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Friedrich von Schiller.
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7. (76.) Schiller an Göthe.
Jena, den 45. Juni 4795.
Dieses fünfte Buch Meisters habe ich miteiner ordentlichen Trunkenheit, und mit einer 5einzigen ungeteilten Empfindung gelesen. Selbstim Meister ist nichts, was mich so Schlag aufSchlag ergriffen und in seinem Wirbel unfrey-willig mit fortgenommen hätte. Erst am Endekam ich zu einer ruhigen Besinnung. Wenn 40ich bedenke, durch wie einfache Mittel Sie einso hinreißendes Interesse zu bewirken wußten,so muß ich mich noch mehr verwundern. Auchwas das Einzelne betrifft, so fand ich darintreffliche Stellen. Meisters Rechtfertigung gegen 45Werner seines Uebcrtritts zum Theater wegen,dieser Ucbertritt selbst, Serlo, der Souffleur,Philinc, die wilde Nacht auf dem Theater u.dgl, sind ausnehmend glücklich behandelt. Ausder Erscheinung des anonymen Geistes haben 20Sie so viel Parthic zu ziehen gewußt, daß ichdarüber nichts mehr zu sagen weiß. Die ganzeIdee gehört zu den glücklichsten die ich kenne,und Sie wußten das Interesse, das darin lag,bis aus den letzten Tropfen auszuschöpfen. Am 25Ende freylich erwartet jedermann den Geist beyder Tafel zu sehen, aber da Sie selbst an die-sen Umstand erinnern, so begreift man wohl,daß die Nichtcrscheinung ihre guten Ursachenhaben müsse. Ueber die Person des Gespenstes 50werden so viele Hypothesen gemacht werden, alsmögliche Subjecte dazu in dem Roman vorhan-den sind. Die Majorität den uns will schlech-terdings, daß Marione der Geist sey. oder dochdamit in Verbindung stelle. Auch sind wir ge- 35neigt, den weiblichen Kobold, der Meistern inseinem Schlafzimmer in die Arme zu packenkriegt, für Eine Person mit dem Geist zuhalten; bey der letzten Erscheinung habe ich aberdoch auch an Mignon gedacht, die an dem Heu- 40tigen Abend sehr viele Offenbarungen über ihrGeschlecht scheint erhalten zu haben. Sie sehenaus dieser kleinen hermcneukischen Probe, wiegut Sie Ihr Geheimniß zu bewahren gewußt.
Das Einzige, was ich gegen dieses fünfte 45Buch zu erinnern habe, ist, daß es mir zu-weilen vorkam, als ob Sie demjenigen Theile,der das Schauspielwcsen ausschließend angebt,mehr Raum gegeben hätten, als sich mit derfreyen und weilen Idee des Ganzen verträgt. 50Es sieht zuweilen aus, als schrieben Sie fürden Schauspieler, da Sie doch nur von demSchauspieler schreiben wollen. Die Sorgfalt,welche Sie gewissen kleinen Details in dieserGattung widmen, und die Aufmerksamkeit auf 55einzelne kleine Kunstvortheile, die zwar demSchauspieler und Direktor aber nicht dem Pu-blikum wichtig sind, bringen den falschen Scheineines besondern Zweckes in die Darstellung,und wer einen solchen Zweck auch nicht vermu- 00thet, der möchte Ihnen gar Schuld geben, daßeine Privatvorliebe für diese Gegenstände Ihnenzu mächtig geworden sey. Könnten Sie diesenTheil des Werks füglich in engere Gränzeneinschließen, so würde dieß gewiß gut für das 05Ganze seyn-
Jetzt noch een Wort über Ihre Briefe anden Redacteur der Hören. Ich habe schau ehe-mals daran gedacht, daß wir wohl daran thun
würden, einen kritischen Fechtplatz in den Hörenzu eröffnen. Aufsätze dieses Inhalts bringenein augenblickliches Leben in das Journal, underregen ein sicheres Interesse beym Publikum.Nur dürften wir, glaube ich, das Heft nichtaus den Händen geben, welches geschehen würde,wenn wir dem Publikum und den Autoren eingewisses Recht durch unsere, förmliche Einla-dung einräumten. Bon dem Publikum hättenwir sicherlich nur die elendesten Stimmen zuerwarten, und die Autoren würden sich, wieman Beyspiele hat, sehr beschwerlich machen.Mein Borschlag wäre, daß wir die Angriffeaus unsern eigenen Mitteln machen müßten:wollten dann die Autoren sich in den Hörenvertheidigen, so müßten sie sich den Bedingun-gen unterwerfen, die wir ihnen vorschreibenwollen. Auch wäre deßhalb mein Rath, so-gleich mit der That und nicht mit der Propo-silion anzufangen. Es schadet uns nichts, wennman uns für unbändig und ungezogen hält.
Was würden Sie dazu sagen, wenn ichmich, im Namen eines Herrn von T, gegenden Verfasser von Wilhelm Meister beschwerte,daß er sich so gern bey dem Schauspieler-Bolkaufhält, und die gute Societät in seinem Ro-man vermeidet? (Sicherlich ist dieß der allge-meine Stein des Anstoßes, den die feine Welkan dem Meister nimmt, und es wäre nickstüberflüssig, auch nicht uninterreffant, die Köpftdarüber zurccht zu stellen.) Wen» Sie ant-worten wollen, so will ich Ihnen einen solchenBrief fabriciren.
Ich hoffe, daß es mit Ihrer Gesundheitjetzt wieder besser geht. Der Himmel segne IhreGeschäfte und hebe Ihnen noch recht viele ftschöne Stunden aus, wie die waren, in denenSie den Meister schrieben.
Auf die Beyträge zu dem Almanach und ausdie Unterhaltungen, wozu Sie mir Hoffnunggemacht haben, harre ich mit großem Verlan-gen. In meinem Haus geht es besser. Allesgrüßt Sie.
Schiller.
8. ,77.) Göthe an Schiller.
Ihre Zufriedenheit mit dem fünfte» Buchtdes Romans war mir höchst erfreulich, und h"^mich zur Arbeit, die mir noch bevorsteht, ge-stärkt. Es ist mir sehr angenehm, daß die >vu"'derlichen und spaßhaften Geheimnisse ihre Wir-kung thun, und daß mir, nach Ihrem Zeug*niffc, die Ausführung der angelegten Situa-tionen geglückt ist. Um so lieber habe ichErinnerungen, wegen des theoretisch-praktische"Gewäsches, genutzt, und bey einigen Stelle"die Schere wirken lassen. Dergleichen Nesteder frühern Behandlung wird man nie ga"^los, ob ich gleich das erste Manuskript fast """ein Drittel verkürzt habe. —
Es ist mir sehr angenehm, daß Ihnen dskneue Lragclaph nicht ganz zuwider ist; es "wirklich Schade für den Menschen, er schc'"sehr isolirt zu leben und kann deswegen "»1manchen guten Parthie» seiner Jndividualst"nicht zu Reinigung seines Geschmacks kommt"Es scheint leider, daß er selbst die beste Gest"-