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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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469-470
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Johann Gottlieb Fichte.

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suchte; denn er geräth hinein in den Stromlebendigen Lebens, das durch sich selbst fort-rinnt, und ihn mit sich fortreißt.

Dem Pabstlhume, dieses »ach seiner eignenGesinnung genommen, und beurtheilt, geschahedurch die Weise, wie die Reformation dasselbenahm, ohne Zweifel unrecht. Die Aeußerun-gen desselben waren wohl größtenthcils aus dervorliegenden Sprache blind herausgegriffen, asia-lisch rednerisch übertreibend, gelten sollend, wassie konnten, und rechnend, daß mehr als dergebührende Abzug wohl ohne dieß werde gemachtwerden, niemals aber ernstlich ermessen, erwo-gen oder gemeint. Die Reformation nahm mitdeutschem Ernste sie nach ihrem vollen Gewichte;und sie hatte recht, daß man Alles also nehmensolle, unrecht, wenn sie glaubte, jene hätten eSalso genommen, und sie noch anderer Dinge,denn ihrer natürlichen Flachheit und Ungründ-lichkeit, bezüchtigte. Ueberhaupt ist dies diestets sich gleich bleibende Erscheinung in jedemStreite des deutschen Ernstes gegen das Aus-land, ob dieses sich nun außer Landes oder imLande befinde, daß das letztere gar nicht begrei-fen kann, wie man über so gleichgültige Dinge,als Worte und Redensarten sind, ein so großesWesen erheben möge, und daß sie, aus .deut-schem Munde es wieder hörend, nicht gesagthaben wollen, was sie doch gesagt haben, undsagen, und immerfort sagen werden, und überVerläumdung, die sie Konscquenzmacherei nen-nen, klagen, wenn man ihre Aeußerungen in'ihrem buchstäblichen Sinne, und als ernstlichgemeint, nimmt, und dieselben betrachtet alsBestandtheile einer folgebeständigen Denk-Reihe,die man nun rückwärts nach ihren Grundsätzen,und vorwärts nach ihren Folgen herstellt; in-deß man doch vielleicht sehr entfernt ist, ihnenfür die Person klares Bewußtsein dessen, wassie reden, und Folgebeständigkcit, beizumesscn.

In jener Anmurhung, man müsse eben jedwe-des Ding nehmen, wie es gemeint sei, nichtaber etwa noch darüber hinaus das Recht zumeinen, und laut zu meinen, in Frage ziehen,verräth sich immer die noch so tief versteckte Aus- 45länderei.

Dieser Ernst, mit welchem das alte Ncli-gionslehrgebäudc genommen wurde, nöthigtedieses selbst 'zu einem größeren Ernste, als esbisher gehabt hatte, und zu neuer Prüfung, 50Umdeulung, Befestigung der alten Lehre, sowiezu größerer Behutsamkeit in Lehre und Lebenfür die Zukunft: und dieses, sp wie das zu-nächstfolgende, sey Ihnen ein Beleg von derWeise, wie Deutschland auf das übrige Euro- 55pa immer zurückgewirkt hat. Hierdurch erhieltfür das allgemeine die alle Lehre wenigstensdiejenige unschädliche Wirksamkeit, die sie, nach-dem sie nun einmal nicht aufgegeben werde»sollte, haben konnte; insbesondere aber ward sie 60für die Vertheidiger derselben Gelegenheit undAufforderung zu einem gründlicheren und fol-Atgemäßeren Nachdenken, als bisher statt gehabtdalke. Davon, daß die in Deutschland verbes-ferte Lehre auch in das neulateinischc Ausland 65stch verbreitet, und daselbst denselben' Erfolghöherer Begeisterung hervorgebracht, wollen wirals von einer vorübergehenden Erscheinungschweigen: wiewohl es immer merkwürdig ist,

daß die neue Lehre in keinem eigentlich neula-teinischen Lande zu einem vom Staate aner-kannten Bestände gekommen; indem es scheint,daß es deutscher Gründlichkeit bei den Regie-5 renken, und deutscher Gutmüthigkeit beim Wolke,bedurft habe, um diese Lehre verträglich mit,der Obergewalt zu finden, und sie also zumachen.

In einer andern Rücksicht aber, und zwar10 nicht auf das Wölk, sondern auf die gebildetenStände, hat Deutschland durch seine Kirchcn-Verbefferung einen allgemeinen und dauerndenEinfluß auf das Ausland gehabt; und durchdiesen Einfluß dieses Ausland wieder zum Vor-15 ganger für sich selbst, und zu seinem eignenAnreger zu neuen Schöpfungen sich zubereitet.Das freie und selbstthätige Denken, oder diePhilosophie, war schon in den vorhergehendenJahrhunderten unter der Herrschaft der alten20 Lehre, häufig angeregt und geübt worden, kei-neswcges aber, um aus sich selbst Wahrheithervorzubringen, sondern nur, um zu zeigen,daß und aus welche Weise die Lehre der Kirchewahr sey. Dasselbe Geschäft in Beziehung auf25 ihre Lehre erhielt zunächst die Philosophie auchbei den deutschen Protestanten, und ward beidiesen Dienerin des Evangeliums, so wie siebei den Scholastikern die der Kirche gewesenwar. Im Auslande, das entweder kein Evan-30 gelium hatte, oder das dasselbe nicht mir »»ver-mischt deutscher Andacht und Tiefe des Gemüthsgefaßt hatte, erhob das durch den erhaltenenglänzenden Triumph angefeuerte freie Denkensich leichter, und höher, ohne die Fessel eines35 Glaubens an Uebersinnliches; aber es blieb inder sinnlichen Fessel des Glaubens an den na-türlichen, ohne Bildung und Sitte aufgewach-senen Verstand; und weit entfernt, daß es inder Vernunft die Quelle auf sich selbst beru-40 hender Wahrheit entdeckt hätte, wurden fürdasselbe die Aussprüche dieses rohen Verstandesdasjenige, was für die Scholastiker die Kirche,für die ersten protestantischen ^Theologen dasEvangelium war; ob sie wahr seyen, darüberregte sich kein Zweifel, die Frage war bloß,wie sie diese Wahrheit gegen bestreitende An-sprüche behaupten könnten.

Indem nun dieses Denken in das Gebiet derVernunft, deren Gegenstreit bedeutender gewe-sen seyn würde, gar nicht hineinkam, so fandes keinen Gegner, außer der historisch vorhan-denen Religion, und wurde mit dieser leichtfertig, indem es sie an den Maßstab des voraus-gesetzten gesunden Verstandes hielt, und sich da-bei klar zeigte, daß sie demselben eben wider-spräche; und so kam es denn, daß, so wie die-ses alles vollkommen ins Reine gebracht wurde,im Auölande die Benennung des Philosophenund die des Irreligiösen und Gottcsläugners,gleichbedeutend wurden, und zu gleicher ehren-voller Auszeichnung gereichten.

Die versuchte gänzliche Erhebung über allenGlauben an fremdes Ansehen, welche in diesenBestrebungen des Auslandes das richtige war,wurde den Deutschen, von denen sie vermittelstder Kirchenverbesserung erst ausgegangen war,zu neuer Anregung. Zwar sagten untergeord-nete und unselbstständige Köpfe unter uns dieseLehre des Auslandes eben nach - lieber die