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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
441-442
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Friedrich von Schiller.

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Beschuldigers ist. Dem Helden des angeführtenStücks thut es noch mehr Schaden, daß erOffizier und Liebhaber einer Dame von Erzie-hung und Stande ist. Mit diesen beiden Prä-dikaten macht das Prädikat des Stehlens einen 5ganz erschrecklichen Kontrast, und es ist unsunmöglich, uns nicht augenblicklich daran zuerinnern, wenn er bey seiner Dame ist, daß erden silbernen Löffel in der Tasche haben könnte.Das größte Unglück dabey ist, daß derselbe den 10auf ihm ruhenden Verdacht gar nicht ahnt;denn wäre dieses, so würde er als Offizier eineblutige Genugthuung fordern; die Folgen wür-den dann ins Fürchterliche gehen, und das Nied-rige verschwinden. 15

Noch muß man das Niedrige der Gesinnungvon dem Niedrigen der Handlung und des Zu-standes wohl unterscheiden. Das erste ist unteraller ästhetischen Würde, das letzte kann öfterssehr gut damit bestehen. Sklaverei) ist niedrig; 20aber eine sklavische Gesinnung in der Freyheitist verächtlich; eine sklavische Beschäftigung hin-gegen ohne eine solche Gesinnung ist es nicht;vielmehr kann das Niedrige des Zustandes, mitHoheit der Gesinnung verbunden, ins Erhabne 25übergehen. Der Herr des Epiklet, der ihnschlug, handelte niedrig, und der geschlageneSklave zeigte eine erhabene Seele. WahreGröße schimmert aus einem niedrigen Schicksalnur desto herrlicher hervor, und der Künstler 30

darf sich nicht fürchten, seinen Helden auch ineiner verächtlichen Hülle aufzuführen, sobald ernur versichert ist, daß ihm der Ausdruck desinnern Werths zu Gebote steht.

Aber was dem Dichter erlaubt seyn kann,ist dem Mahler nicht immer gestattet. Jenerbringt seine Objekte bloß vor die Phantasie,dieser hingegen unmittelbar vor die Sinne. Alsoist nicht nur der Eindruck des Gemähldes leb-hafter als der des Gedichts, sondern der Mah-ler kann auch durch seine natürlichen Zeichendas Innere nicht so sichtbar machen, als derDichter durch seine willkürlichen Zeichen, unddoch kann uns nur das Innere mit dem Acu-ßern versöhnen. Wenn uns Homer seinen Ulyßin Bettlerlumpen aufführt, so kommt es aufuns an, wie weit wir uns dieses Bild aus-mahlen und wie lang wir dabey verweilen wol-len. In keinem Fall aber hat es Lebhaftigkeitgenug, daß es uns unangenehm oder ekelhaftseyn könnte. Wenn aber der Mahler oder garnoch der Schauspieler den Ulyß dem Homer ge-treu nachbilden wollte, so würden wir uns mitWiderwillen davon hinwegwendcn. Hier habenwir die Stärke des Eindrucks nicht in unsererGewalt; wir müssen sehen, was uns der Mah-ler zeigt, und können die widrigen Nebenideen,die uns dabey in Erinnerung gebracht werden,nicht so leicht abweisen.

Johann Göttlich Fichte.

ttcden an die deutsche Uation.

Erste (vierte) Rede. 45

Hauptvcrschiedenheit zwischen den Deutschen undden übrigen Völkern germanischer Abkunft.

Der Deutsche ist zuvörderst ein Stamm der 50Germanicr überhaupt, über welche letztere hierhinreicht die Bestimmung anzugeben, daß sieda waren, die im alten Europa errichtete ge-sellschaftliche Ordnung mit der im alten Asienaufbewahrten wahren Religion zu vereinigen, 55h»d so an und aus sich selbst eine neue Zeit,

>m Gegensatze des untergegangenen Alterthums,äu entwickeln. Ferner reicht es hin den Deut-schen insbesondere nur im Gegensatze mit denandern neben ihm entstandenen Germanischen 00^ölkerstämmen zu bezeichnen; indem andere^'»europäische Nationen, als z. B. die vonslavischer Abstammung, sich vor dem übrigenEuropa noch nicht so klar entwickelt zu habenscheinen, daß eine bestimmte Zeichnung von 05chnen möglich sey, andere aber von der gleichenGermanischen Abstammung, von denen der so-ßleich anzuführende Hauprunlerscheidungs-Grunda>cht gilt, wie die Skandinavier, hier unbezwei-

felt für deutsche genommen werden, und unterallen den allgemeinen Folgen unsrer Betrach-tung mit begriffen sind.

Vor allem voraus aber ist der jetzt insbe-sondre anzustellenden Betrachtung folgende Be-merkung voranzusenden. Ich werde als Grunddes erfolgten Unterschiedes in dem ursprünglichEinen Grundstamme eine Begebenheit angeben,die bloß als Begebenheit klar und unividersprech-lich vor aller Augen liegt; ich werde sodanneinzelne Erscheinungen dieses erfolgten Unter-schiedes aufstellen, welche als bloße Begebenhei-ten wohl eben so einleuchtend dürften gemachtwerden können. Was aber die Verknüpfungder letzter», als Folgen, mit dem ersten, alsihrem Grunde, und die Ableitung der Folgeaus dem Grunde betrifft, kann ich im allge-meinen nicht auf dieselbe Klarheit und überzeu-gende Kraft für alle rechnen. Zwar spreche ichauch in dieser Rücksicht nicht eben ganz neue,und bisher unerhörte Sätze aus, sondern esgibt unter uns viele einzelne, die für eine solcheAnsicht der Sache entweder sehr gut vorbereitet,oder auch wohl mit derselben schon vertraut sind.Unter der Mehrheit aber sind über den anzu-