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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
475-476
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Johann Göttlich Fichte. 47b

eines solchen, das das Recht hat, sich das Volkschlechtweg, im Gegensatze mit andern von ihmabgerissenen Stämmen zu nennen, wie dennauch das Wort Deutsch in seiner eigentlichenWortbedeutung das so eben Gesagte bezeichnet. 5Es ist zweckmäßig, daß wir bei diesem Gegen-stände noch eine Stunde verweilen, und unsauf den möglichen Einwurf einlassen, daß, wenndies deutsche Eigenthümlichkeit sey, man werdebekennen müssen, daß dermalen unter den Deut- 10schen selber wenig Deutsches mehr übrig sey.Indem auch wir diese Erscheinung keineswegsläugnen können, sondern sie vielmehr anzuer-kennen, und in ihren einzelnen Theilen sie zuübersehen gedenken, wollen wir mit einer Erklä- 15rung derselben anheben.

Das war im Ganzen das Verhältniß desUrvolks der neuem Welt zum Fortgange derBildung dieser Welt, vaH das erstere durch un-vollständige und auf der Oberfläche verbleibende 20Bestrebungen des Auslandes erst angeregt werdezu tiefern aus seiner eignen Mitte heraus zuentwickelnden Schöpfungen. Da von der An-regung bis zur Schöpfung es ohne Zweifel seineZeit dauert, so ist klar, daß ein solches Ver- 25hälrniß Zeiträume herbei führen werde, in wel-chem das llrvolk fast ganz mit dem Auslandeverflossen, und demselben gleich erscheinen müsse,weil es nämlich gerade im Zustande des bloßenAngeregtseyns sich befindet, und die dabei beab- 30sichcigte Schöpfung noch nicht zum Durchbrüchegekommen ist. In einem solchen Zeiträume be-findet sich nun gerade jetzt Deutschland in Ab-sicht der großen Mehrzahl seiner gebildeten Be-wohner , und daher rühren die durch das ganze 35innere Wesen und Leben dieser Mehrzahl ver-flossenen Erscheinungen der Ausländcrei. DiePhilosophie, als freies, von allen Fesseln desGlaubens an fremdes Ansehen erledigtes Den-ken, sey es, wodurch dermalen das Ausland 40sein Mutterland anrege, haben wir in der vori-gen Rede erjehen. Wo es nun von dieser An-regung aus nicht zur neuen Schöpfung gekom-men, welches, da die letzte von der großenMehrzahl einvernommen geblieben, bei äußerst 45wenigen der Fall ist: da gestaltet sich theils nochjene, schon früher bezeichnete Philosophie desAuslandes selber zu andern und andern Formen;theils bemächtiget sich der Geist derselben auchder übrigen an die Philosophie zunächst gren- 50zenden Wissenschaften, und sieht an dieselbenaus seinem Gesichtspunkte; endlich, da derDeutsche seinen Ernst, und sein unmittelbaresEingreifen in das Leben doch niemals ablegenkann, so stießt diese Philosophie ein auf die Lf- 55feierliche Lebensweise, und auf die Grundsätzeund Regeln derselben. Wir werden dies Stückfür Stück darthun.

Zuvörderst und vor allen Dingen : der Menschbildet seine wissenschaftliche Ansicht nicht etwa 60mit Freiheit und Willkühr, so oder so, sondernsie wird ihm gebildet durch sein Leben, und isteigentlich die zur Anschauung gewordene innere,und übrigens ihm unbekannte Wurzel seinesLebens selbst. Was du so recht innerlich eigent- 65lich bist / das tritt heraus vor dein äußeresAuge, und du vermöchtest niemals etwas an-deres zu sehen. Solltest du anders sehen, somüßtest du erst anders werden. Nun ist das

innere Wesen des Auslandes, oder der Nicht-ursprünglichkeit, der Glaube an irgend ein letz-tes, festes, unveränderlich stehendes, an eineGrenze, dicffeit welcher zwar das freie Lebensein Spiel treibe, welche selbst aber es niemalszu durchbrechen, und durch sich flüssig zu machen,und sich in dieselbe zu Verstößen vermöge. Dieseundurchdringliche Grenze tritt ihm darum ir-gendwo nothwendig auch vor die Augen, undes kann nicht anders denken oder glauben, au-ßer unter Voraussetzung einer solchen, wennnicht sein ganzes Wesen umgewandelt, und seinHerz ihm aus dem Leibe gerissen werden soll.Es glaubt nothwendig an den Tod, als dasursprüngliche, und letzte, den Grundguell aller'Dinge, und mit ihnen des Lebens.

Wir haben hier nur zunächst anzugeben,wie dieser Grundglanbe des Auslandes unterden Deutschen dermalen sich aussprcchc.

Er spricht sich aus zuförderst in der eigent-lichen Philosophie. Die damalige deutsche Phi-losophie, in wiefern dieselbe hier der Erwäh-nung werth ist, will Gründlichkeit und wissen-schaftliche Form, ohnerachtet sie dieselbe nickstzu erschwingen vermag, sie will Einheit, auchnicht ohne frrühcrn Vorgang des Auslandes,sie will Realität, und Wesen — nicht bloßeErscheinung, sondern eine in der Erscheinungerscheinende Grundlage dieser Erscheinung, undhat in allen diesen Stücken recht, und übertrifftsehr weit die herrschenden Philosophien des der-maligen auswärtigen Auslandes, indem sie inder Ausländerei weit gründlicher, und fvlgebe-ständiger ist, denn jenes. Diese der bloßen Er-scheinung unterzulegende Grundlage ist ihnennun, wie sie sie auch etwa noch fehlerhasterweiter bestimmen mögen, immer ein festes Seyn,das da ist, was es eben ist, und nichts weiter,in sich gefesselt, und an sein eigenes Wesen gs-bunden; und so tritt denn der Tod, und dieEntfremdung von der Ursprünglichkeit, die inihnen selbst sind, auch heraus vor ihre AugeN'Weil sie selbst nicht zum Leben schlechtweg, aussich selber heraus, sich aufzuschwingen vermö-gen, sondern für freien Aufflug stets eines Trä-gers und einer Stütze bedürfen, darum kommensie auch mit.ihrem Denken, als dem Abbildeihres Lebens, nicht über diesen Träger hinaus'das, was nicht Etwas ist, ist ihnen nothwen-dig Nichts, weil, zwischen jenem in sich ver-wachsenen Seyn, und dem Nichts, ihr Augenichts weiter sieht, da ihr Leben da nichts wei-ter hat. Ihr Gefühl, worauf auch allein stesich berufen können, erscheint ihnen als sst''trüglich; und so jemand diesen Träger mmzugibt, so sind sie weit entfernt von der Vor-aussetzung, daß er mit dem Leben allein siebbegnüge, sondern sie glauben, daß es ihm u>>an Scharfsinn fehle, den Träger, der ohnZweifel auch ihn trage, zu bemerken,er der Fähigkeit, sich zu ihren hohen Ansickstaufzuschwingen, ermangle. Es ist darum v ,geblich, und unmöglich, sie zu belehren; machmüßte man sie, und anders machen, wenn mkönnte. In diesem Theile ist nun die dermal«deutsche Philosophie nicht deutsch, sondern Auländerei. e

Die wahre in sich selbst zu Endeund über die Erscheinung hinweg wahrhaft z