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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
401-402
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Friedrich

lationen sich dreht, geben einem sinnlich aus-gebildeten Gemüth zwar Stoff zu einem poeti-schen Spiel, aber sie können nie zu ernstlichenAngelegenheiten und Bedürfnissen werden.

Das einzige könnte man vielleicht noch da- 5gegen erinnern, daß unser Freund jene ästbctischeFreyheit noch nicht so ganz besitzt, die ihn voll-kommei^sicher stellte, in gewisse Verlegenheitennie zu gerathen, gewisser Hülfsmittel (der Spe-kulativ») nie zu bedürfen. Ihm fehlt es nicht 10an einem gewissen philosophischen Gange, derallen sentimentalen Naturen eigen ist, und kämeer also einmal ins Spekulative hinein, so möchtees bey diesem Mangel eines philosophischen Fun-daments bedenklich um ihn stehen: denn nur 15die Philosophie kann das Pkilosophiren unschäd-lich machen; ohne sie führt es unausbleiblichzum Mysticism. (Die Sristsdame selbst ist einBeweis dafür. Ein gewisser ästhetischer Man-gel machte ihr die Speculation zum Bedürfniß,

Und sie verirrte zur Herrnhuterey, weil ihr diePhilosophie nicht zu Hülfe kam; als Mannhätte sie vielleicht alle Jrrgänge der Metaphy-sik durchwandert.)

Run ergeht aber die Forderung an Sie(der Sie auch sonst überall ein so hohes Gnügegethan!, Ihren Zögling mit vollkommener Selbst-ständigkeit, Sicherheit, Freyheil, und gleichsamarchitektonischer Festigkeit so hinzustellen, wieer ewig stehen kann, ohne einer äußern Stützezu bedürfen; man will ihn also durch eine äst-hetische Reife auch selbst über das Bedürfnißeiner philosophischen Bildung, die er sich nichtgegeben hat, vollkommen hinweggesetzt sehen.

Es fragt sich jetzt: ist er Realist genug, um nienöthig zu haben, sich an der reinen Vernunftzu halten? Ist er es aber nicht — sollte fürdie Bedürfnisse eines Idealisten nicht etwasnrehr gesorgt seyn?

Sie werden vielleicht denken, daß ich bloßkinen künstlichen Umweg nehme, um Sie dochin die Philosophie hineinzutreiben; aber was>ch noch etwa vermisse, kann sicherlich auch in^hrer Form vollkommen gut abgethan werden.Mein Wunsch geht bloß dahin, daß Sie dieMaterien guoestionis nicht umgehen, sondernganz auf Ihre Weise lösen möchten. Was beyIhnen selbst alles spekulative Wissen ersetzt undalle Bedürfnisse dazu Ihnen fremd macht, wirdauch bey Meistern vollkommen genug seyn.

Sie haben den Oheim schon sehr vieles sagenlassen, und auch Meister berührt den Punkteinigemal sehr glücklich; es wär« also nicht so8ar viel mehr zu thun. Könnte ich nur in^hrer Denkweise dasjenige einkleiden, was ich 55

Reich der Schalten und in den ästhetischengriffen, der meinigen gemäß, ausgesprochen^be, so wollten wir sehr bald einig 'seyn.

Was Sie über Wilhelms Aeußcrliches Wer-ben in den Mund gelegt, ist von ungemein 60guter Wirkung für das Ganze. Es ist mirZugefallen, ob'Sie den Grafen, der am Ende

achten Buches erscheint, nicht auch dazu"atzen könnten. Wilhelmen zu völligen Ehrenzu bringe,,. Wie, wenn der Graf, der Cere- 65uionienmeister des Romans, ihn durch sein ach-tungsvolles Betragen und durch eine gewisse^ Behandlung, die ich Ihnen nicht näher°u bezeichnen brauche, ihn auf einmal aus sei-Kurz, rro!. Lit. II.

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ncm Stande heraus in einen höheren stellte,und ihm dadurch auf gewisse Art den noch feh-lenden Adel ertheilte? Gewiß, wenn selbst derGraf ihn distinguirle, so wäre das Werk ge-than.

Ueber Wilhelms Benehmen im Saal derVergangenheit, wenn er diesen zum erstenmalmir Natalien betritt, habe ich noch eine Er-innerung zu machen. Er ist mir hier noch zusehr der alte Wilhelm, der im Hause des Groß-vaters am liebsten bey dem kranken Königssohnverweilte, und den der Fremde, im ersten Buch,auf einem so unrechten Wege findet. Auch nochjetzt bleibt er fast ausschließend bey dem bloßenStoff der Kunstwerke stehen und poetisirt mirzu sehr damit. Wäre hier nicht der Ort ge-wesen , den Anfang einer glücklichern Krise beyihm zu zeigen, ihn zwar nicht als Kenner,denn das ist unmöglich, aber doch als einen20 mehr objektiven Betrachter darzustellen, so daßetwa ein Freund, wie unser Meyer, Hoffnungvon ihm fassen könnte?

Sie haben Jarno schon im siebenten Bucheso glücklich dazu gebraucht, durch seine harte25 und trockene Manier eine Wahrheit herauszu sagen, die den Helden so wie den Leserauf einmal um einen großen Schritt weiterbringt: ich meine die Stelle,.wo er Wilhelmendas Talent zum Schauspieler rund weg abspricht.30 Nun ist mir bcygefallen, ob er ihm nicht inRücksicht auf Theresen und Natalien einenähnlichen Dienst, mit gleich gutem Erfolg fürdas Ganze, leisten könnte. Jarno scheint mirder rechte Mann zu seyn, Wilhelmen zu sagen,35 daß Lherese ihn nicht glücklich machen könnte,und ihm einen Wink zu geben, welcher weib-liche Charakter für ihn lauge. Solche einzelnedürrgesprochene Worte, im rechten Moment ge-sagt, entbinden auf einmal den Leser von einer40 schweren Last, und wirken wie ein Blitz, derdie ganze Scene erleuchtet.

Noch ein kleines Anliegen.

Ich möchte gern Ihren Kopf vor den neuenMusenalmanach setzen, und habe heut an Boltin Berlin geschrieben, ob er diese Arbeit nochübernehmen kann. Nun wünschte ich ihn aberlieber nach einem Gemählde, als nach LipfenSKupferstich, und frage an: ob Sie sich entschlie-ßen könnten, das Portrait von Meyer dazuherzugeben?

Wollten Sie dieses nicht gern aus der Handlassen, so erlaubten Sie mir doch, daß ich escopiren ließe, wenn sich in Weimar ein erträg-licher Mahler dazu findet.

20. (226.) Schiller an Gvthe.

Jena den 10. Octbr. 1796.

Mit dem heutigen Paket haben Sie mireine recht unverhoffte Freude gemacht. Ich sielauch gleich über das achte Buch des Meisterher und empfing auf's neue die ganze volleLadung desselben. Es ist zum Erstaunen, wiesich der epische und philosophische Gehalt indemselben drängt. Was innerhalb der Form

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