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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
459-460
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Johann Gottlieb Fichte.

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werden darf. Nämlich die Römer, welche an-fangs den Griechen gegenüber, sehr unbefangenjenen nachsprechend, sich selbst Barbaren, undihre eigne Sprache barbarisch nannten, gabennachher die auf sich geladene Benennung weiter,und fanden bei den Germaniern dieselbe gläu-bige Treuherzigkeit, die erst sie selbst den Grie-chen gezeigt hatten. Die Germanicr glaubtender Barbarei nicht anders los werden zu können,als wenn sie Römer würden. Die auf ehema-ligem römischen Boden Eingewanderten wurdenes nach allem ihren Vermögen. In ihrer Ein-bildungskraft bekam aber barbarisch gar balddie Nebenbedeutung gemein, pöbelhaft, tölpisch,und so ward das Römische im Gegentheil gleich-geltend mit vornehm. Bis in das allgemeineund besondere ihrer Sprachen geht dieses hinein,indem, wo Anstalten zur besonnenen und be-wußten Bildung der Sprache getroffen wurden,diese darauf gingen, die germanischen Wurzelnauszuwerfen, und aus römischen Wurzeln dieWörter zu bilden, und so die Romance, alsdie Hof- und gebildete Sprache zu erzeugen;im besondern aber, indem fast ohne Ausnahmebei gleicher Bedeutung zweier Worte das ausgermanischer Wurzel das unedle und schlechte,das aus römischer Wurzel aber das edlere undvornehmere bedeutet.

Dieses, gleich als ob es eine Grundseuchedes ganzen germanischen Stammes wäre, fälltauch im Muttcrlande den Deutschen an, fallser nicht durch hohen Ernst dagegen gerüstet ist.Auch unsern Ohren tönt gar leicht RömischerLaut vornehm, auch unsern Augen erscheintRömische Sitte edler, dagegen das Deutschegemein; und da wir nicht so glücklich waren,dieses alles aus der ersten Hand zu erhalten,so lassen wir es uns auch aus der zweiten, unddurch den Zwischenhandel der neuen Römer,recht wohl gefallen. So lange wir deutsch sind,erscheinen wir uns als Männer, wie andreauch; wenn wir halb oder auch über die Hälfteundeutsch reden, und abstechende Sitten, undKleidung an uns tragen, die gar weit herzu-kommen scheinen, so dünken wir uns vornehm;der Gipfel aber unsers Triumphs ist es, wennman uns gar nicht mehr für Deutsche, sondernetwa für Spanier oderüngländer hält, je nachdemnun einer von diesen gerade am meisten Mode ist.

Auch über den größern oder geringern Wohl-laut einer Sprache, sollte, unsers Trachtens,nicht nach dem unmittelbaren Eindrucke, dervon so vielen Zufälligkeiten abhängt, entschiedenwerden, sondern es müßte sich auch ein solchesUrtheil auf feste Grundsätze zurückführen lassen.Das Verdienst einer Sprache in dieser Rück-sicht würde ohne Zweifel darein zu setzen seyn,daß sie zuförderst das Vermögen des mensch-lichen Sprachwerkzeugs erschöpfte, und umfas-send darstellte, sodann, daß sie die einzelnenLaute desselben zu einer naturgemäßen, undschicklichen Verfließung in einander verbände.Es geht schon hieraus hervor, daß Nationen,die ihre Sprachwerkzeuge nur halb und einseitigausbilden, und gewisse Laute, oder Zusammen-setzungen , unter Vorwand der Schwierigkeitoder des Uebelklangcs vermeiden, und denenleichtlich nur das, was sie zu hören gewohntsind, und hervorbringen können, wohl klingen

dürste, bei einer solchen Untersuchung keineStimme haben.

Wie nun, jene höheren Grundsätze voraus-gesetzt, das Urtheil über die Deutsche Sprache5 in dieser Rücksicht ausfallen werde, mag hierunentschieden bleiben. Die Römische Stamm-sprache selbst wird von jeder Neu-EuropäischenRation ausgesprochen nach derselben eignenMundart, und ihre wahre Aussprache dürfte10 sich nicht leicht wieder herstellen lassen. Esbliebe demnach nur die Frage übrig, ob denn,den Neulateinischen Sprachen gegen über, dieDeutsche so übel, hart, und rauh töne, wieeinige zu glauben geneigt sind?

15 Bis einmal diese Frage gründlich entschiedenwerde, mag wenigstens vorläufig erklärt werden,wie es komme, daß Ausländer», und selbstDeutschen, auch wenn sie unbefangen sind, undohne Vorliebe oder Haß, dieses also scheine. —

2V Ein noch ungebildetes Volk von sehr regsamerEinbildungskeaft, bei großer Kindlichkeit desSinnes, und Freiheit von National-Eitelkeitsdie Germanicr scheine» dieses alles gewesen zuseyn) wird angezogen durch die Ferne, und25 versetzt gern in diese, in entlegene Länder, undferne Inseln, die Gegenstände seiner Wünsche,und die Herrlichkeiten, die es ahnet. Es ent-wickelt sich in ihm ein Romantischer Sinn(das Wort erklärt sich selbst, und könnte nicht30 paffender gebildet seyn). Laute und Töne ausjenen Gegenden treffen nun auf diesen Sinn,und regen seine ganze Wunderwelt auf, unddarum gefallen sie.

Daher mag es kommen, daß unsre ausge-35 wanderten Landslcute so leicht die eigne Sprachefür die fremde aufgaben, und daß noch bis jetztuns, ihren sehr entfernten Anverwandten, jeneTöne so wunderbar gefallen.

Wir haben recht. Naturgemäßheit von Deut-40 scher Seite, Willkührlichkeit und Künstelei vo»der Seile des Auslandes sind die Grund-Unter-schiede; bleiben wir dei der ersten, so sind wieeben, wie unser ganzes Volk, dieses begreiftuns, und nimmt uns als seines Gleichen; nur45 wie wir zur letzte» unsre Zuflucht nehmen,werden wir ihm unverständlich, und es hätt ^uns für andere Naturen. Dem Auslande komnttdiese Unnatur von selbst in sein Leben, weil esursprünglich und in einer Hauptsache vo» der50 Natur abgewichen: wir müssen sie erst auf-suchen, und an den Glauben, daß etwas schön,schicklich, und bequem sey, daß natürlicherweiseuns nicht also erscheint, uns erst gewöhnen-Bon diesem allen ist nun beim Deutschen der55 Hauptgrund sein Glaube an die größere Vor-nehmigkeit des romanisirten Auslandes, nebsider Sucht, eben so vornehm zu thun, undauch in Deutschland die Kluft zwischen denhöher» Ständen, und dem Wolke, die im

80 lande natürlich erwuchs, künstlich aufzubauen

Es sey genug, hier den Grundquell dieseAusländerei unter den Deutschen angegeben ihaben; wie ausgebreitet diese gewirkt, und daßalle die Uebel, an denen wir jetzt zu Grün85 gegängen, ausländischen Ursprungs sind, welchfreilich nur in der Vereinigung mit Deutscht"'Ernste, und Einfluß aufs Leben, das Verderbennach sich ziehen mußten, werden wir zu eine. andern Zeit zeigen.