schafft. Er hat sich nicht versagen können"u>as daraus in Musik zu setzen, welches er 50Auen durch mich vorlegt. Eins ist auf dieiundoline und das andere aus das Clavier.erstere findet sich wohl irgendwo in Wei-

A>, Herzlich empfehlen wir uns Ihnen alle, und 55sshcrn bitte ich von meiner Seite bestens zu^Ußen. Schiller.

5- (57.) Göthe an Schiller. 60

e^Borige Woche bin ich von einem sonderba->y..^ustinkte befallen worden, der glücklicher-üaiöt fortdauert. Ich bekam Lust das re-Und ^ meines Romans auszuarbeiten, 05

gen ^as Ganze auf den edelsten Täuschun-Subi"^- ^ der zartesten Verwechselung des""live» und Objective» beruht, so gehörteStimmung und Sammlung dazu als

vielleicht zu einem andern Theile. Und dochwäre, wie Sie seiner Zeit sehen werden, einesolche Darstellung unmöglich gewesen, wennich nicht früher die Studien nach der Naturdazu gesammelt hätte. Durch dieses Buch, dasich vor Palmarum zu endigen denke, bin ichganz unvermulhet in Meiner Arbeit sehr geför-dert, indem es vor- und rückwärts weist undindem es begränzt, zugleich leitet und führt.

Leben Sie wohl und lieben mich, es ist nichteinseitig.

Weimar, den 18. März 1795. G.

6. (58.)' Schiller an Göthe.

Jena, den 19. März 1795.

Aus das Gemählde, das Sie jetzt entworfenhaben, bin ich nicht wenig neugierig Es kannweniger a,ö'irgend ein anderes aus Ihrer In-dividualität fließen, denn gerade dieß scheint mireine Saite zu seyn, die bey Ihnen, und schwer-lich zu Ihrem Unglück, am seltensten anschlägt.Um so erwartender bin ich wie Sie das hete-rogene Ding mit Ihrem Wesen gemischt habenwerden. Religiöse Schwärmerey ist und kannnur Gemüthern eigen seyn, die beschauend mü-ßig in sich selbst versinken, und nichts scheintmir weniger Ihr Casus zu seyn als dieses.Ich zweifle keinen Augenblick, daß Ihre Dar-stellung wahr seyn wird, aber das ist sie als-dann lediglich durch die Macht Ihres Geniesund nicht durch die Hülfe Ihres Subjects.

Ich bin seit einiger Zeit meinen philosophi-schen Arbeiten untreu worden, um in der Ge-schwindigkeit etwas für das vierte Stück derHören zu schaffen. Das Loos traf die Bela-gerung von Antwerpen, welche auch schon ganzerträglich vorwärts gerückt ist. Die Stadt sollÜbergängen seyn wenn Sie kommen. Erst andieser Arbeit sehe ich, wie anstrengend meinevorige gewesen; denn ohne mich gerade zu ver-nachlässigen, kommt sie mir wie ein Spiel vor,und nur die Menge elenden Zeugs, die ichnachlesen muß, und die inein Gedächtniß an-strengt, erinnert mich daß ich arbeite. Freylichgibt sie mir auch nur einen magern Genuß;ich hoffe aber es geht mir wie den Köchen, dieselbst wenig Appetit haben, aber ihn bey andernerregen.

Sie würden mir einen großen Dienst erwei-sen, wenn Sie mir bis Montag den sehnlicherwarteten Prokurator gewiß schicken könnten.Ich würde alsdann nicht genöthigt seyn, denAnfang meiner Geschichte in den Druck zu ge-ben, ehe das Ende fertig ist. Sollten Sie aberverhindert seyn, so bitte ich mir es noch Sonn-abends zu wissen zu thun. Doch hoffe ich dasBeste.

Mich freut herzlich, daß Sie die Osternmit uns zubringen wollen, und ich bedarf auchwieder einer lebhaften Anregung von Außen,von einer freundschaftlichen Hand.

Meyer» bitte ich herzlich zu grüßen. Ichwünschte, daß er uns bald wieder etwas liefernmöchte. Das Siegel für die Hören habe ichnoch nicht erhalten.

Alles empfiehlt sich Ihnen und erwartet Siemir Verlangen. S ch-