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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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457-458
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Johann Gottlieb Fichte.

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In dieser Weise, sage ich, fließt die geistigeBildung, und hier insbesondere das Denken ineiner Ursprache nicht ein in das Leben, sondernes ist selbst Leben des also Denkenden. Dochstrebt es nothwendig aus diesem also denkendenLeben einzufließen auf anderes Leben außer ihm,und so auf das vorhandene allgemeine Leben,und dieses nach sich zu gestalten. Denn ebenweil jenes Denken Leben ist, wird es gefühltvon seinem Besitzer mir innigem Wohlgefallen,in seiner belebenden, verklärenden, und be-freienden Kraft. Aber jeder, dem Heil aufge-gangen ist in seinem Innern, will nothwen-dig, daß allen andern dasselbe Heil wider-fahre, und er ist so getrieben, und muß arbeiten,daß die Quelle, aus der ihm sein Wohlseynaufging, auch über andre sich verbreite. Andersderjenige, der bloß ein fremdes Denken, alsein mögliches begriffen hat. So wie ihm selberdessen Inhalt weder Wohl noch Wehe giebt,sondern es nur seine Muße angenehm beschäf-tigt, und unterhält, so kann er auch nichtglauben, daß es einem andern Wohl oder Wehemachen könne, und hält es zuletzt für einerlei,woran jemand seinen Scharfsinn übe, und wo-mit er seine müßigen Stunden ausfülle.

Unter den Mitteln, das Denken, das imeinzelnen Leben begonnen, in das allgemeineLeben einzuführen, ist das vorzüglichste die Dich-tung, und so ist denn diese der zweite Haupt-zweig der geistigen Bildung eines Volkes. Schonunmittelbar der Denker, wie er seinen Gedankenin der Sprache bezeichnet, welches nach obigemnicht anders denn sinnbildlich geschehen kann,und zwar über den bisherigen Umkreis der Sinn-bildlichkeit hinaus neu erschaffend, ist Dichter;und falls er dies nicht ist, wird ihm schon beimersten Gedanken die Sprache, und beim Ver-suche des zweiten das Denken selber ausgehen.Diese durch den Denker begonnene Erweiterungund Ergänzung des sinnbildlichen Kreises derSprache durch dieses ganze Gebiet der Sinn-bilder zu verstoßen, also daß jedwedes an seinerStelle den ihm gebührenden Antheil von derneuen geistigen Veredlung erhalte, und so dasganze Leben bis auf seinen letzten sinnlichenBoden herab in den neuen Lichtstrahl getauchterscheine, wohlgefalle, und in bewußtloser Täu-schung wie von selbst sich veredle, dieses ist dasGeschäft der eigentlichen Dichtung. Nur einelebendige Sprache kann eine solche Dichtunghaben, denn nur in ihr ist der sinnbildliche-Kreis durch erschaffendes Denken zu erweitern,und nur in ihr bleibt das schon Geschaffne le-bendig , und dem Einströmen verschwistertenLebens offen. Eine solche Sprache führt in sichVermögen unendlicher, ewig zu erfrischender,und zu verjüngender Dichtung, denn jede Re-gung des lebendigen Denkens in ihr eröffneteine neue Ader dichterischer Begeisterung; undist ihr denn diese Dichtung das vorzüglichsteVerflößungsmittel der erlangten geistigen Aus-bildung in das allgemeine Leben. Eine todteSprache kann in diesem höher» Sinne gar keineDichtung haben, indem alle die angezeigte»Bedingungen der Dichtung in ihr nicht vor-handen sind. Dagegen kann eine solche auf eineZeitlang einen Stellvertreter der Dichtung haben"uf folgende Weise. Die in der Stammsprache

vorhandenen Ausflüsse der Dichtkunst werdendie Aufmerksamkeit reizen. Zwar kann das neuentstandene Volk nicht fortdichten auf der an-gehobnen Bahn, denn diese ist ihrem Lebenfremd; aber sie kann ihr eignes Leben, und dieneuen Verhältnisse desselben in den sinnbildlichenund dichterischen Kreis, in welchem ihre Vor-welt ihr eignes Leben aussprach, einführen, undz. B. ihren Ritter ankleiden, als Heros undumgekehrt, und die alten Götter mir den neuendas Gewand rauschen lassen. Gerade durch diesefremde Einhüllung des gewöhnlichen wird das-selbe einen dem idealisirren ähnlichen Reiz er-halten, und es werden ganz wohlgefällige Ge-stalten hervorgehen. Aber beides, sowohl dersinnbildliche und dichterische Kreis der Stamm-sprache, als die neuen Lebens-Verhaltniffe, sindendliche und beschränkte Größen, ihre gegen-seitige Durchdringung ist irgendwo vollendet-, daaber, wo sie vollendet ist, feiert das Volk seingoldnes Zeitalter, und der Quell seiner Dichtungist versiegt. Irgendwo giebt es nothwendig einenhöchsten Punkt des Anpassens der geschloßnenWörter an-die geschloßnen Begriffe, und der ge-schloßnen Sinnbilder an die geschloßnen Lebens-Berhältniffe. Nachdem dieser Punkt erreicht ist,kann das Volk nicht mehr, denn entweder seinegelungensten Meisterstücke verändert wiederholen,also, daß sie aussähen, als ob sie etwas neuesseyen, da sie doch nur das wohlbekannte altesind; oder, wenn sie durchaus neu seyn wollen,zum unpassenden und unschicklichen ihre Zufluchtnehmen, und eben so in der Dichtkunst dasHäßliche mit dem Schönen zusammenmischen,und sich auf die Karrikatur, und das Humo-ristische legen, wie sie in der Prosa genöthigtsind, die Begriffe zu verwirren, und Lasterund Tugend mit einander zu vermengen, wennsie in neuen Weisen reden wollen.

Indem auf diese Weise in einem Volke gei-stige Bildung und Leben jedes für sich seinenbesondern Gang fortgehen, so erfolgt von selbst,daß die Stände, die zu der ersten keinen Zu-gang haben; und an die auch nicht einmal, wiein einem lebendigen Volke, die Folgen dieserBildung kommen sollen, gegen die gebildetenStände zurückgesetzt, und gleichsam für eineandere Menschenart gehalten werden, die anGeisteskräften ursprünglich, und durch die bloßeGeburt den ersten nicht gleich seyen; daß darumdie gebildeten Stände gar keine wahrhaft lie-bende Theilnahme an ihnen, und keinen Triebhaben, ihnen gründlich zu helfen, indem sieeben glauben, daß ihnen, wegen ursprünglicherUngleichheit, gar nicht zu helfen sey, und daßdie Gebildeten vielmehr gereizt werden, die-selben zu krauchen, wie sie sind, und sie alsobrauchen zu lassen. Auch diese Folge derErtöd-tung der Sprache kann beim Beginnen desneuen Volkes durch eine menschenfreundliche Re-ligion, und durch den Mangel an eigner Ge-wandtheit der höhern Stände gemildert werden,im Fortgange aber wird diese Verachtung desVolkes immer unverholncr und grausamer. Mirdiesem allgemeinen Grunde des SicherhebenSund Nornehmthuns der gebildeten Stände hatnoch ein besonderer sich vereinigt, welcher, daer auch selbst auf die Deutschen einen sehr ver-breiteten Einfluß gehabt, hier nicht Übergängen

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