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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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439-440
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Friedrich von Schiller.

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Deßwegen ergehen wir uns an Parodien, woGesinnungen, Redensarten und Berrichtungendes gemeinen Pöbels denselben vornehmen Per-sonen untergeschoben werden, die der Dichtermit aller Würde und Anstand behandelt hat.So bald es der Dichter bloß auf ein Lachstückanlegt, und weiter nichts will, als uns belu-stigen, so können wir ihm auch das Niedrigehingehen lassen, nur muß er nie Unwillen oderEckel erregen.

Unwillen erregt er, wenn er das Niedrigeda anbringt, wo wir es schlechterdings nichtverzeihen können, bey Menschen nämlich, vondenen wir berechtigt sind, feinere. Sitten zufordern. Handelt er dagegen, so beleidigt erentweder die Wahrheit, weil wir ihn lieber füreinen Lügner halten, als glauben wollen, daßMenschen von Erziehung wirklich so niedrighandeln können; oder feine Menschen beleidigenunser Sittengefühl und erregen, welches nochschlimmer ist, unsere Indignation. Ganz an-ders ist es in der Farce, wo zwischen dem Dich-ter und dem Zuschauer ein stillschweigender Kon-trakt ist, daß man keine Wahrheit zu erwartenhabe. In der Farce dispensiren wir den Dich-ter von aller Treue der Schilderung, und ererhält gleichsam ein Privilegium, uns zu belü-gen. Denn hier gründet sich das Komische ge-rade auf seinen Kontrast mit der Wahrheit; eskann aber unmöglich zugleich wahr seyn undmit der Wahrheit kontrastircn.

Es gibt aber auch im Ernsthaften und Tra-gischen einige seltene Fälle, wo das Niedrigeangewandt werden kann. Alsdann muß es aberins Furchtbare übergehen, und die augenblick-liche Beleidigung des Geschmacks muß durcheine starke Beschäftigung des Affekts ausgelöschtund also von einer höhern tragischen Wirkunggleichsam verschlungen werden. Stehlen z. B.ist etwas Absolut-Niedriges, und was auch un-ser Herz zur Entschuldigung eines Diebs vor-bringen kann, wie sehr er auch durch den Drangder Umstände mag verleitet worden seyn, so istihm ein unauslöschliches Brandmal aufgedrückt,und ästhetisch bleibt er immer ein niedriger Ge-genstand. Der Geschmack verzeiht hier nochweniger als die Moral, und sei» Richterstuhlist strenger, weil ein ästhetischer Gegenstandauch für alle Nebenideen verantwortlich ist,die auf seine Veranlassung in uns rege gemachtwerden, da hingegen die moralische Beurthei-lung von allem Zufälligen abstrahirt- EinMensch, der stiehlt, würde demnach für jedepoetische Darstellung von ernsthaftem Inhaltein höchst verwerfliches Objekt seyn. Wird aberdieser Mensch zugleich Mörder, so ist er zwarmoralisch noch viel verwerflicher; aber ästhetischwird er dadurch wieder um einen Grad brauch-barer. Derjenige, der sich sich rede hier immernur von der ästhetischen Beurtheilungsweise)durch eine Infamie erniedrigt, kann durch einBerbrechen wieder in etwas erhöht und in un-sere ästhetische Achtung restituirt werden. DieseAbweichung des moralischen Urtheils von demästhetischen ist merkwürdig und verdient Auf-merksamkeit. Man kann mehrere Ursachen da-von anführen. Erstlich habe ich schon gesagt,daß, weil das ästhetische Urtheil von der Phan-tasie abhängt, auch alle Nebenvorstellungcn,

welche durch einen Gegenstand in uns erregtwerden, und mit demselben in einer natürlichenBerbindung stehen, auf dieses Urtheil einfließen-Sind nun diese Rebenvorstellungen von einerniedrigen Art, so erniedrigen sie den Haupt'gcgenstand unvermeidlich.

Zwcytens sehen wir in der ästhetischen Be-urtheilung auf die Kraft, bey einem morali-schen auf die Gesetzmäßigkeit. Kraftmangel istetwas Verächtliche», und jede Handlung, dieuns darauf schließen läßt, ist es gleichfalls-Jede feige und kriechende That ist uns widrigdurch den Kraftmangel, den sie verräth; um-gekehrt kann uns eine teuflische That, so baldsie nur Kraft verrath, ästhetisch gefallen. EinDiebstahl aber zeigt eine kriechende feige Ge-sinnung an; eine Mordthat hat wenigstens denSchein von Kraft, wenigstens richtet sich derGrad unsers Interesse, das wir ästhetisch da-ran nehmen, nach dem Grad der Kraft, derdabey geäußert worden ist.

Drittens werden wir bey einem schwerenund schrecklichen Verbrechen von der Qualitätdesselben abgezogen, und auf seine furchtbarenFolgen aufmerksam gemacht. Die stärkere Ge-müthsbewegung unterdrückt alsdann die schwä-chere. Wir sehen nicht rückwärts in die Seeledes Thäters, sondern vorwärts in sein Schick-sal, auf die Wirkungen seiner That. So baldwir aber anfangen zu zittern, so schweigt jedeZärtlichkeit des Geschmacks. Der Haupteindruckerfüllt unsere Seele ganz, und die zufälligenNebenideen, an denen eigentlich das Niedrige,hängt, erlöschen. Daher ist der Diebstahl desjungen Ruhberg, in Verbrechen aus Ehrsucht,auf der Schaubühne nicht widrig, sondern wahr-haft tragisch. — Der Dichter hat mit vielerGeschicklichkeit die Umstände so geleitet, daßwir fortgerissen werden und nicht zu AtherNkommen. Das schreckliche Elend seiner Familie,und besonders der Jammer seines Vaters sindGegenstände, die unsere ganze Aufmerksamkeitvon dem Thäter hinweg und auf die Folgenseiner That leiten. Wir sind viel zu sehr in>Affekt, um uns auf die Vorstellungen decSchandeeinzulassen, womit der Diebstahl gebrandmarktwird. Kurz: das Niedrige wird durch dasSchreckliche versteckt. Es ist sonderbar, daßdieser wirklich begangene Diebstahl des jungenRuhberg nicht so viel Widriges hat, als derbloße ungegründete Verdacht eines Diebstahls ineinem andern Schauspiel. Hier wird ein jun-ger Offizier »«verdienterweise beschuldigt, einensilbernen Löffel eingesteckt zu haben, der simnachher findet. Das Niedrige ist also hier bloßeingebildet, bloßer Verdacht, und doch thut esdem unschuldigen Helden des Stücks, in unsre?ästhetischen Vorstellung, unwiderbringlich Sehn-den. Die Ursache ist, weil die Voraussetzung,daß ein Mensch niedrig handeln könne, keinefeste Meinung von seinen Sitten beweist, badie Gesetze der Convenien; es mit sich bringen,daß man einen so lange für einen Mann vonEhre hält, als er nicht das Gegentheil zeigt-Traut man ihm also etwas Verächtliches zü-so sieht es aus, als ob er doch irgend einwazur Möglichkeit eines solchen Argwohns Anlätzgegeben hätte; obgleich das Niedrige einesverdienten Verdachts eigentlich auf Seiten des

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