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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
415-416
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Friedrich

und wer zurückbleibt. Es werden viele zurück-bleiben: denn so selten es schon ist, auch nurdenkende Leser zu finden, so ist es doch nochunendlich seltener, solche anzutreffen, welchedarstellend denken können. Ein solcher Schrift-steller wird es also der Natur der Sache nachsowohl mit denjenigen verderben, welche nuranschauen und nur empfinden; denn er legtihnen die saure Arbeit des Denkens auf: alsmit denjenigen, welche nur denken, denn erfordert von ihnen, was für sie schlechthin un-möglich ist, lebendig zu bilden. Weil aber beydenur sehr unvollkommene Repräsentanten gemei-ner und ächter Menschheit sind, welche durch-aus Harmonie jener beyden Geschäfte fordert,so bedeutet ihr Widerspruch nichts; vielmehrbestätigen ihm ihre Urtheile, daß er erreichtewas er suchte. Der abstrakte Denker findetseinen Inhalt gedacht, und der anschauende Le-ser seine Schreibart lebendig: beyde billigenalso, was sie soffen, und vermissen nur, wasihr vermögen übersteigt.

Ein solcher Schriftsteller ist aber aus ebendiesem Grunde ganz und gar nicht dazu gemacht,einen Unwissenden mit dem Gegenstände, dener behandelt, bekannt zu machen, oder, im ei-gentlichsten Sinn des Worts, zu lehren. Da-zu ist er glücklicherweise auch nicht nöthig, weiles für den Unterricht der Schüler nie an Sub-jekten fehlen wird. Der Lehrer in strengsterBedeutung muß sich nach der Bedürftigkeit rich-ten; er gehl von der Voraussetzung des Un-vermögens aus, da hingegen jener von feinemLeser oder Zuhörer schon eine gewisse Integri-tät und Ausbildung fordert. Dafür schränktsich aber seine Wirkung auch nicht darauf ein,bloß todte Begriffe mitzutheilen; er ergreift mitlebendiger Energie das Lebendige und bemächtigtsich des ganzen Menschen, seines Verstandes,seines Gefühls, seines Willens zugleich.

Wenn es für die Gründlichkeit der Erkennt-niß nachlheilig befunden wurde, bey dem eigent-lichen Lernen den Forderungen des GeschmacksRaum zu geben, so wird dadurch keineswegsbehauptet, daß die Bildung dieses Vermögensbei dem Studirenden zu frühzeitig sey. Ganzim Gegentheil soll man ihn aufmuntern undveranlassen, Kenntnisse, die er sich auf demWege der Schule zu eigen machte, auf demWege der lebendigen Darstellung mitzutheilen.Sobald das Erstere nur beobachtet worden ist,kann das Zweyte keine andere als nützliche Fol-gen haben. Gewiß muß man einer Wahrbeitschon in hohem Grade mächtig seyn, um ohneGefahr die Form verlassen zu können, in der 55sie gefunden wurde: man muß einen großenVerstand besitzen, um selbst in dem freyen Spieleder Imagination sein Objekt nicht zu verlieren.Wer mir seine Kenntnisse in schulgerechter Formüberliefert, der überzeugt mich zwar, daß er sie 60richtig faßte, und zu behaupten weiß; wer oberzugleich im Stande ist, sie in einer schönenForm mitzutheilen, der beweist nicht nur, daßer dazu gemacht ist, sie zu erweitern, er be-weist auch, daß er sie in seine Natur aufge- 65nommen und in seinen Handlungen darzustellenfähig ist. Es gibt für die Resultate des Den-kens keinen andern Weg zu dem Willen undin das Leben, als durch die selbstthätige Bil-

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dungskraft. Nichts, als was in uns selbst schonlebendige Thal ist, kann es außer uns werden,und es ist mit Schöpfungen des Geistes wiemit organischen Bildungen ; nur aus der Blütheb geht die Frucht vor.

Wenn man überlegt, wie viele Wahrheitenals innere Anschauungen längst schon lebendigwirkten, ehe die Philosophie sie demonstrirle,und wie kraftlos öfters die demonstcirtcsten10 Wahrheiten für das Gefühl und den Willenbleiben, so erkennt man, wie wichtig es für daspraktische Leben ist, diesen Wink der Natur zubefolgen, und die Erkenntnisse der Wissenschaftwieder in lebendige Anschauung umzuwandeln-15 Nur auf diese Art ist man im Stande, an denSchätzen der Weisheit auch diejenigen Antheilnehme» zu lassen, denen schon ihre Natur un-tersagte, den unnatürlichen Weg der Wissen-schaft zu wandeln. Die Schönheit leistet hiet'20 in Rücksicht auf die Erkenntniß eben das, wassie im Moralischen in Rücksicht auf die Hand-lungsweise leistet; sie vereinigt die Mensche»in den Resultaten und in der Materie, die sichin der Form und in den Gründen niemals ver-25 einigt haben würden.

Das andere Geschlecht kann und darf, sei-ner Natur und seiner schönen Bestimmung nach,mit dem männlichen nie die Wissenschaft, aberdurch das Medium der Darstellung kann es mirl!0 demselben die Wahrheit theilen. Der Mannlaßt es sich noch wohl gefallen, daß sein Ge-schmack beleidigt wird, wenn nur der innereGehalt den Verstand entschädigt. Gewöhnlich'ist es ihm nur desto lieber, je härter die Be-35 stimmkheit hervortritt, und je reiner sich dasinnere Wesen von der Erscheinung absondert-Aber das Weib vergibt dem reichsten Inhaltdie vernachläßigte Form nicht, und der ganzeinnere Bau seines Wesens gibt ihm ein Recht40 zu dieser strengsten Forderung. Dieses Geschlechtdas, wenn es auch nicht durch Schönheitherrschte, schon allein deswegen das schöne Ge-schlecht heißen müßte, weil es durch Schönheitbeherrscht wird, zieht Alles, was ihm vorkommt,45 vor den Richterstuhl der Empfindung, und wasnicht zu dieser spricht oder sie gar beleidigs -ist für dasselbe verloren. Freylich kann ihm indiesem Kanal nur die Materie der Wahrheit -aber nicht die Wahrheit selbst überliefert wer-den , die von ihrem'Beweis unzertrennlich ist-Aber glücklicherweise braucht es auch nur dwMaterie der Wahrbeit, um seine höchste Voll-kommenheit zu erreichen, und die bisher erschst'neuen Ausnahmen könne» den Wunsch »icherregen, daß sie zur Regel werden möchten-Das Geschäft also, welches die Natur denandern Geschlecht nicht bloß nachließ, sonderverbot, muß der Mann doppelt auf sichmen, wenn er anders dem Weibe in diesemwichtigen Punkt des Daseyns auf gleicher St»lbegegnen will. Er wird also so viel, als enur immer kann, aus dem Reich der Abstr» 'lion, wo er regiert, in das Reich der Einb>^dungskraft und Empfindung hinubkr zu ftehesuchen, wo das Weib zugleich Muster und Rssv'lerin ist- Er wird, da er in dem weiblicheGeiste keine dauerhaften Pflanzungen anlegekann, so viele Blüthen und Früchte, als immemöglich ist, auf seinem eigenen Feld zu erzce