Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
445-446
JPEG-Download
 

446

445

Johann Gottlreb Fichte.

lerbrochner Mittheilung bleiben, und wo dasvon jedem einzelnen ausgesprochene Neue an dasGehör aller gelangt, dieselbe Eine Gesetzmäßig-keit. Nach Jahrtausenden, und nach allendenVeränderungen, welche in ihnen die äußereErscheinung der Sprache dieses Volks erfahrenhat, bleibt es immer dieselbe Eine, ursprüng-lich also ausbrechenmüffende lebendige Sprach-krafr der Natur, die ununterbrochen durch alleBedingungen herab geflossen ist, und in jederso werden mußte, wie sie ward, am Ende der-selben so seyn mußte, wie sie jetzt ist, und ineiniger Zeit also seyn wird, wie sie sodannmüssen wird. Die reinmenschliche Sprache zu-sammengenommen zuförderst mit dem Organedes Volks, als sein erster Laut ertönte; washieraus sich ergibt, ferner zusammengenommenmir allen Entwicklungen, die dieser erste Lautunter den gegebenen Umständen gewinnen mußte,gibt als letzte Folge die gegenwärtige Sprachedes Volks. Darum bleibt auch die Spracheimmer dieselbe Sprache. Lasset immer nacheinigen Jahrhunderten die Nachkommen die da-malige Sprache ihrer Vorfahren nicht verstehen,weil für sie die Uebcrgänge verloren gegangensind / dennoch gibt es vom Anbeginn an einenstetigen Uebergang, ohne Sprung, immer un-Merklich in der Gegenwart, und nur durch Hin-zusügung neuer uebergänge bemcrklich gemacht,Und als Sprung erscheinend. Niemals ist einZeitpunkt eingetreten, da die Zeitgenossen auf-gehört hätten sich zu verstehen, indem ihr ewi-ger Vermittler und Dollmetscher die aus ihnenallen sprechende gemeinsame Naturkrafi immer-fort war und blieb. So verhält es sich mitder Sprache als Bezeichnung der GegenständeUnmittelbar sinnlicher Wahrnehmung, und die-ses ist alle menschliche Sprache anfangs. Er-hebt von dieser das Volt sich zu Erfassung desübersinnlichen, so vermag dieses übersinnlicheiur beliebigen Wiederholung und zur Vermei-dung der Verwirrung mit dem sinnlichen fürden ersten Einzelnen, und zur Mittheilung undzweckmäßigen Leitung für andere, zuförderst nichtanders fest gehalten zu werden, denn also, daßein Selbst als Werkzeug einer übersinnlichenNrlt, bezeichnet, und von demselben Selbst,als Werkzeug der sinnlichen Welt, genau un-terscheiden werde — eine Seele, Gemüth u.dergl. einem körperlichen Leibe entgegengesetzt"wrde. Ferner könnten die verschiedenen Be-anstände dieser übersinnlichen Welt, da sie ins-gesammt nur in jenem übersinnlichen Werkzeuge^scheinen, und für dasselbe da sind, in derSprache nur dadurch bezeichnet werden) daßgesagt werde, ihr besonderes Verhältniß zu ih-dem Werkzeuge sey also, wie das Verhältniß/r und der bestimmten sinnlichen Gegenstände^m sinnlichen Werkzeuge, und daß in diesemVerhältniß ein besonderes übersinnliches einem^sondern sinnlichen gleichgesetzt, und durch diese?ueichsehung sein Ort im übersinnlichen Werk-Nse durch die Sprache angedeutet werde.Weiter vermag in diesem Umkreise die Sprachemchts; sie gibt ein sinnliches Bild des Ueber-UtNichen bloß mit der Bemerkung, daß es ein«olches Bild sei; wer zur Sache selbst kommenjü, muß nach der durch das Bild ihm angc-^ denen Regel sein eigenes geistiges Werkzeug

in Bewegung setzen. - Im allgemeinen erhellet,daß diese sinnbildliche Bezeichnung des Uebersinn-lichen jedesmal nach der Stufe der Entwicklungdes sinnlichen Erkenntnißvermögens unter dem5 gegebenen Volke sich richten müsse; daß daherder Anfang und Fortgang dieser sinnbildlichenBezeichnung in verschiedenen Sprachen sehr ver-schieden ausfallen werde, nach der Verschieden-heit des Verhältnisses, das zwischen der sinnli-10 chen und geistigen Ausbildung des Volkes, daseine Sprache redet, statt gefunden, und fort-während statt findet.

Wir beleben zuförderst diese in sich klareBemerkung durch ein Beispiel. Etwas, das zu-15 folge der in der vorigen Rede erklärten Erfas-sung des Grundtriebes nicht erst durch dasdunkle Gefühl, sondern sogleich durch klare Er-kenntniß entsteht, dergleichen jedesmal ein über-sinnlicher Gegenstand ist, heißt mit einem grie-20 chischen, auch in der deutschen Sprache häufiggebrauchten Worte, eine Idee, und diesesWort gibt genau dasselbe Sinnbild, was in derdeutschen das Wort Gesicht, wie dieses infolgenden Wendungen der lutherischen Bibel-25 Übersetzung: ihr werdet Gesichte sehen, ihr wer-det Träume haben, vorkommt. Idee oder Ge-sicht in sinnlicher Bedeutung wäre etwas, dasnur durch das Auge des Leibes, keineswegs aberdurch einen andern Sinn, etwa der Betastung,50 des Gehörs u. s. w- erfaßt werden könnte, sowie etwa ein Regenbogen, oder die Gestalten,welche im Traume vor uns vorüber gehen.Dasselbe in übersinnlicher Bedeutung hieße zu-förderst, zufolge des Umkreises, in dem das35 Wort gelten soll, etwas, das gar nicht durchden Leib, sondern nur durch den Geist erfaßtwird, sodann, das auch nicht durch das dunkleGefühl des Geistes, wie manches andere, son-dern allein durch das Auge desselben, die klare40 Erkenntniß, erfaßt werde» kann. Wollte mannun etwa ferner annehmen, daß den Griechenbei dieser sinnbildlichen Bezeichnung allerdingsder Regenbogen, und die Erscheinungen der Art,zum Grunde gelegen, so müßte man gestehen,45 daß ihre sinnliche Erkenntniß schon vorher sichzur Bemerkung des Unterschiedes zwischen denDingen, daß einige sich allen oder mehrernSinnen, einige sich bloß dem Auge offenbaren,erhoben haben müsse, und daß außerdem sie50 den entwickelten Begriff, wenn er ihnen klargeworden wäre, nicht also, sondern andershätten bezeichnen müssen. Es würde sodannauch ihr Vorzug in geistiger Klarheit erhellenetwa vor einem andern Volke, das den Unter-55 schied zwischen sinnlichem und übersinnlichemnicht durch ein aus dem besonnenen Zustandedes Wachens hergenommenes Sinnbild habe be-zeichnen können, sondern zum Traume seineZuflucht genommen, um ein Bild für eine an-60 dere Welt zu finden; zugleich würde einleuch-ten , daß dieser unterschied nicht etwa durchdie größere oder geringere Stärke des Sinnsfürs Uebcrsinnliche in den beiden Völkern, son-dern daß er lediglich durch die Verschiedenheit65 ihrer sinnlichen Klarheit, damals, als sie Ueber-sinnliches bezeichnen wollten, begründet sey.

So richtet alle Bezeichnung des Uebersinn-lichen sich nach dem Umfange und der Klar-heit der sinnlichen Erkenntniß desjenigen, der