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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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467-468
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Johann Göttlich Fichte.

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den zuerst diese Ansicht ergriffen, keineswegszufrieden fein, etwa nur seine eigene Seele zuretten, gleichgültig über das Wohl aller übri-gen unsterblichen Seelen, indem er, seiner tie-fern Religion zufolge, dadurch auch nicht ein-mal die eigne Seele gerettet hätte; sondern mitder gleichen Angst, die er um diese fühlte,mußte er ringen, schlechthin allen Menschen inder Welt das Auge zu öffnen über die ver-oammliche Täuschung.

Auf diese Weise nun fiel die Einsicht, dielange vor ihm sehr viele Ausländer wohl ingrößerer Vcrstandesklarheit gehabt hatten, indas Gemüth des Deutschen Mannes, Luther.An altcrlhümlicher, und feiner Bildung, anGelehrsamkeit, an andern Borzügen übertrafenihn nicht nur Ausländer, sondern sogar vielein seiner Nation. Aber ihn ergriff ein allmäch-tiger Antrieb, die Angst um das ewige Heil,und dieser ward das Leben in seinem Leben,und setzte immerfort das letzte in die Waage,und gab ihm die Kraft und die Gaben, die dieNachwelt bewundert. Mögen andere bei derReformation irdische Zwecke gehabt haben, siehätten nie gesiegt, hätte nicht an ihrer Spitzeein Anführer gestanden, der durch das Ewigebegeistert wurde; daß dieser, der immerfort dasHeil aller unsterblichen Seelen auf dem Spielstehen sah, allen Ernstes allen Teufeln in derHölle furchtlos entgegen ging, ist natürlich,und durchaus kein Wunder. Dies nun ist einBeleg von Deutschem Ernst und Gemüth.

Daß Luther mit diesem rein menschlichen,und nur durch jeden selbst zu besorgenden, An-liegen an alle, und zunächst an die Gestimmt-heil seiner Station sich wendete, lag, wie gesagt,in der Sache. Wie nahm nun sein Bolk die-sen Antrag auf? Blieb es in seiner dumpfenRuhe, gefesselt an den Boden durch irdischeGeschäfte, und ungestört fortgehend den gewohn-ten Gang, oder erregte die nicht alltägliche Er-scheinung gewaltiger Begeisterung bloß sein Ge-lächter? Kcinesweges, sondern es wurde wiedurch ein fortlaufendes Feuer ergriffen von der-selben Sorge für das Heil der Seele, und dieseSorge eröffnete schnell auch ihr Auge der voll-kommncn Klarheit, und sie nahmen auf imFluge das ihnen Dargebotene. War diese Be-geisterung nur eine augenblickliche Erhebungder Einbildungskraft, die im Leben, und gegendessen ernsthafte Kampfe und Gefahren nichtStand hielt? Kcinesweges, sie entbehrten alles,und trugen alle Martern, und kämpften inblutige» zweifelhafte» Kriegen,» lediglich damitsie nicht wieder unter die Gewalt des verdamm-lichen Pabstlhums gericlhen, sondern ihnen undihren Kindern fort' das allein fcligmachcndeLicht des Evangeliums schiene; und es erneu-ten sich an ihnen in später Zeit alle Wunder,die das Christenthum bei seinem Beginnen anseinen Bekennern darlegte. Alle Aeußerungenjener Zeit sind erfüllt von dieser allgemein ver-breiteten Besorgthcir um. die Seligkeit. SehenSie hier einen Beleg von der Eigenthümlich-keit dös Deutschen Volkes. Es ist durch Be-geisterung zu jedweder Begeisterung, und jed-weder Klarheit, leicht zu erheben, und seineBegeisterung hält aus für das Leben, und ge-staltet dasselbe um.

Auch früher, und anderwärts hatten Re-formatoren Haufen des Bolks begeistert, undsie zu Gemeinen versammelt, und gebildet;dennoch erhielten diese Gemeinen keinen festen,5 und aus dem Boden der bisherigen Verfassunggegründeten Bestand, weil die Bolkshäupterund Fürsten der bisherigen Verfassung nichtauf ihre Seite traten. Auch der Reformationdurch Luther schien Anfangs kein günstigeres1» Schicksal bestimmt. Der weise Churfürst, un-ter dessen Augen sie begann, schien mehr imSinne des Auslandes als in dem deutschen weisezu sein; er schien die eigentliche Streitfragenicht sonderlich gefaßt zu haben, einem Streite15 zwischen zwei Mönchsorden, wie ihm es schien,nicht viel Gewicht beizulegen, und höchstens bloßum den guten Ruf seiner neu errichteten Uni-versität besorgt zu sein. Aber er hatte Nach-folger, die, weit weniger weise, denn er, von20 derselben ernstlichen Sorge für ihre Seligkeitergriffen wurden, die in ihren Völkern lebte,und vermittelst dieser Gleichheit mit ihnen ver-schmolzen bis zu gemeinsamen Leben oder Tod,Sieg oder Untergänge.

25 Sehen Sie hieran einen Beleg zu dem obenangegebenen Gruudzuge der Deutschen, als einerGesammtheit, und zu ihrer durch die Naturbegründeten Verfassung. Die großen National-und Welt - Angelegenheiten sind bisher durch3V freiwillig auftretende Redner an das Volk ge-bracht worden, und bei diesem durchgegangen-Mochten auch ihre Fürsten anfangs aus Aus-länderei, und aus Sucht vornehm zu thun undzu glänzen, wie jene, sich absondern von der35 Nation, und diese verlassen oder verrathen, sowurden sie doch später leicht wieder fortgerissenzur Einstimmigkeit mit derselben, und erbarm-ten sich ihrer Völker. Daß das erste stets derFall gewesen sei, werden wir tiefer unten noch40 an andern Belegen darlhun; daß das letzterefortdauernd der Fall bleiben möge, können wirnur mit heißer Sehnsucht wünschen.

Ohnerachlet man nun bekennen muß, daßin der Angst jenes Zeitalters um das Heil der45 Seelen eine Dunkelheit und Unklarheit blieb,indem es nicht darum zu thun war, den äußernVermittler zwischen Gott und den Menschennur zu verändern, sondern gar keines äußernMittlers zu bedürfen, und das Band des Zu-50 sammenhanges in sich selber zu finden; so wares doch vielleicht nothwendig, daß die religiöseAusbildung der Menschen im Ganzen durchdiesen Mittelzustand hindurch ginge. Luther»selbst hat sein redlicher Eifer noch mehr gege-55 den, denn er suchte, und ihn weit hinausge-führt über sein Lehrgebäude Nachdem er nurdie ersten Kämpfe der Gewissensangst, die ih>»sein kühnes Losreisen von dem ganzen bisheri-gen Glauben verursachte, bestanden hatte, sind60 alle seine Aeußerungen voll eines Jubels undTriumphs über die erlangte Freiheit der Kin-der Gottes, welche die Seligkeit gewiß nichtmehr außer sich und jenseit des Grabes suchten,sondern der Ausbruch des unmittelbaren Ge-65 fühls derselben waren. Er ist hierin das Vor-bild aller künftige» Zeitalter geworden, undhat für uns alle vollendet. - Sehen Sie auchhier einen Grundzug des deutschen Geistes-Wenn er nur sucht, so findet er mehr als er