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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
413-414
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Friedrich von Schiller.

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Neigung erst zu seinem Vortheile gewinnenmuß, sich zugleich nach den Subjekten zurichten hat, an die er sich wendet. Jener, des-sen Publikum schon da war und wieder kommt,braucht bloß Bruchstücke zu liefern, die mit 5vorhergegangenen Vortragen erst ein Ganzesausmachen; dieser, dessen Publikum ohne Auf-hören wechselt, unvorbereitet kommt und viel-leicht nie zurückkehrt, muß sein Geschäft bey je-dem Vertrag voilenden; jede seiner Auffüh- 10rungen muß ein Ganzes für sich seh», und ih-ren vollständigen Aufschluß enthalten.

Daher ist es kein Wunder, wenn ein nochso gründlicher dogmatischer Vertrag in der Kon-versation und auf der Kanzel kein Glück macht, 15und ein noch so geistvoller schöner Vortrug aufdem Lehrstuhl keine Früchte trägt — wenn dieschöne Welt Schriften ungelesen läßt, die inder gelehrten Epoche machten, und der GelehrteWerke ignorirt, die eine Schule der Weltleute 20sind, und von allen Liebhabern des Schönenmit Begierde verschlungen werden. Jedes kannin dem Kreis, für den es bestimmt ist, Bewun-derung verdienen, ja an innerm Gehalt könnenbeyde vollkommen gleich seyn, aber es hieße 25etwas Unmögliches verlangen, wenn ein Werk,das den Denker anstrengt, zugleich dem bloßenSchöngeist zum leichten Spiele dienen sollte.

Aus diesem Grunde halte ich es für schäd-lich, wenn für den Unterricht der Jugend 50Schriften gewählt werden, worin wissenschaft-lich« Materien in schöne Form eingekleidet sind.

Ich rede hier ganz und gar nicht von solchenSchriften, wo der Inhalt der Form aufgeopfertworden ist, sondern von wirklich vortrefflichen 35Schriften, die die schärfste Sachprobe aushal-ten , aber diese Probe in ihrer Form nicht ent-halten. Es ist wahr, man erreicht mit solchenSchriften den Zweck, gelesen zu werden, aberimmer auf Unkosten des wichtigern Zweckes, 40warum man gelesen werden will. Verstand wirddey dieser Lektüre immer nur in seiner Zusam-Menstimmung mit der Einbildungskraft geübt,und lernt also nie die Form von dem Stoffescheiden, und als ein reines Vermögen handeln. 45lind doch ist schon die bloße Uebung des Ver-standes ein Hauptmoment bey dem Jugendun-terricht , und an dem Denken selbst liegt inden meisten Fällen mehr als an dem Gedanken.Wenn man haben will, daß ein Geschäft gut 50besorgt werde, so mag man sich ja hüten, esvls ein Spiel anzukündigen. Vielmehr mußder Geist schon durch die Form der Behandlungu> Spannung gesetzt und mit einer gewissenGewalt von der Passivität zur Thätigkeit fort- 55gestoßen werden. Der Lehrer soll seinem Schü-rf die strenge Gesetzmäßigkeit der MethodeEeineswegs verbergen, sondern ihn vielmehr da-t^auf aufmerksam, und wo möglich darnach be-sswrjg machen. Der Studirende soll lernen, 60k>Nen Zweck verfolgen, und um des Zwecksbullen auch ein beschwerliches Mittel sich gc-°llen lassen. Frühe schon soll er nach der ed-tr» Lust streben, welche der Preis der An-fügung ist. Bey dem wissenschaftlichen Vor- 65rag werden die Sinne ganz und gar abgcwie-bey dem schönen werden sie ins InteresseM°gen. Was wird die Folge davon seyn?

Wtan verschlingt eine solche Schrift, eine solche

Unterhaltung mit Antheil, aber, wird man umdie Resultate befragt, so ist man kaum imStande, davon Rechenschaft zu geben. Undsehr natürlich! denn die Begriffe dringen zuganzen Massen in die Seele, und der Verstanderkennt nur, wo er unterscheidet,- das Gemüthverhielt sich während der Lektüre vielmehr lei-dend als thätig, und der Geist besitzt nichts,als was er thut.

Dieß gilt übrigens blos von dem Schönengemeiner Art, und von der gemeinen Art, dasSchöne zu empfinden. Das wahrhaft Schönegründet sich auf die strengste Bestimmtheit, aufdie genaueste Absonderung, auf die höchste in-nere Nothwendigkeit; nur muß diese Bestimmt-heit sich eher finden lassen, als gewaltsam her-vordrängen. Die höchste Gesetzmäßigkeit mußda seyn, aber sie muß als Natur erscheinen.Ein solches Produkt wird dem Verstand voll-kommen Genüge thun, sobald es studirt wird,aber eben weil es wahrhaft schön ist, so dringtes seine Gesetzmäßigkeit nicht aus, so wendetes sich nicht an den Verstand insbesondere, son-dern spricht als reine Einheit zu dem harmo-nirenden Ganzen des Menschen, als Natur zurNatur. Ein gemeiner Beurtheilet; findet esvielleicht leer, dürftig, viel zu wenig bestimmt;gerade dasjenige, worin der Triumph der Dar-stellung besteht, die vollkommene Auflösung derTheile in einem reinen Ganzen beleidigt ihn,weil er nur zu unterscheiden versteht, und nurfür das Einzelne Sinn hat. Zwar soll beyphilosopischen Darstellungen der Verstand, alsUnterscheidungs - Vermögen, befriediget werden,es sollen einzelne Resultate für ihn daraushervorgehen; dieß ist der Zweck, der auf keineWeise hintangesetzt werden darf. Wenn aberder Schriftsteller durch die strengste innere Be-stimmtheit dafür gesdrgt hat, daß der Verstanddiese Resultate nothwendig finden muß, sobalder sich nur darauf einläßt, aber damit alleinnicht zufrieden und genöthigt durch seine Na-tur (die immer als harmonische Einheit wirkt,und wo sie durch das Geschäft der Abstraktiondiese Einheit verloren , solche schnell wieder her-stellt) wenn er das Getrennte wieder verbindet,und durch die vereinigte Aufforderung der sinn-lichen und geistigen Kräfte immer den ganzenMenschen in Anspruch nimmt, so hat er wahr-haftig nicht um so viel schlechter geschrieben,als er dem Höchsten näher gekommen ist. Dergemeine Beurtheilcr freylich, der ohne Sinnfür jene Harmonie immer nur auf das Einzel-ne dringt, der in der Peterskirche selbst nurdie Pfeiler suchen würde, welche dieses künst-liche Firmament unterstützen, dieser wird esihm wenig Dank wissen, daß er ihm eine dop-pelte Mühe machte; denn ein solcher muß ihnfreylich erst übersetzen, wenn er ihn verstehen

will, so wie der bloße nackte Verstand, entblößtvon allem Darstellungs-Vermögen, das Schöneund Harmonische in der Natur wie in der Kunsterst in seine Sprache umsetzen und auseinander-legen, kurz, so wie der Schüler, um zu lesen,erst buchstabiren muß. Aber von der Beschränkt-heit und Bedürftigkeit seiner Leser empfängt derdarstellende Schriftsteller niemals das Gesetz.Dem Ideal, das er in sich selbst trägt, geht erentgegen, unbekümmert, wer ihm etwa folgt