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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
399-400
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Friedrich von Schiller. 400

19. i185.) Schiller an Göthe.

Jena den 9. Juli 1796.

Es ist mir sehr lieb zu hören, daß ich Ihnenmeine Gedanken über jene zwey Punkte habeklar machen können, und daß Sie Rücksichtdarauf nehmen wollen. Das, was Sie Ihrenrealistischen Tic nennen, sollen Sie dabei garnicht verläugnen. Auch das gehört zu Ihrerpoetischen Individualität, und i» den Gränzenvon dieser müssen Sie ja bleiben; alle Schön-heit in dem Werk muß Ihre Schönheit seyn.Es kommt also bloß darauf an, aus diesersubjektiven Eigenheit einen objektiven Gewinnfür das Werk zu ziehen, welches gewiß gelingt,sobald Sie wollen. Dem Inhalte nach mußin dem Werk alles liegen, was zu seiner Er-klärung nöthig ist, und der Form nach muß esnothwendig darin liegen, der innere Zusammen-hang muß es mit sich bringen; aber wie festoder locker es zusammenhängen soll, darübermuß Ihre eigenste Natur entscheiden. DemLeser würde es freylich bequemer seyn, wennSie selbst ihm die Momente worauf es ankommtblank und baar zuzählten, daß er sie nur inEmpfang zu nehmen brauchte; sicherlich aberhält es ihn bey dem Buche fester, und führtihn öfter zu demselben zurück, wenn er sichselber helfen muß. Haben Sie also nur dafürgesorgt, daß er gewiß findet, wenn er mit gu-tem Willen und hellen Augen sucht, so erspa-ren Sie ihm ja das Suchen nicht. Das Re-sultat eines solchen Ganzen muß immer die ei-gene freye, nur nicht willkürliche Produktiondes Lesers seyn; es muß eine Art von Beloh-nung bleiben, die nur dem Würdigen zu Theilwird, indem sie dem Unwürdigen sich entziehet.

Ich will, um es nicht zu vergessen, nocheinige Erinnerungen hersetzen, worauf ich, inRücksicht auf jene geheime Maschinerie, zu ach-ten bitte. 1) Man wird wissen wollen, zuwelchem Ende der Abbv oder sein Helfershelferden Geist des allen Hamlet spielt; 2) daß derSchleier mit dem Zettelchen „Flieh, flieh rc."zweymal erwähnt wird, erregt Erwartungen,daß diese Erfindung zu keinem unbedeutendenZwecke diene. Warum, möchte man fragen,treibt man Wilhelmen von der Einen Seitevon dem Theater, da man ihm doch von ver-ändern zur Aufführung seines Lieblingsstücksund zu seinem Debüt behülflich ist? Man er-wartet auf diese zwey Fragen eine mehr spe-zielle Antwort, als Jarno bis jetzt gegeben hat;3) möchte man auä? wohl gerne wissen, ob derAbbe und seine Freunde, vor der ErscheinungWerners im Schlosse, schon gewußt, daß sie esbey dem Giuskauf mit einem so genauenFreund und Verwandten zu thun haben? IhremBenehmen nach scheint es fast so, und so wun-dert man sich wieder über das Geheimniß, dassie Wilhelme» daraus gemacht haben; 4j wäredoch zu wünschen, daß man die Quelle erführe,aus welcher der Abbö die Nachrichten von The-resens Abkunft schöpfte, besonders da es dochetwas befremdet, daß dieser wichtige Umstandso genau dabey inieressirten Personen und diesonst so gut bedient sind, bis auf den Moment,wo der Dichte'r ihn braucht, hat ein Geheim-niß bleiben können.

Es ist wohl ein bloßer Zufall, daß die zweyteHälfte des Lehrbriefs weggeblieben ist, aber eingeschickter Gebrauch des Zufalls bringt in derKunst, wie im Leben, oft das trefflichste her-5 vor. Mir däucht diese zweyte Hälfte des Lehr-briefs könnte im achten Buch, an einer weitbedeutender,, Stelle und mit ganz andern Vor-theilen, nachgebracht werden. Die Ereignissesind unterdessen vorwärts gerückt; Wilhelm10 selbst hat sich mehr entwickelt. Er sowohl alsder Leser sind auf jene praktischen Resultateüber das Leben und den Lebenegebrauch weit besservorbereitet; auch der Saal der Vergangenheitund Nataliens nähere Bekanntschaft können eine15 günstigere Stimmung dazu herbeygeführr haben-Ich riethc deßwegen sehr, jene Hälfte des Lehr-briefs ja nicht wegzulassen, sondern wo mög-lich den philosophischen Inhalt des Werks -deutlicher oder versteckter — darin niederzulc-20 gen. Ohnehin kann, bey einem Publikum wienun einmal das deutsche ist, zu Rechtfertigungeiner Absicht, und hier namentlich noch zuRechtfertigung des Titels, der vor dem Buchesteht und jene Absicht deutlich aussprichc, nie25 zu viel geschehen.

Zu meiner nicht geringen Zufriedenheit habeich in dem achten Buche auch ein paar Zeilengefunden, die gegen die Metaphysik Fronte ma-chen , und auf das spekulative Bedürfniß im30 Menschen Beziehung haben. Nur etwas schmalund klein ist das Almosen ausgefallen, das Sieder armen Göttin reichen, und ich weiß „ichr,ob man sie mit dieser kargen Gabe quittirenkann. Sie werden wohl wissen, von welcher !35 Stelle ich hier rede, denn ich glaube es ihr an-zusehen, daß sie mit vielem Bedacht darein ge- !kommen ist. ^

Ich gestehe es, es ist etwas stark, in un-serm spekulalivischen Zeitalter einen Roman40 von diesem Inhalt und von diesem weiten Um-fang zu schreiben, worin „das einzige wasNoth ist" so leise abgeführt wird — einen sosenlimentalischen Charakter, wie Wilhelm dochimmer bleibt, seine Lehrjahre ohne Hülfe jener45 würdigen Führen» vollenden zu lassen. DasSchlimmste ist, daß er sie wirklich in allemErnste vollendet, welches von der Wichtigkeitjener Führen» eben nicht die beste Meinungerweckt.

50 Aber im Ernste — woher mag es kommen,daß Sie einen Menschen haben erziehen undfertig machen können, ohne auf Bedürfnisse zu !stoßen, denen die Philosophie nur begegnen kann?

Ich bin überzeugt, daß dieses nur der ästheti-55 scheu Richtung zuzuschreiben ist, die Sie in demganzen Romane genommen. Innerhalb derästhetischen Geisteestiminung regk sich kein Be-dürfniß nach jenen Trostgründen, die aus derSpekulation geschöpft werden müssen; sie hat60 Selbstständigkeir, Unendlichkeit in sich; „ur wen»sich das Sinnliche und Moralische im Mensche»feindlich entgegenstreben, muß bey der reine»Vernunft Hülfe gesucht werden. Die gesundeund schöne Natur braucht, wie Sie selbst sagen,

65 keine Moral, kein Naturrecht, keine politische Meta-physik. Sie hätten eben so gut auch hinz»^setzen können, sie braucht keine Gottheit, keineUnsterblichkeit um sich zu stützen und zu hallen-Jene drey Punkte, um die zuletzt alle Specu-