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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
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Friedrich von Schiller.

suchen, um den schnell verwelkenden Borrathauf dem andern desto öfter erneuern, und da,wo keine natürliche Ernte reift, eine künstlicheunterhalten zu können. Der Geschmack ver-bessert - oder verbirgt — den natürlichen 5Geistesuntcrschied beider Geschlechter, er nährtund schmückt den weiblichen Geist mit den Pro-dukten des männlichen, und läßt das reizendeGeschlecht empfinden, wo es nicht gedacht, undgenießen, wo es nicht gearbeitet hat. 10

Dem Geschmack ist also, unter den Ein-schränkungen, deren ich bisher erwähnte, beyMittheilung der Erkenntniß zwar die Formanvertraut, aber unter der ausdrücklichen Be-dingung, daß er sich nicht an dem Inhalt ver- 15greise. Er soll nie vergessen, daß er einenfremden Auftrag ausrichtet und nicht seine ei-genen Geschäfte führt. Sein ganzer Antheilsoll darauf eingeschränkt seyn, das Gemüth ineine der Erkenntniß günstige Stimmung zu ver- 20setzen; aber in allem dem, was die Sache be-trifft, soll er sich durchaus keine Autorität an-maßen.

Wenn er das Letztere thut — wenn er seinGesetz, welches kein anderes ist, als der Einbil- 25dungskraft gefällig zu seyn, und in der Be-trachtung zu vergnügen, zum obersten erhebt -wenn er dieses Gesetz nicht bloß auf die Behand-lung, sondern auch auf die Sache anwendet,und nach Maßgabe desselben die Materialien 30nicht bloß ordnet, sondern wählt, so überschrei-tet er nicht nur, sondern veruntreut seinenAuftrag und verfälscht das Objekt, das er unstreu überliefern sollte. Nach dem, was dieDinge sind , wird jetzt nicht mehr gefragt, son- 35dern wie sie sich am besten den Sinnen em-pfehlen. Die strenge Konsequenz der Gedan-ken , welche bloß hätte verborgen werden sollen,wird als eine lästige Fessel weggeworfen; dieVollkommenheit wird der Annehmlichkeit, die 40Wahrheit der Theile der Schönheit des Gan-zen, das innere Wesen dem äußern Eindruckaufgeopfert. Wo aber der Inhalt sich nach derForm richten muß, da ist gar kein Inhalt:die Darstellung ist leer, und anstatt sein Wissen 45vermehrt zu haben, hat man bloß ein unter-haltendes Spiel getrieben.

Schriftsteller, welche mehr Witz als Ver-stand und mehr Geschmack als Wissenschaft be-sitzen, machen sich dieser Betrügerey nur allzu 50oft schuldig, und Leser, die mehr zu empfindenals zu denken gewohnt sind, zeigen sich nur zubereitwillig, sie zu verzeihen. Uebcrhaupt istes bedenklich, dem Geschmack seine völlige Aus-

bildung zu geben, ehe man den Verstand alsreine Denkkraft geübt, und den Kopf mit Be-griffen bereichert hat. Denn da der Geschmacknur immer auf die Behandlung und nicht ausdie Wache sieht, so verliert sich da, wo er deralleinige Richter ist, aller Sachuntcrschied derDinge. Man wird gleichgültig gegen die Rea-lität, und setzt endlich allen Werthin die Formund in die Erscheinung

Daher der Geist der Oberflächlichkeit undFrivolität, den man sehr oft bey solchen Stän-den und in solchen Cirkeln herrschen sieht, diesich sonst nicht mit Unrecht der höchsten Ver-feinerung rühmen. Einen jungen Menschenin diese Cirkel der Grazien einzuführen, ehedie Muse» ihn als mündig entlassen haben,muß ihm nothwendig verderblich werden, undes kann gar nicht fehlen, daß eben das, wasdem reifen Jüngling die äußere Vollendunggibt, den unreifen zum Gecken macht.'). Stoffohne Form ist freylich nur ein halber Besitz,denn die herrlichsten Kenntnisse liegen in einemKopf, der ihnen keine Gestalt zu geben weiß,wie todte Schätze vergraben. Form ohne Stoffhingegen ist gar nur der Schatten eines Besitzes,und alle Kunstfertigkeit im Ausdruck kann dem-jenigen nichts helfen, der nichts auszudrückenhat.

Wenn also die schöne Kultur nicht auf die-sen Abweg führen soll, so muß der Geschmacknur die äußere Gestalt, Vernunft und Erfah-rung aber das innere Wesen bestimmen. Wirdder Eindruck "auf den Sinn zum höchsten Rich-ter gemacht, und die Dinge bloß auf die Em-pfindung bezogen, so tritt der Mensch niemalsaus der Dienstbarkeit der Materie, so wird esniemals Licht in seinem Geiste, kurz so verlierter eben so viel an Freyheit der Vernunft, alser der Einbildungskraft zu viel verstattet.

Das Schöne thut seine Wirkung schon beyder bloßen Betrachtung, das Wahre will Stu.dium. Wer also bloß seinen Schönheitssinnübte, der begnügt sich auch da, wo schlechter-dings Studium nöthig ist, mir der supcrsiciel-Icn Betrachtung, und will auch da bloß ver-ständig spielen, wo Anstrengung und Ernst er-fordert wird. Durch die bloße Betrachtung wirdaber nie etwas gewonnen. Wer etwas Großesleisten will, muß tief eindringen, scharf unter-scheiden, vielseitig verbinden, und standhaft be-harren. Selbst der Künstler und Dichter, ob-gleich Beyde nur für das Wohlgefallen bey derBetrachtung arbeiten, können nur durch einanstrengendes und nichts weniger als reizendes

1> Herr Garvc hat in seiner einsichtsvollen Dcrglcichung bürgerlicher und adelichcr «Sitten im I. Theil seinerVersuche ic., eincr Schrift, von der ich voraussetzen darf, daß sie in Jedermanns Händen seyn werde, unter denPrärogativen des adclichcn Jünglings auch die frühzeitige Kompetenz desselben zu dem Umgänge mit der großenWelt angeführt, von welchem der Bürgerliche schon durch seine Geburt ausgeschlossen ist. Ob aber dieses Vorrecht,welches in Absicht auf die äußere und ästhetische Bildung unstreitig als ei» Vortheil zu betrachten ist, auch in Ab-sich! auf die innere Bildung des adelichcn Jünglings, und also auf das Ganze seiner Erziehung, noch ein Gewinnheißen könne, darüber hat uns Herr Karve seine Meinung nicht gesagt; und ich zweifle', ob er eine solche Vchaup-'u»g würd? rechtfertigen können. So viel auch auf diesem Wege au Form zu gewinnen ist, so viel muß dadurch anMaterie versäumt werden, und wenn man überlegt, wie viel leichter sich Form zu einem Inhalt, als Inhalt zuobrer Form findet, so dürfte der Bürger den Edelmann um Liftes Prärogativ nicht sehr bcneidcn. Wenn es frey-lich auch fernerhin bey der Einrichtung bleiben soll, daß der Bürgerliche arbeitet, und der Adeliche repräsentirt, sokann man kein Passenderes Mittel dazu wählen, als gerade diesen Unterschied in der Erziehung, aber ich zweifle,ob der Adeliche si» eine solche Theilung immer gefallen lassen wird.

Kurz, Pros Sir. II.

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