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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
421-422
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4-2,

Friedrich vvn Schiller.

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gegen Andre, weil ihn selbst der Naturtriebnoch thierisch beherrscht.

Vertauscht er aber diesen wilden Naturstandmit dem Zustande der Verfeinerung, veredeltder Geschmack seine Triebe, weist er denselbenwürdigere Objekte in der moralischen Welt an,mäßigt er ihre rohen Ausbrüche durch die Re-gel der Schönheit, so kann es geschehen, daßeben diese Triebe, die vorher nur durch ihreblinde Gewalt furchtbar waren, durch einenAnschein von Würde und durch eine angemaßteAutorität der Sittlichkeit des Charakters nochweit gefährlicher werden, und unter der Maskevon Unschuld, Adel und Reinigkeit eine weitschlimmere Thrannet) gegen den Wilden aus-üben.

Der Mensch von Geschmack entzieht sich freu-willig dem groben Joch des Instinkts. Er un-terwirft seinen Trieb nach Vergnügen derVernunft, und versteht sich dazu, die Ob-jekte seiner Begierden sich von dem denken-den Geist bestimmen zu lassen. Je öfter nunder Fall sich erneuert, daß das moralische unddas ästhetische Urtheil, das Sittengefühl unddas Schönheitsqefühl, in demselben Objekte zu-sammentreffen und in demselben Ausspruche sichbegegnen, desto mehr wird die Vernunft ge-neigt, einen so sehr vergeistigten Trieb für einender ihrigen zu halten, und ihm zuletzt dasSteuer des Willens mit uneingeschränkter Voll-macht zu übergeben.

So lange noch Möglichkeit vorhanden ist,daß Neigung und Pflicht in demselben Objektdes Begehrens zusammentreffen, so kann dieseRepräsentation des Sittengefühls durch dasSchönheilsgefühl keinen positiven Schaden an-richten, obgleich, streng genommen, für die Mo-ralität der einzelnen Handlungen dadurch nichts'gewonnen wird. Aber der Fall verändert sich-gar sehr, wenn Empfindung und Vernunft einverschiedenes Interesse haben — wenn die Pflichtein Betragen gebietet, das den Geschmack em-pört, oder wenn sich dieser zu einem Objekthingezogen sieht, das die Vernunft, als mora-lische Richter!» , zu verwerfe» gezwungen ist.

Jetzt nämlich tritt auf einmal die Nothwen-digkeit ein, die Ansprüche des moralischen undästhetischen Sinnes, die ein so langes Einver-ständniß beynahe unentwirrbar vermengte, aus-einander zu setzen, ihre gegenseitigen Befug-nisse zu bestimmen, und den wahren Gewalt-haber im Gemüthe zu erfahren. Aber eine soUnunterbrochene Repräsentation hat ihn in Ver-gessenheit gebracht, und die lange Observanz,den Eingebungen des Geschmacks unmittelbarju gehorchen, und sich dabey wohl zu befinden,wußte diesem unvermerkt den Schein einesRechts erwerben. Bey der Untadelhaftigkeit,womit der Geschmack seine Aussicht über denWillen verwaltete, konnte es nicht fehlen, daßwan seinen Ansprüchen nicht eine gewisse Ach-tung zugestand, und diese Achtung ist es eben,was die Neigung jetzt mit verfänglicher Dia-lektik gegen die Gcwiffenspflicht geltend macht.

Achtung ist ein Gefühl, welches nur für das^ssetz, und was demselben entspricht, kann em-pfunden werden. Was Achtung fordern kann,wacht auf unbedingte Huldigung Anspruch- Dieveredelte Neigung, welche sich Achtung zu er-

schleichen gewußt hat, will also der Vernunftnicht mehr untergeordnet, sie will ihr beygeord-net seyn- Sie will für keinen treubrüchigenUnterthan gelten, der sich gegen seinen Ober-5 Herrn auflehnt; sie will als eine Majestät ange-sehen seyn, und mit der Vernunft, als sittli-che Gesetzgeberin, wie Gleich mit Gleichem han-deln. Die Wagschalen stehen also, wie sie vor-gibt, dem Rechte nach gleich, und wie sehr ist1» da nicht zu fürchten, daß das Interesse denAusschlag geben werde!

Unter allen Neigungen, die von dem SchönhcitS-gefühl abstammen, und das Eigenthum feinerSeelen sind, empfiehlt keine sich dem moralischen15 Gefühl so sehr, als der veredelte Affekt der Liebe,und keine ist fruchtbarer an Gesinnungen, dieder wahren Würde des Menschen entsprechen.Zu welchen Höhen trägt sie nicht die mensch-liche Natur, und was für göttliche Funken weiß20 sie nicht oft auch aus gemeinen Seelen zu schla-gen! Von ihrem heiligen Feuer wird jede eigen-nützige Neigung verzehrt, und reiner könnenGrundsätze selbst die Keuschheit des Gemüthskaum bewahren, als die Liebe des Herzens Adel25 bewacht. Oft, wo jene noch kämpften, hatdie Liebe schon für sie gesiegt, und durch ihreallmächtige Thatkraft Entschlüsse beschleunigt,welche die bloße Pflicht der schwachen Mensch-heit umsonst würde abgefordert haben. Wer30 sollte wohl einem Affekte mißtrauen, der dasVortreffliche in der menschlichen Natur so kräf-tig in Schutz nimmt, und den Erbfeind allerMoralität, den Egoism, so siegreich bestreiket?

Aber man wage es ja nicht mit diesem Füh-35 rer, wenn man nicht schon durch einen besserngesichert ist. Der Fall soll eintreten, daß dergeliebte Gegenstand unglücklich ist, daß er umunsertwillen unglücklich ist, daß es von uns ab-hängt, ihn durch Aufopferung einiger morali-40 schen Bedenklichkeiten glücklich zu machen. „Sol-len wir ihn leiden lassen, um ein reines Ge-wissen zu behalten? Erlaubt dieses der uneigen-nützige, großmüthige, seinem Gegenstand ganzdahin gegebene, über seinen Gegenstand ganz45 sich selbst vergessende Affekt? Es ist wahr, esläuft wider unser Gewissen, von dem unmo-ralischen Mittel Gebrauch zu machen, wodurchihm geholfen werden kann — aber heißt daslieben, wenn man bey dem Schmerz des Ge-50 liebten noch an sich selbst denkt? Wir sind dochalso mehr für uns besorgt, als für den Gegen-stand unserer Liebe, weil wir lieber diesen un-glücklich sehen, als es durch die Vorwürfe un-sers Gewissens selbst seyn wollen?" So sophi-55 stisch weiß dieser Affekt die moralische Stimmein uns, wenn sie seinem Interesse entgegen-steht, als eine Anregung der Selbstliebe ver-ächtlich zu machen, und unsere sittliche Würdeals ein Bestandstück unserer Glückseligkeit vor-60 zustellen, welche zu veräußern in unserer Will-kür steht. Ist unser Charakter nicht durch guteGrundsätze fest verwahrt, so werden wir schänd-lich handeln bey allem Schwung einer erallir-ten Einbildungskraft, und über unsere Selbst-65 liebe einen glorreichen Sieg zu erfechten glau-ben, indem wir, gerade umgekehrt, ihr ver-verächtliches Opfer sind. In dem bekanntenfranzösischen Roman, Liaisons üangoreuses.findet man ein sehr treffendes Beyspiel dieses