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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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411-412
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Friedrich von Schiller

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durch ein willkürliches Spiel der Phantasie zu- bringt er es auch nicht; denn er macht uns diesammen zu finden scheinen, so ist das Problem Wahrheit jenes Satzes zwar fühlbar, aber nickstgelöst, und der Verstand wird durch Gesetz- absolut gewiß. Das Gefühl aber kann wohlMäßigkeit befriedigt, indem der Phantasie durch lehren, was ist, aber niemals, was seyn muß-Gesetzlosigkeit geschmeichelt wird. '5 Der philosophische Schriftsteller erhebt jenen

Untersucht man die Zauberkraft der schönen Glauben zur Ueberzeugung, denn er erweistDiktion, so wird man allemal finden, daß sie aus unbezweifelten Gründen, daß essichnotb-in einem solchen glücklichen Verhältniß zwischen wendig so verhalte.

äußerer Freyheit und innerer Nothwendigkeit Wenn man von den bisherigen Grundsätze»

enthalten ist. Zu dieser Freyheit der Einbil- 10 ausgeht, so wird es nicht schwer seyn, einerdunoskraft trägt die Jndividualisirung jeden von diesen drey verschiedenen Formen berder Gegenstände, und der figürliche oder un- Diktion ihre schickliche Stelle anzuweisen. Jweigentliche Ausdruck das meiste bey, jene. Ganzen genommen wird sich als Regel anneh-um die Sinnlichkeit ru erhöhen, dieser, um sie men lassen, daß da wo es nicht bloß an deinda, wo sie nicht ist, zu erzeugen. Indem wir 15 Resultat, sondern zugleich an den Beweisendie Gattung durch ein Individuum repräsenti- liegt, die wissenschaftliche Schreibart, und da,ren, und einen allgemeinen Begriff in einem wo es überhaupt nur um das Resultat zu thuneinzelnen Falle darstellen, nehmen wir der Phan- ist, die populäre und schöne Schreibart den Vor-taste die Fesseln ab, die der Verstand ihr an- zug verdienen. Wann aber der populäre Aus-gelegt hatte, und geben ihr Vollmacht sich 20 druck in den schönen übergehen darf, das ent-schöpferisch zu beweisen. Immer nach Vollstän- scheidet der größere oder geringere Grad desdigkeit der Bestimmungen strebend, erhält und Interesse, den man vorauszusetzen und zu be-gebraucht sie jetzt das Recht, das ihr hingege- wirken hat.

bene Bild nach Gefallen zu ergänzen, zu bcle- Der reine wissenschaftliche Ausdruck setzt uns

den, umzugestalten, ihm in allen seinen Ber- 25 (mehr oder weniger, je nachdem er Philosophiebindungen und Verwandlungen zu folgen. Sie scher oder populärer ist) in den Besitz einerdarf augenblicklich ihrer untergeordneten Rolle Erkenntniß; der schöne Ausdruck leiht unsvergessen, und sich als eine willkürliche Selbst- dieselbe blos zu augenblicklichem Genuß undHerrscherin betragen, weil durch den strengen Gebrauche. Der erste gibt uns — wenn ichinnern Zusammenhang hinlänglich dafür gesorgt 30 mir die Verglcichung erlauben darf - denist, daß sie dem Zügel des Verstandes nie ganz Baum mit samt der Wurzel, aber freylichentfliehen kann. Der uneigentliche Ausdruck müssen wir uns gedulden, bis er blühet undtreibt diese Freyheit noch weiter, indem er Bil- Früchte trägt, der schöne Ausdruck bricht unsder zusammengattet, die ihrem Inhalt nach bloß die Blüthen und Früchte davon ab; aberganh verschieden sind, aber sich gemeinschaftlich 35 der Baum, der sie trug, wird nicht unser, undunter einem höher» Begriff verbinden. Weil wenn jene gewelkt und genossen sind, ist unser'sich nun die Phantasie an den Inhalt, der Ver- Reichthum verschwunden. So widersinnig ^stand hingegen an jenen höhern Begriff hält, „un wäre) demjenigen die bloße Blume oderso macht die erstere eben da einen Sprung, wo Frucht abzubrechen, der den Baum selbst in st^der letztere die vollkommene Stätigkeit wahr- 40 nen Garten verpflanzt haben will, eben so un-nimml. Die Begriffe entwickeln sich nach dem gereimt würde es seyn, dem, welchem geradeGesetz der Nothwendigkeit, aber nach dem jetzt nur nach einer Frucht gelüstet, den Baun>Gesetz der Freyheit gehen sie an der Einbil- selbst mit seinen künftigen Früchten anzubietcn-dungskraft vorüber; der Gedanke bleibt derselbe. Die Anwendung ergibt sich von selbst, und ichnur wechselt das Medium, das ihn darstellt. 45 bemerke bloß, daß der schöne Ausdruck eben stSo erschafft sich der beredte Schriftsteller aus wenig für den Lehrstuhl, als der schulgerechteder Anarchie selbst die herrlichste Ordnung, und für den schönen Umgang und für die Redner-errichtet auf einem immer wechselnden Grunde, kühne taugt.

auf dem Strome der Imagination, der immer Der Lernende sammelt für spätere Zweckt,

fortfließt, ein festes Gebäude. 50 und für einen künftigen Gebrauch; daher der

Stellt man zwischen der wissenschaftlichen, Lehrer dafür zu sorgen hat, ihn zum völl>*der populären und der schönen Diktion eine ge n Eigen th ü m c r der Kenntnisse ^Bergleichung an, so zeigt sich, daß alle drey machen, die er ihm beybringt. Nichts aber nden Gedanken, um den es zu thun ist, der unser, als was dem Verstand übergeben wird'Materie nach, gleich getreu überliefern, und 55 Der Redner hingegen bezweckt einen schnell^uns also alle drey zu einer Erkenntniß verhel- Gebrauch, und hat ein gegenwärtiges Bedurvfen, daß aber die Art und der Grad dieser niß feines Publikums zu befriedigen. SeinErkenntniß bey einer jeden merklich verschieden tereffe ist es also, die Kenntnisse, welche er a» "sind. Der schöne Schriftsteller stellt uns die streut, so schnell, als er immer kann, pruklstu)Sache, von der er handelt, vielmehr als mög- 60 zu machen, und dieß erreicht er am sicherste«,lich und wünschenswürdig vor, als daß wenn er sie dem Sinn übergibt, und flir o

er uns von der Wirklichkeit oder gar von der Empfindung zubereitet. Der Lehrer, der st

Nothwendigkeit derselben überzeugen könnte; Publikum- bloß auf Bedingungen übernimm '

denn sein Gedanke kündigt sich bloß als eine und berechtigt ist, die Stimmung des Genutty -willkürliche Schöpfung der Einbildungskrafc an, 65 die zur Aufnahme der Wahrheit erfordert w> 'die für sich allein nie im Stand ist, die Rea- schon bey demselben vorauszusetzen, richtet I

lität ihrer Vorstellungen zu verbürgen. Der bloß nach dem Objekt seines Bortrags, da

populäre Schriftsteller erweckt uns den Glauben, Gegentheil der Redner, der mit seinem P"

daß es sich wirklich so verhalte, aber weiter kum keine Bedingung eingehen darf, und