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Friedrich von Schiller.
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VIH. Gedanken beim Gebrauch des Gemeinen und Niedrigen in der Kunst.
Gemein ist Alles, was nicht zu dem Geiste finden und wie sie sich auch äußern mag, etwasspricht, und kein anderes als ein sinnliches In- Gemeines, weil sie einen Mangel von Edelmuts)tereffe erregt. Es gibt zwar tausend Dinge, beweist. Ader man unterscheidet noch besondersdie schon durch ihren Stoff oder Inhalt gemein 10 eine niedrige Rache, wenn der Mensch, der siesind; aber weil das Gemeine des Stoffes durch ausübt, sich verächtlicher Mittel bedient, sie zudie Behandlung veredelt werden kann, so ist in befriedigen. Das Niedrige bezeichnet immer et-der Kunst nur vom Gemeinen in der Form die was Grobes und Pöbelhaftes; gemein aber kannRede. Ein gemeiner Kopf wird den edelsten auch ein Mensch von Geburt und bessern Sit-Stoff durch eine gemeine Behandlung veruneh- 15 ten denken und handeln, wenn er mittelmäßigeren; ein großer Kopf und ein edler Geist hin- Gaben besitzt. Ein Mensch handelt gemein, dergegen werden selbst das Gemeine zu adeln wis- nur auf seinen Nutzen bedacht ist, und insofernsen, und zwar dadurch, daß er es an etwas steht er dem edeln Menschen entgegen, der sichGeistiges anknüpft und eine große Seite daran selbst vergessen kann, um einem andern einenentdeckt. So wird uns ein Geschichtschreiber 2t) Genuß zu verschaffen. Derselbe Mensch abervon gemeinem Schlage die unbedeutendsten Ver- würde niedrig handeln, wenn er seinem Nutzenrichtungen eines Heiden eben so sorgfältig als auf Kosten seiner Ehre nachginge, und auchseine erhabensten Thaten berichten, und sich eben nicht einmal die Gesetze des Anstandes dabeyso lang bey seinem Stammbaum, seiner Klei- respektircn wollte. Das Gemeine ist also demverkracht, seinem Hauswesen, als bey seinen Ent- 25 Edeln, das Niedrige dem Edeln und *Anständi-würfen und Unternehmungen verweilen. Seine gen zugleich entgegengesetzt. Jeder Leidenschaftgrößten Thaten wird er so erzählen, daß kein ohne allen Widerstand nachgeben, jeden TriebMensch es ihnen ansieht, was sie sind. Umge- befriedigen, ohne sich auch nur von den Regelt!kehrt wird ein Geschichtschreiber von Geist und des Wohlstandes, vielweniger von denen dereignem Scclenadel auch in das Privatleben und 30 Sittlichkeit zügeln zu lassen, ist niedrig undin die unwichtigsten Handlungen seines Helden verräth eine niedrige Seele,ein Interesse und einen Gehalt legen, der sie Auch in Kunstwerken kann man in das
wichtig macht. Einen gemeinen Geschmack ha- Niedrige verfallen, nicht bloß indem man nied-ben in der bildenden Kunst die niederländischen rige Gegenstände wählt, die der Sinn für An-Mahler, einen edlen und großen Geschmack die 35 stand und Schicklichkeit ausschließt, sondern auchItaliener, noch mehr aber die Griechen bewie- indem man sie niedrig behandelt. Niedrig be-sen. Diese gingen immer auf das Ideal, ver- handelt man einen Gegenstand, wenn man ent-warfen jeden gemeinen Zug, und wählten auch weder diejenige Seite an ihm, welche der gutekeinen gemeinen Stoff. Anstand verbergen heißt, bemeiklich macht, oder
Ein Porträrmahler kann seinen Gegenstand 4V wenn man ihm einen Ausdruck gibt, der aufgemein und kann ihn groß behandeln. Gemein, niedrige Nebcnvorstellungen leitet. In demwenn er das Zufällige eben so sorgfältig dar- Leben des größten Mannes kommen niedrigestellt, als das Nothwendige, wenn er das Große Verrichtungen vor, aber nur ein niedriger Ge-vernachläffigt, und das Kleine sorgfältig aus- schmack wird sie herausheben und ausmahlen,führt: Groß, wenn er das Interessanteste her- 45 Man findet Gemählde aus der heiligen Ge-aus zu finden weiß, das Zufällige von dem schichte, wo die Apostel, die Jungfrau undNothwendigen scheidet, das Kleine nur andeu- Christus selbst einen Ausdruck haben, als wenntet und das Große ausführt. Groß aber ist sie aus dem gemeinste» Pöbel wären aufgegrif-nichtS, als der Ausdruck der Seele in Hand- sen worden. Alle solche Ausführungen beweisenlungen, Geberden und Stellungen. 50 einen niedrigen Geschmack, der uns ein Recht
Ein Dichter behandelt seinen Stoff gemein, gibt, auf eine rohe und pöbelhafte Denkart deswenn er unwichtige Handlungen ausführt, und Künstlers selbst zu schließen,über wichtige flüchtig hinweggeht. Er behalt- Es gibt zwar Fälle, wo das Niedrige auch
delt ihn groß, wenn er ihn mit dem Großen in der Kunst gestaltet werden kann; da näm-oerbindet. Homer wußte den Schild des Achil- 55 lieh, wo es Lachen erregen soll. Auch ein Menschkes sehr geistreich zu behandeln, obgleich die von feinen Sitten kann zuweilen, ohne einenVerfertigung eines Schildes dem Stoff nach ct- verderbten Geschmack zu verrathen, an dem ro-was sehr Gemeines ist. hen, aber wahren Ausdruck der Natur und an
Noch eine Stufe unter dem Gemeinen steht dem Kontrast zwischen den Sitten der feinendas Niedrige, welches von jenem darin unter- 60 Welt und des Pöbels sich belustigen. Die Be-schieden ist, daß es nicht bloß etwas Negatives, trunkenheit eines Menschen von Stande würde,üicht bloß Mangel des Geistreichen und Edeln, wo sie auch vorkäme, Mißfallen erregen; abersondern etwas Positives, nämlich Rohheit des ein betrunkener Postillon, Matrose und Kar-gefühls, schlechte Sitten und verächtliche Ge- renschieber "lacht uns lachen. Scherze, die unSffnnungen anzeigt. Das Gemeine zeugt bloß 65 an einem Menschen von Erziehung unerträglichvon einem fehlenden Vorzug, der sich wünschen seyn würden, belustigen uns im Mund des Pö-*üßt, das Niedrige von dem Mangel einer Ei- bels. Von dieser Art sind viele Scenen desZ^nschafr, die von Jedem gefordert werden kann. Aristophanes, die aber zuweilen auch diese GrenzeSo ist z. B. die Rache an sich, wo sie sich auch überschreiten und schlechterdings verwerflich sind.