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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
435-436
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Friedrich von Schiller.

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erm Busen gebietet. Aber das wahre Unglück ist, auch bey allen sinnlichen Schranken uns

wählt seinen Mann und seine Zeit nicht immer nach dem Gesetzbuch reiner Geister zu richten,

gut; es überrascht uns oft wehrlos, und, was so muß das Erhabene zu dem Schönen hinzu-

nvch schlimmer ist, es macht uns oft wehrlos. kommen, um die ästhetische Erziehung zu einem

Das künstliche Unglück des Pathetischen hinge- 5 vollständigen Ganzen zu machen, und die Gin-gen findet uns in voller Rüstung, und weil es psindungsfähigkeic des menschlichen Herzens nach

bloß eingebildet ist, so gewinnt das selbststän- dem ganzen Umfang unserer Bestimmung, und also

dige Principien« in unserm Gemüthe Raum, auch über die Sinnenwelr hinaus, zu erweitern-

seine absolute Jndependenz zu behaupten. Ze Ohne das Schöne würde zwischen unserer

öfter nun der Geist diesen Akt von Selbstthä- 10 Naturbestimmung und unsrer Lernunftbestim-tigkeit erneuert, desto mehr wird ihm derselbe mung ein immerwährender Streit seyn. Ueber

zur Fertigkeit, einen desto größer» Vorsprung dem Bestreben, unserm Geisterberus Genüge zu

gewinnt er vor dem sinnlichen Lricb, daß er leisten, würden wir unsere Menschheit versäu-

endlich auch dann, wenn aus dem cingebilde- men und, alle Augenblicke zum Aufbruch aus

ten und künstliche» Unglück ein ernsthaftes wird, 15 der Sinncnwclt gefaßt, in dieser uns einmalim Stande ist, es als ein künstliches zu behan- angewiesenen Sphäre des Handelns beständig

deln, und, der höchste Schwung der Menschen- Fremdlinge bleiben. Ohne das Erhabene würde

natur, das wirkliche Leiden in eine erhabene uns die Schönheit unserer Würde vergessen

Rührung aufzulösen. Das Pathetische, kann machen. In der Erschlaffung eines ununtec-

man daher sagen, ist eine Inokulation des un- 20 brochenen Genusses würden wir die Rüstigkeitvermeidlichen Schicksals, wodurch es seiner Bös- des Charakters einbüßen, und an diese zufälligeartigkeit beraubt, und der Angriff desselben aus Form des Daseyns unauflösbar gefesselt, unsre

die starke Seite des Menschen hingeleitet wird. unveränderliche Bestimmung und unser wahres

Also hinweg mit der falsch verstandenen Vaterland aus den Augen verlieren. Nur wen»

Schonung und dem schlaffen verzärtelten Ge- 25 das Erhabene mit dem Schönen sich galtet, und

schmack, der über das ernste Angesicht der Noth- unsre Empfänglichkeit für Beydes in gleichem

wendigkeit einen Schleier wirst, und, um sich Maß ausgebildet worden ist, sind wir vollendete

bey den Sinnen in Gunst zu setzen, eine Har- Bürger der Natur, ohne deßwegen ihre Skla-

monie zwischen dem Wohlseyn und Wohlver- ven zu seyn, und ohne unser Bürgerrecht in der

halten lügt, wovon sich in der wirklichen Welt 30 intelligibeln Welt zu verscherzen,keine Spuren zeigen. Stirn gegen Stirn zeige Nun stellt zwar schon die Natur für sich

sich uns das böse Verhängniß. Nicht in der allein Objekte in Menge auf, an denen sich die

Unwissenheit der uns umlagernden Gefahren — Empsindungssähigkeit für das Schöne und

denn diese muß doch endlich aufhören — nur Erhabene üben könnte; aber der Mensch ist,

in der Bekanntschaft mir denselben ist Heil für 35 wie in andern Fällen, so auch hier, von der

uns. Zu dieser Bekanntschaft nun verhilft uns zweyten Hand besser bedient als von der ersten,

das furchtbar herrliche Schauspiel der Alles zer- und will lieber einen zubereiteten und auserle-

störendcn und wieder erschaffenden und wieder jenen Stoff von der Kunst empfangen, als an

zerstörenden Veränderung - des bald langsam der unreinen Quelle der Statur mühsam und

untergrabenden, bald schnell überfallenden Ver- 40 dürsiig schöpfen. Der nachahmende Bildungs-

derbens, verhelfen uns die pathetischen Gemählde trieb, der keinen Eindruck erleiden kann, ohne

der in den Kampf mit dem Schicksal eingehen- sogleich nach einem lebendigen Ausdruck zu stre-

ben Menschheit, der unaufhaltsamen Flucht des den, und in jeder schöne» oder großen FormGlücks, der betrogenen Sicherheit, der trium- der Natur eine Ausforderung erblickt, mir ihephirenden Ungerechtigkeit und der unterliegen- 45 zu ringen, hat vor derselben den groben Bor-den Unschuld, welche die Geschichte in reichem theil voraus, dasjenige als Hauptzweck und alsMaß aufstellt, und die tragische Kunst nachah- ein eigenes Ganzes behandeln zu dürfen, waSinend vor unsre Augen bringt. Denn wo wäre die Natur — wenn sie es nicht gar absichtwsderjenige, der, bey einer nicht ganz verwahr- hinwirft — bey Verfolgung eines ihr näher'losten moralischen Anlage, von dem hartnäcki- 50 liegenden Zwecks blos im Vorbeygehen mit-gen und doch vergeblichen Kampf des Milhri- nimmt. Wenn die Natur in ihre» schöne» or-dat, von dem Untergang der Städte SyrakuS gallischen Bildungen entweder durch die man-und Karthago, bey solchen Scenen verweilen gelhafte Individualität des Stoffes oder durchkann, ohne dem ernsten Gesetz der Nothwendig- Einwirkung heterogener Kräfte Gewalt erleidet,keir mit einem Schauer zu huldigen, seinen Be- 55 oder wenn sie, in ihren großen und pathetischenZierden augenblicklich den Zügel anzuhalten, Scene», Gewalt ausübt, und als eine Machtund ergriffen von dieser ewigen Untreue alles auf den Menschen wirkt, da sie doch bloß alsSinnlichen nach dem Beharrlichen in seinem Objekt der freyen Betrachtung ästhetisch werdenBusen zu greifen? Die Fähigkeit, das Erhabne kann, so ist ihre Nachahmerin, die bildendezu empfinden, ist also eine der herrlichsten An- 60 Kunst, völlig frey, weil sie von ihrem Gegen-lagen in der Menschennatur, die sowohl wegen stand alle zufällige Schranken absondert, undihres Ursprungs aus dem selbstständigrn Denk- läßt auch das Gemüth des Betrachters frei),und Willens-Vermögen unsre Achtung, als we- weil sie nur den Schein und nicht die Wirt-gen ihres Einflusses auf den moralischen Men- lichkeit nachahmt. Da aber der ganze Zauber

sehen die vollkommenste Entwicklung verdient. 65 des Erhabenen und Schönen nur i» dem ScheißDas Schöne macht sich hl»ß verdient um den und nicht in dem Inhalt liegt, so hat die Kunst

Menschen, das Erhabene um den reinen Dämon alle Vortheile der Natur, ohne ihre Fesseln m>

in ihm; und weil es einmal unsre Bestimmung ihr zu theilen.