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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
403-404
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40.Z Friedrich von Schiller.

liegt macht ein so schönes Ganzes, und nachaußen berührt sie das Unendliche, die Kunstund das Leben. In der That kann man vondiesem Roman sagen: er ist nirgends beschränktals durch die rein ästhetische Form, und wo 5die Form darin aufhört, da hängt er mit demUnendlichen zusammen. Ich möchte ihn einerschönen Insel vergleichen, die zwischen zweiMeeren liegt.

Ihre Veränderungen finde ich zureichend 10und vollkommen in dem Geiste und Sinne desGanzen. Vielleicht, wenn das Reue. gleich mitdem Alten entstanden wäre, möchten Sie hieund da mit Einem Strich geleistet haben, wasjetzt mit mehrern geschieht; aber das kann wohl 15keinem fühlbar werden, der es zum erstenmalin seiner jetzigen Gestalt liest. Meine Grillemit etwa deutlicherer Pronunciation der Haupr-idce abgerechnet, wüßte ich in der That nichtsmehr, was vermißt werden konnte. Stände 20indeß nicht Lehrjahre auf dem Titel, so würdeich den didaktischen Theil in diesem achten Buchefür fast zu überwiegend halten. Mehrere phi-losophische Gedanken haben jetzt offenbar anKlarheit und Faßlichkeit gewonnen. 25

In der unmittelbaren Scene nach MignonsTod fehlt nun auch nichts mehr, was das Herzin diesem Augenblick fordern kann; nur hätteich gewünscht, daß der Uebergang zu einemneuen Interesse mit einem neuen Capitel möchte 30bezeichnet worden seyn.

Der Markest ist jetzt recht befriedigend ein-geführt. Der Graf macht sich vortrefflich, Jarnound Lothario haben bei Gelegenheit der neuenZusätze auch an Interesse gewonnen. Z5

Nehmen Sie nun zu der glücklichen Been-digung dieser großen Krise meinen Glückwunschan, und lassen Sie uns nun bei diesem Anlaßhorchen, war für ein Publikum wir haben.

Sch.

21. <223.j Schiller anGöthe.

Jena den 23. Octbr. 1796.

Herzlichen Dank für den Meister, der michnoch oft erquicken und beleben soll. Die vier 50andern Exemplare habe ich abgeliefert; aber sieschreiben von sechsen, und ich habe deren nurfünf erhalten. Das Humboldl'sche fehlte noch.

Ihre Schweizcrbricfe inleressiren einen jedender sie liest, und ich bin ordenlich froh, daßich Ihnen diese habe abjagen können. Es istauch wahr, sie geben ein ungemein lebendigesBild der Gegenwart aus der sie flössen, lind 60olme ein kunstmäßiges Entstehen stellen sie sichrecht natürlich und geschickt in ein Ganzes zu-sammen

Meisters hat meine Schwä-gerin sehr gerührt, und ich finde auch hier 65meine ElWartung von dem was den Haupt-effect macht bestätige. Immer ist es doch dasPathetische, was d,e Seele zuerst in Anspruchnimmt; erst späterhin vereinigt sich das Gefühl

zum Genuß des ruhigen Schönen. Mignonwird wahrscheinlich bei jedem ersten und auchzweyten Lesen die tiefste Furche zurück lassen;aber ich glaube doch, daß es Ihnen gelungenseyn wird, wornach Sie strebten — diese pa-thetische Rührung in eine schöne aufzulösenWie lieb ist nür's, daß Sie bald wiederauf einige Tage kommen wollen. Jetzt nachdemich die Arbeit mit dem Almanach abgeworfen,bedarf ich eines neuen lebendigen Interesses sosehr. Zwar habe ich den Wollenstem vorge-nommen, aber ich gehe noch immer darumherum, und warte auf eine mächtige Hand, diemich ganz hinein wirft. Die Jahreszeit drücktmich wie Sie, und ich meine oft, mit einemheitern Sonnenblick müßte es gehen. - - -

Sch.

22. <243.) Schiller an Göthe.

Jena 28. Nov. 1796.

Von Ihrer freundlichen Einladung werdeich schwerlich Gebrauch machen können, da ichdie miserable Jahrszcit und Witterung in alle»Nerven spüre und mich nun so eben hinhalte.Dafür hoffe ich, wen» auch nur für einen Tag,Sie bald zu sehen, von Ihren neuesten Ent-deckungen und Bemerkungen zu hören, und Siezugleich von meinem eignen Zustand zu un-terhalten.

Mit dem Wollenstem geht es zwar jetztsehr langsam, weil ich noch immer das meistemit dem rohen Stoff zu thun habe, der nochnicht ganz beisammen ist, aber ich fühle michihm noch immer gewachsen, und in die Formhabe ich manchen hellen bestimmten Blick ge-than. Was ich will und soll, auch was ichhabe, ist mir jetzt ziemlich klar; es kommtnun noch bloß darauf an, mit dem, was ichin mir und vor mir habe, das auszurichten,was ich will und was ich soll. In Rücksichtauf den Geist, in welchem ich arbeite, werdenSie wahrscheinlich mit mir zufrieden seyn. Eswill mir ganz gut gelingen, meinen Stoff au-ßer mir zu halten und nur den Gegenstand zugeben. Beinahe möchte ich sagen, das Sujetinleressirt mich gar nicht, und ich habe nieeine solche Kälte für meinen Gegenstand miteiner solchen Wärme für die Arbeit i» mir ver-einigt. Den Hauptcharaktcr, sg. wie die meistenNcbencharaktere, tractire ich wirklich bis jetztmit der reinen Liebe des Künstlers; bloß fürden nächsten nach dem Hauptcharakter, denjungen Piccolomini, bin ich durch meine eigeneZuneigung intercssirt, wobei das Ganze übri-gens eher gewinnen als verlieren soll.

Was die dramatische Handlung, als dieHauptsache anbetrifft, so will mir der wahr-haft undankbare und unffoetischc Stoff freilichnoch nicht ganz parircn; es sind noch Lückenim Gange, und manches will sich gar nicht indie engen Gränzen einer Tragödien - Oekonoinieherein begeben. Auch ist das Proton - Pseudosin der Katastrophe, wodurch sie für eine tra-gische Entwickelung so ungeschickt ist, noch nichiq-inz überwunden. Das eigentliche Schickstihut noch zu wenig, und der eigene Fehler des