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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
423-424
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Friedrich

Betruges, den die Liebe einer sonst reinen undschönen Seele spielt. Die Präsidentin vonLourvel ist aus Ueberraschung gefallen, und nunsucht sie ihr gequältes Her; durch den Gedan-ken' zu beruhigen, daß sie ihre Lugend derGroßmuih geopfert habe.

Die sogenannten unvollkommenen Pflichtensind es vorzüglich, oie das Schönheilsgefühl inSchutz nimmt, und nicht selten gegen die voll-kommenen behauptet. Da sie der Willkühr desSubjekts weit mehr anheimstellen, und zugleicheinen Glanz von Lerdienstlichkcit von sich wer-fe», so empfehle» sie sich dem Geschmack un-gleich mehr, als die vollkommenen, die unbe-dingt mit strenger Nöthignng gebieten. Wieviele Menschen erlauben sich nicht, ungerechtzu seyn, um großmüthig seyn zu können! Wieviele gibt es nicht, die, um einem Einzelnenwohlzuthun, die Pflicht gegen das Ganze ver-letzen und umgekehrt; die sich eher eine Unwahr-heit als eine Jndelikateffe, eher eine Verletzungder Menschlichkeit als der Ehre verzeihen, die,um die Vollkommenheit ihres Geistes zu be-schleunigen, ihren Körper zu Grunde richten,und, um ihren Verstand auszuschmücken, ihrenCharakter erniedrigen. Wie viele gibt es nicht,die selbst vor einem Verbrechen nicht erschre-cken, wenn ein löblicher Zweck dadurch zu er-reichen steht, die ein Ideal politischer Glückse-ligkeit durch alle Greuel der Anarchie verfol-gen, Gesetze in den Staub trete», um für bes-sere Platz zu machen, und kein Bedenken tra-gen, die gegenwärtige Generation dem Elendepreiszugeben, um das Glück der nächstfolgendendadurch zu befestigen. Die scheinbare Uneigen-nützigkeit gewisser Tugenden gibt ihnen einenAnstrich von Reinigkeit, der sie dreist genugmacht, der Pflicht ins Angesicht zu trotzen, undManchem spielt seine Phantasie den seltsamenBetrug, daß er über die Moralität noch hin-aus, und vernünftiger als die Vernunft sey»will.

Der Mensch von verfeinertem Geschmack istin diesem Stück einer sittlichen Lerderbniß fä-hig, vor welcher der rohe Natursohn, eben durchseine Rohbeit, gesichert ist. Bey dem letzternist der Abstand zwischen dem, was'der Sinnverlangt, und dem, was die Pflicht gebietet,so abstechend und so grell, und seine Begier-den haben so wenig Geistiges, daß sie sich, auchwenn sie ihn noch so despotisch beherrschen, dochnie bey ihm in Ansehen setzen können. Reiztihn also die überwiegende Sinnlichkeit zu einerunrechten Handlung, so kann er der , Versu-chung zwar unterliegen, aber er-wird sich nichtverbergen, daß er fehlt, und der Vernunft so-gar in demselben Augenblick huldigen, wo erihrer Vorschrift entgegen handelt. Der ver-feinerte Zögling der Kunst hingegen will es nichtWort haben, daß er fällt, und um sein Ge-wissen zu beruhige», belügt er es lieber. Er

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möchte zwar gern der Begierde nachgeben, aberohne dadurch in seiner eigenen Achtung zu sin-ken. Wie bewerkstelligt er nun dieses? Er stürztdie höhere Autorität vorher um, die seiner Nei-5 gung entgegensteht, und ehe er das Gesetz über-tritt, zieht er die Besugniß des Gesetzgebers inZweifel. Sollte man es glauben, daß ein ver-kehrter Wille den Verstand so verkehren könne?Alle Würde, auf welche eine Neigung Anspruch10 machen kann, hat sie bloß ihrer Uebereinstim-mung mit der Vernunft zu verdanken, undnun ist sie so verblendet als dreist, auch beyihrem Widerstreit mit der Vernunft sich dieseWürde anzumaßen, ja sich derselben sogar gegen15 das Ansehen der Vernunft zu bedienen.-

So gefährlich kann es für die Moralität desCharakters ausschlagen, wenn zwischen den sinn-lichen und den sittlichen Trieben, die doch nurim Ideale und nie in der Wirklichkeit vollkom-20 men einig sey» können, eine zu innige Gemein-schaft herrscht. Zwar die Sinnlichkeit wagt beydieser Gemeinschaft nichts, da sie nichts besitzt,was sie nicht hingeben müßte, sobald die Pflichtspricht, Und die Vernunft das Opfer fordert.25 Für die Vernunft aber, als sittliche Gesetzge-berin, wird desto mehr gewagt, wenn sie sichvon der Steigung schenken läßt, was sie ihr ab-fordern könnte; denn unter dem Scheine vonFreywilligkeit kann sich leicht das Gefühl der00 Verbindlichkeit verlieren, und ein Geschenk läßtsich verweigern, wenn der Sinnlichkeit einmaldie Leistung beschwerlich fallen sollte. Ungleichsicherer ist es also für die Moralität des Cha-rakters, wenn die Repräsentation des Sitten-05 gefühls durch das Schönheitsgefühl wenigstensmomentweise aufgehoben wird, wenn die Ver-nunft öfters unmittelbar gebietet, und demWillen seinen wahren Beherrscher zeigt.

Man sagt daher ganz richtig, dasi die ächte4« Moralität sich nur i» der Schule der Wider-wärtigkeit bewähre, und eine anhaltende Glück-seligkeit leicht eine Klippe der Tugend werde.Glückselig nenne ich den, der, um zu genießen,nicht nöthig hat, unrecht zu thun, und, um45 recht zu handeln, nicht nöthig hat, zu entbeh-ren. Der ununterbrochen glückliche Mensch stehtalso die Pflicht nie von Angesicht, weil seinegesetzmäßigen und geordneten Neigungen dasGebot der Vernunft immer anlizipiren, und50 keine Versuchung zum Bruch des Gesetzes dasGesetz bey ihm in Erinnerung bringt. Einzigdurch den Schönheitssinn, den Statthalter derVernunft in der Sinnenwclt, regiert, wird erzu Grabe gehen, ohne die Würde seiner Be-55 stimmung zu erfahren. Der Unglückliche hin-gegen, wenn er zugleich ein Tugendhafter ist,genießt den erhabenen Vorzug, mit der gött-lichen Majestät des Gesetzes unmittelbar zu ver-kehren, und, da seiner Lugend keine Neigung60 hilft, die Freyheit des Dämons noch als Menschz» beweisen.

Ueber das Erhabene.

„Kein Mensch muß müssen" sagt der JudeNathan zum Derwisch, und dieses Wort ist in

einem wettern Umfänge wahr, als man dem-selben vielleicht einräumen möchte. Der Wille