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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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455-456
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Johann Gottlieb Fichte.

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weges aber sind sie wahr in strenger Bedeutung,denn es ist eben so unmöglich, daß es mehrereSelbstzwecke gebe, als es unmöglich ist, daß esmehrere Absolute gebe. Der einige Selbstzweck,außer welchem es keinen andern geben kann, ist 5das geistige Leben. Dieses äußert sich nun zumTheil und erscheint als ein ewiger Fortfluß ausihm selber, als Quell, d. i. als ewige Thätig-keit. Diese Thätigkeit erhält ewig fort ihrMusterbild von der Wissenschaft, die Geschick- 10lichkeir, nach diesem Bilde sich zu gestalten,von der Kunst, und in soweit könnte es schei-nen, daß Wissenschaft und Kunst da seyen, alsMittel für das thätige Leben, als Zweck. Nunaber ist in dieser Form der Thätigkeit das 15Leben selber niemals vollendet, und zur Ein-heit geschlossen, sondern es geht fort ins Un-endliche. Soll nun doch das Leben als einesolche geschloßne Einheit da seyn, so muß esalso da seyn in einer andern Form. Diese 20Form ist nun die des reinen Gedankens, derdie in der dritten Rede beschriebene Religions-Einsicht giebt; eine Form, die als geschloßneEinheit mit der Unendlichkeit des Thuns schlecht-hin auseinander fällt, und in dem letzter», dem 25Thun, niemals vollständig ausgedrückt werdenkann. Beide demnach, der Gedanke, so wie dieThätigkeit', sind nur in der Erscheinung aus-einanderfaltende Formen, jenseit der Erscheinungaber sind sie, eine wie die andere, dasselbe Eine 30absolute Leben; und man kann gar nicht sagen,daß der Gedanke um des Thuns, oder das Thunum des Gedankens willen sey, und also sey,sondern daß beides schlechthin seyn solle, indemauch in der Erscheinung das Leben ein vollen- 35detes Ganzes seyn solle, also, wie es dies istjenseit aller Erscheinung. Innerhalb dieses Um-kreises demnach und zufolge dieser Betrach-tung, ist es noch viel zu wenig gesagt, daßdie Wissenschaft einstieße aufs Leben; sie ist viel- 40mehr selber, und in sich selbstbeständiqes Leben.

— Oder, um dasselbe an eine bekannte Wen-dung anzuknüpfen. Was hilft alles Wissen,hört man zuweilen sagen, wenn nicht darnachgehandelt wird? In diesem Ausspruche wird 45das Wissen als Mittel für das Handeln, unddieses letztere als der eigentliche Zweck ange-sehen. Man könnte umgekehrt sagen; wie kannman doch gut handeln, ohne das Gute zukennen? und es würde in diesem Ausspruche 50das Wissen, als das bedingende des Handelnsbetrachtet. Beide Aussprüchc aber sind ein-seitig; und das wahre ist, daß beides, Wissenso wie Handeln, auf dieselbe Weise unabtrenn-liche Bestandtheile des vernünftigen Lebens sind. 55In sich selbst beständiges Leben aber, wiewir so eben uns ausdrückten, ist die Wissen-schaft nur alsdann, wenn der Gedanke derwirkliche Sinn, und die Gesinnung des Den-kenden ist, alsg daß er, ohne besondere Mühe, 00und sogar ohne dessen sich klar bewußt zu seyn,alles andre, was er denkt, ansieht, beurtheilt,zufolge jenes Grundgedankens ansieht, und be-urtheilt, und falls derselbe aufs Handeln ei»fließt, nach ihm eben so nothwendig handelt. 05Keineswegs aber ist der Gedanke Leben und Ge-sinnung, wenn er auch nur als Gedanke einesfremden Lebens gedacht wird; so klar und vollstän-dig er auch als ein solcher bloß möglicher Gedanke

begriffen sein mag; und so hell man sich auchdenken möge, wie etwa jemand also denkenkönne. In diesem letzter» Falle liegt zwischenunserm gedachten Denken, und zwischen unsermwirklichen Denken ein großes Feld von Zufall,und Freiheit, welche letzte wir nicht vollziehenmögen; und so bleibt jenes gedachte Denkenvon uns abstehend, und ein bloß mögliches,und ein von uns frei gemachtes, und immer-fort frei zu wiederholendes Denken: In jenemersten Falle hat der Gedanke unmittelbar durchsich selbst unser Selbst ergriffen, und es zu sichselbst gemacht, und durch diese also entstandeneWirklichkeit des Gedankens für uns geht unsreEinsicht hindurch zu dessen Nothwendigkeit. Daßnun das letztere also erfolge, kann, wie ebengcsigl, keine Freiheit erzwingen, sondern esmuß eben sich selbst machen, und der Gedankeselber muß uns ergreifen, und uns nach sich bilden-

Diese lebendige Wirksamkeit des Gedankenswird nun sehr befördert, ja, wenn das Denkennur von der gehörigen Liefe und Stärke ist,sogar nothwendig gemacht, durch Denken undBezeichnen in einer lebenoigen Sprache. DasZeiche» in der letzten ist selbst unmittelbarlebendig, und sinnlich, und wieder darstellenddas ganze eigene Leben, und so dasselbe ergrei-fend, und eingreifend in dasselbe; mit dem Be-sitzer einer solchen Sprache spricht unmittelbarder Geist, und offenbart sich ihm, wie einMann dem Manne. Dagegen regt das Zeiche»einer todten Sprache unmittelbar nichts an;um in den lebendigen Fluß desselben hineinzu-kommen, muß man erst historisch erlernte Kennt-nisse aus einer abgestorbenen Welt sich wieder-holen, und sich in eine fremde Denkart hinein-versetzen. Wie überschwenglich wohl müßte derTrieb des eignen Denkens seyn, wenn er >»diesem langen und breiten Gebiete der Historienicht ermattete, und nicht zuletzt auf dem Feldedieser bescheiden sich begnügte. So eines Be-sitzers der lebendigen Sprache Denken nichtlebendig wird, so kann man einen solchen ohneBedenken beschuldigen, daß er gar nicht ge-dacht, sondern nur geschwärmt habe. Den Be-sitzer einer todten Sprache kann man in dem-selben Falle dessen nicht sofort beschuldigen;gedacht mag er allerdings haben nach seinerWeise, die in seiner Sprache niedergelegten Be-griffe sorgfältig entwickelt; er hat nur das nichtgethan, was, falls es ihm gelänge, einem Wun-der gleich zu achten wäre.

Es erhellet im Vorbeigehen, daß beim Volkeeiner todten Sprache im Anfange, wie d>eSprache noch nicht allseitig klar genug ist, derTrieb des Denkens noch am kräftigsten walte»,und die scheinbarsten Erzeugnisse hervorbringenwerde; daß aber dieser, so wie die Spracheklarer und bestimmter wird, in den Fesslnderselben nimmermehr ersterben; und daß Eletzt die Philosophie eines solchen Volks »"eignem Bewußtseyn sich bescheiden wird, dassie nur eine Erklärung des Wörterbuchs, ode^wie »»deutscher Geist unter uns dies hochtd"nender ausgedrückt hat, eine Metakritik °erSprache sey; zu allerletzt, daß ei» solches Bo °etwa ein mittelmäßiges Lehrgedicht über "Heuchelei in Komödien-Form für ihr gE"philosophisches Werk anerkennen wird.

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