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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
477-478
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Johann Gottlieb Fichte.

Kerne derselben durchgedrungene Philosophiehingegen gehl aus von dem Einen, reinen gött-lichen Leben, — als Leben schlechtweg, welcheses auch in alle Ewigkeit, und darin immer Ei-nes bleibt, nicht aber als von diesem oder jenem 5Leben; und sie sieht, wie lediglich in der Er-scheinung dieses Leben unendlich fort sich schließeund wiederum öffne, und erst diesem Gesetzezufolge es zu einem Seyn unö zu einem Etwasüberhaupt komme. Ihr entsteht das Seyn, was 1«jene sich vorausgeben läßt. Und so ist denn diesePhilosophie recht eigentlich nur deutsch, d. i.ursprünglich; und umgekehrt, so jemand nurein wahrer Deutscher würde, so würde er nichtanders denn also philosophiern können. 15

Jenes, obwohl bei der Mehrzahl der deutschphilosophircnden herrschende, dennoch nicht ei-gentlich deutsche Denksystcm greift, ob es nunmit Bewußtsein als eigentliches philosophischesLehrgebäude ausgestellt sey, oder ob es nur un- 2»bewußt unserm übrigen Denken zum Grundeliege, — es greift, sage ich, ein, in die übrigenwissenschaftlichen Ansichten der Zeit; wie denndies ein Hauplbestreben unserer durch das Aus-land angelegten Zeit ist, den wissenschaftlichen 25Stoff nicht mehr bloß, wie wohl unsere Vor-fahren thaten, in das Gedächtniß zu fassen, son-dern denselben auch selbstdenkend und philoso-phircnd zu bearbeiten. In Absicht des Bestre-bens überhaupt hat die Zeit recht; wenn sie 30aber, wie dies zu erwarten ist, in der Ausfüh-rung dieses Philosophirens von der todtgläubi-gen Philosophie des Auslandes ausgeht, wirdsie unrecht haben. Wir wollen hier nur aufdie unserm ganzen Vorhaben am nächsten lie- 35gcnden Wissenschaften einen Blick werfen, unddie in ihnen verbreiteten ausländischen Begriffeund Ansichten aufsuchen.

Daß die Errichtung und Regierung derStaaten als eine freie Kunst angesehen werde, 40die ihre festen Regeln habe, darin hat ohneZweifel das Ausland, es selbst nach dem Musterdes Alterthums, uns zum Vorgänger gedient.Worein wird nun ein solches Auslano, dasschon an den, Elemente seines Denkens und 45Wollens, seiner Sprache, einen festen geschlos-senen , und todten Träger hat, und alle, dieihm hierin folgen, diese Staatskunst setzen?Ohne Zweifel in die Kunst, eine, gleichfalls,feste und todte Ordnung der Dinge, zu finden, 50aus welchem Tode das lebendige Regen derGesellschaft hervorgehe, und also hervorgehe,wie sie es beabsichtigt; alles Leben in der Ge-feüschaft zu einem großen und künstlichen Druck-u»d Räderwerke zusammen zu fügen, in wel- 55chem jedes einzelne durch das Ganze immerfortgenöthigt werde, dem Ganzen zu dienen; ein^echen-Erempcl zu lösen aus endlichen und be-sonnten Größen zu einer nennbaren Summe,aus der Voraussetzung, jeder wolle sein Wohl, 60^ dem Zwecke, eben dadurch jeden widerfeinen Dank und Willen zu zwingen, das nll-ösmeine Wohl zu befördern. Das Ausland hatwelfältig diesen Grundsatz ausgesprochen undKunstwerke jener gesellschaftlichen Maschinen- 65Kunst geliefert; das Mutterland hat die Lehreungenommen, und die Anwendung derselben zuHervorbringung gesellschaftlicher Maschinen wei-k bearbeitet, auch hier, wie immer, umfas-

sender, tiefer, wahrer, seine Muster bei weitemübertreffend. Solche Staatskünstlcr wissen , fallses etwa mit dem bisherigen Gange der Gesell-schaft stockt, dies nicht anders zu erklären, alsdaß etwa eines der Räder derselben ausgelau-fen seyn möge, und kennen kein anderes Hei-lungsmittel, denn dies, die schadhaften Räderheraus zu heben, und neue einzusetzen. Je ein-gewurzelter Jemand in diese mechanische An-sicht der Gesellschaft ist, je mehr er es versteht,diesen Mechanismus zu vereinfachen, indem eralle Theile der Maschine so gleich als möglichmacht, und alle als gleichmäßigen Stoff behan-delt, für einen desto größern Staarskünstlergilt er, mit Recht in dieser unserer Zeit; —denn mit den unentschieden schwankenden, undgar keiner festen Ansicht fähigen ist man nochübler daran.

Diese Ansicht der Staatskunst prägt durchihre eiserne Folgegemäßhcit, und durch einenAnschein von Erhabenheit, der auf sie fällt,Achtung ein; auch leistet sie, besonders wo allesnach monarchischer, und immer reiner werden-der monarchischer Verfassung drängt, bis aufeinen gewissen Punkt gute Dienste. Angekom-men aber bei diesem Punkte, springt ihre Ohn-macht in die Augen. Ich will nämlich anneh-men, daß ihr eurer Maschine die von euch be-absichtigte Vollkommenheit durchaus verschaffthättet, und daß in ihr jedwedes niedere Gliedunausbleiblich, und unwiderstehlich gezwungenwerde durch ein höheres, zum Zwingen gezwun-genes Glied, und sofort bis an den Gipfel;wodurch >j>ird denn »un euer letztes Glied, vondem aller in der Maschine vorhandene Zwangausgeht^ zu seinem Zwingen gezwungen? Ihrsollt schlechthin allen Widerstand, der aus derReibung der Stoffe gegen jene letzte Triebfederenlsteheir könnte, überwunden, und ihr eineKraft gegeben haben, gegen welche alle andereKraft in Nichts verschwinde, was allein ihrauch durch Mechanismus könnt, und sollt alsodie allerkräfrigste monarchische Verfassung er-schaffen haben; wie wollt ihr denn nun dieseTriebfeder selbst in Bewegung bringen, und siezwingen, ohne Ausnahme das Rechte zu sehenund zu wollen? Wie wollt ihr denn in euerzwar richtig berechnetes und gefügtes, aber still-stehendes Räderwerk das ewig bewegliche ein-setzen? Soll etwa, wie ihr dies auch zuweilenin eurer Verlegenheit äußert, das ganze Werkselbst zurückwirken, und seine erste Triebfederanregen? Entweder geschieht dies durch eineselbst aus der Anregung der Triebfeder stam-mende Kraft, oder es geschieht durch eine solcheKraft, bie nicht aus ihr stammt, sondern diein dem Ganzen selbst, unabhängig von der Trieb-feder, start findet ; und ein Drittes ist nichtmöglich. Nehmet ihr das erste an, so befindetihr euch in einem alles Denken, und allen Me-chanismus aufhebenden Zirkel; das ganze Werkkann die Triebfeder zwingen, nur, in wiefernes selbst von jener gezwungen ist, sie zu zwin-gen, also, in wiefern die Triebfeder, nur un-mittelbar, sich selbst zwingt; zwingt sie abersich selbst nicht, welchem Mangel wir ja ebenabhelfen wollten, so erfolgt überhaupt keineBewegung. Nehmt ihr das zweite an, so be-kennt ihr, daß der Ursprung aller Bewegung