Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
419-420
JPEG-Download
 

42 »

i l» Friedrich

Studium dahin gelange», daß ihre Werke unsspielend ergötzen.

Dieses scheint mir auch der untrüglicheProbierstein zu seyn, woran man den bloßenDilettanten von dem wahrhaften Kunstgenie 5unterscheiden kann. Der verführerische Reiz desGroßen und Schönen; das Feuer, womit esdie jugendliche Imagination entzündet, und derAnschein von Leichtigkeit, womit es die Sinnetäuscht, haben schon manchen Unerfahrnen be- 10redet, Palette oder Leyer zu ergreifen, undauszugießen in Gestalten oder Tönen, was inihm lebendig wurde. In seinem Kopf arbeitendunkle Ideen, wie eine werdende Welk, die ihnglauben machen, daß er begeistert sey. Er 15nimmt das Dunkle für das Tiefe, das Wildefür das Kräftige, das Unbestimmte für dasUnendliche, das Sinnlose für das Ucbersinnliche— und wie gefällt er sich nicht in seiner Ge-burt! Aber des Kenners Urtheil will dieses 20Zeugniß der warmen Selbstliebe nicht bestäti-gen. Mit ungefälliger Kritik zerstört er dasGaukelwerk der schwärmenden Bildungskrafc,und leuchtet ihm in den liefen Schacht der Wis-senschaft und Erfahrung hinunter, wo, jedem 25Ungeweihten verborgen, der Quell aller wahrenSchönheit entspringt. Schlummert nun ächteGeniuskrast in dem fraglichen Jüngling, sowird zwar anfangs seine Bescheidenheit stutzen,aber der Muth des wahren Talents wird ihn 30bald zu Versuchen ermuntern. Er studirt, wenndie Natur ihn zum plastischen Künstler aus-stattete, den menschlichen Bau unter dem Mes-ser des Anatomikers, steigt in die unterste Tiefe,um auf der Oberfläche wahr zu seyn, und fragt 35bey der ganzen Gattung herum, um dem In-dividuum sein Recht zu erweisen. Er bcborcht,wenn er zum Dichter geboren ist, die Mensch-heit in seiner eigenen Brust, um ihr unendlichwechselndes Spiel auf der weiten Bühne der 40Welt zu verstehen, unterwirft die üppige Phan-tasie der Disziplin des Geschmacks, und läßtden nüchternen Verstand die Ufer ausmeffen,zwischen welchen der Strom der Begeisterungbrausen soll. Ihm ist es wohlbekannt, daß 45nur aus dem unscheinbar Kleinen das Großeerwächst, und Sandkorn für Sandkorn trägter das Wundergcbäude zusammen, das uns ineinem einzigen Eindruck jetzt schwindelnd faßt.

Hat ihn hingegen die Natur bloß zum Dilet- 50tanken gestempelt, so erkältet die Schwierigkeitseinen kraftlosen Eifer, und er verläßt entwe-der, wenn er bescheiden ist, eine Bahn, die ihmSelbstbetrug anwies, oder, wenn er es nichtist, verkleinert er das große Ideal nach dem 55kleinen Durchmesser seiner Fähigkeit, weil ernicht im Stande ist, seine Fähigkeit nach demgroßen Maßstab des Ideals zu erweitern. Dasächte Kunstgenie ist also immer daran zu er-kennen, daß es, bey dem glühendsten Gefühl 00für das Ganze, Kälte und ausdauernde Ge-duld für das Einzelne behält, und, um derVollkommenheit keinen Abbruch zu thun, lieberden Genuß der Vollendung aufopfert. Dembloßen Liebhaber verleidet die Mühseligkeit des 0.5Mittels den Zweck, und er möchte es gern beymHervorbringen so bequem haben, als bey derBetrachtung.

Bisher ist von den Nachtheilen geredet wor-

Schillcr.

den, welche aus einer übertriebene» Empfind-lichkeit für das Schöne der Form und aus zuweit ausgedehnten ästhetischen Forderungen fürdas Denken und für die Einsicht erwachsen.Von weit größerer Bedeutung aber sind ebendiese Anmaßungen des Geschmackes, wenn sieden Willen zu ihrem Gegenstand haben; dennes ist doch etwas ganz Anderes, ob uns derübertriebene Hang für das Schöne an Erwei-terung unsers Wissens verhindert, oder ob erden Charakter verderbt, und uns Pflichten ver-letzen macht. Belletristische Willkürlichkcit imDenken ist freylich etwas sehr Uebels, und mußben Verstand verfinstern; aber eben diese Will-kürlichkeit, auf Maximen des Willens ange-wandt, ist etwas Böses, und muß unausbleib-lich das Herz verderben. Und zu diesem ge-fahrvollen Extrem neigt die ästhetische Verfei-nerung den Menschen, sobald er sich dem Schön-beitsgcfühlc ausschließend anvertraut, und denGeschmack zum unumschränkten Gesetzgeber sei-nes Willens macht.

Die moralische Bestimmung des Menschenfordert völlige Unabhängigkeit des Willens vonallem Einfluß sinnlicher Antriebe, und der Ge-schmack, wie wir wissen, arbeitet ohne Unterlaßdaran, das Band zwischen der Vernunft undden Sinnen immer inniger zu machen. Nunbewirkt er dadurch zwar, daß die Begierden sichveredeln, und mit den Forderungen der Ver-nunft übereinstimmender werden, aber selbstdaraus kann für die Moralität zuletzt großeGefahr entstehen.

Dafür nämlich, daß bey dem ästhetisch ver-feinerten Menschen die Einbildungskraft auchin ihrem freyen Spiele sich nach den Gesetzenrichtet, und daß der Sinn sich gefallen läßt,nicht ohne Bcystimmung der Vernunft zu ge-nießen, wird von der Vernunft gar leicht derGegendienst verlangt, in dem Ernst ihrer Ge-setzgebung sich nach dem Interesse der Einbil-dungskraft zu richten, und nicht ohne Beystim-mung der sinnlichen Triebe dem Willen zu ge-bieten. Die sittliche Verbindlichkeit des Willens,die doch ganz ohne alle Bedingung gilt, wirdunvermerkt als ein Kontrakt angesehen, der denEinen Theil nur so lange bindet, als der an-dere ihn erfüllt. Die zufällige Zusammenstim-mung der Pflicht mit der Neigung wird end-lich als nothwendige Bedingung festgesetzt, undso die Sittlichkeit in ihren Quellen vergiftet.

Wie der Charakter nach und nach in dieseVerdcrbniß gcrathe, läßt sich auf folgende Artbegreiflich machen.

So lange der Mensch noch ein Wilder ist,seine Triebe bloß aus materielle Gegenständegehen, und ein Egoismus von der gröbern Artseine Handlungen leitet, kann die Sinnlichkeitnur durch ihre blinde Stärke der Moralitätgefährlich seyn, und sich den Vorschriften derVernunft bloß als eine Macht widersetzen. DieStimme der Gerechtigkeit, der Mäßigung, derMenschlichkeit wird von der lauter sprechendenBegierde überschrien. Er ist fürchterlich in sei-ner Rache, weil er die Beleidigung fürchterlichempfindet. Er raubt und mordet, weil seineGelüste dem schwachen Zügel der Vernunft nochzu mächtig sind. Er ist ein wüthendes Thier