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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
481-482
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Johann Gottlieb Fichte.

wandtschaft erfolgt es denn auch, daß dieseunsre Gcschichtsphilosophie die Bestrebungen desAuslandes, welches, wenn es auch diese Ansichtder Geschichte nicht mehr häufig ausspricht,noch mehr thut, indem es in derselben handelt,und abermals ein goldenes Zeitalter verfertigt,so durch und durch zu verstehen, und ihnensogar weissagend den fernern Weg «anzuzeich-nen , und sie so aufrichtig zu bewundern ver-mag, wie es der deutsch denkende nicht ebenalso von sich rühmen kann. Wie könnte erauch? Goldene Zeitalter in jeder Rücksicht sindihm eine Beschränktheit der Erstorbrnheit. DasGold möge zwar das edelste seyn im Schooßeder erstorbenen Erde, meint er, aber des leben-digen Geistes Stoff sey jenseit der Sonne, undjenseit aller Sonnen, und sey ihre Quelle. Ihmwickelt sich die Geschichte, und mit ihr das Men-schengeschlecht, nicht ab nach dem verborgenenund wunderlichen Gesetze eines Kreistanzcs, son-dern nach ihm macht der eigentliche und rechteMensch sie selbst, nicht etwa nur wiederholenddas schon dagewesene, sondern in die Zeit hin-ein erschaffend das durchaus neue. Er erwartetdarum niemals bloße Wiederholung, und wennsie doch erfolgen sollte, Wort für Wort, wiees im alten Buche steht, so bewundert er we-nigstens nicht.

Auf ähnliche Weise nun verbreitet der er-cödtende Geist des Auslandes, ohne unser deut-liches Bewußtsein, sich über unsere übrigen wis-senschaftlichen Ansichten, von denen es hinrei-chen möge, die angeführten Beispiele beigebrachtzu haben; und zwar erfolgt dies deswegen also,weil wir gerade jetzt die vom Auslande frühererhaltenen Anregungen nach unserer Weise be-arbeiten, und durch einen solchen Mittelzustandhindurch gehen. Weil dies zur Sache gehörte,habe ich diese Beispiele beigebracht; nebenbeiauch noch darum, damit niemand glaube, durchFolgesätze aus den angeführten Grundsätzen denhier geäußerten Behauptungen widersprechenzu können. Weit entfernt, daß etwa jene Grund-sätze uns unbekannt geblieben wären, oder daßwir zu der Höhe derselben uys nicht aufzu-schwingen vermocht hätten, kennen wir sie viel-mehr recht gut, und dürften vielleicht, wennwir überflüssige Zeit hätten, fähig sein, diesel-ben in ihrer ganzen Folgemäßigkeit rückwärtsund vorwärts zu entwickeln: wir werfen sienur eben gleich von vorn herein weg, und soauch alles, was aus ihnen folgt, dessen mehreresist in unserm hergebrachten Denken, als deroberflächliche Beobachter leicht glauben dürfte.

Wie in unsre wissenschaftliche Ansicht, ebenso fließt dieser Geist des Auslandes auch einin unser gewöhnliches Leben, und die Regelndesselben; damit aber dieses klar, und das vor-hergehende noch klarer werde, ist es nöthig,zuförderst das Wesen des ursprünglichen Lebens,oder der Freiheit, mit tieferm Blicke zu durch-gingen.

Die Freiheit im Sinne des unentschiedenenSchwankens zwischen mehreren gleich möglichenflenommen, ist nicht Leben, sondern nur Vor-hof und Eingang zu wirklichem Leben. End-i>ch muß es doch einmal aus diesem Schwan-kn heraus zum Entschlüsse, und zum Han-dln kommen, und erst jetzt beginnt das Leben.

Kurz, p-vs. e>i,. I».

Nun erscheint unmittelbar und auf den er-sten Blick jedweder Willensentschluß als erstes,keinesweges als zweites, und Folge aus einemersten, als seinem Grunde — als schlechthin5 durch sich daseyend, und so daseyend, wie eres ist; welche Bedeutung, als die einzig mög-liche verständige des Wortes Freiheit, wir fest-setzen wollen. Aber es sind, in Absicht auf deninnern Gehalt eines solchen Willensentschlusses10 zwei Fälle möglich; entweder nämlich erscheintin ihm nur die Erscheinung abgetrennt vomWesen, und ohne daß das Wesen auf irgendeine Weise in ihrem Erscheinen eintrete, oderdas Wesen tritt selbst erscheinend ein in dieser15 Erscheinung eines Willensentschlusses: und zwarist Hiebei sogleich mit anzumerken, daß das We-sen nur in einem Willcnüentschlusse, und durch-aus in nichts anderem, zur Erscheinung werdenkann, wiewohl umgekehrt es Willensenlschlüsse20 geben kann, in denen keinesweges das Wesen,sondern nur die bloße Erscheinung heraustritt.Wir reden zunächst von dem letzten Falle.

Die bloße Erscheinung, bloß als solche, istdurch ihre Abtrennung, und durch ihre» Ge-25 gensatz mit dem'Wesen, sodann dadurch, daßsie fähig ist, selbst auch zu erscheinen und sichdarzustellen, unabänderlich bestimmt, und sie istdarum nothwendig also, wie sie eben ist undausfällt. Ist daher, wie wir voraussetzen, ir-30 gend ein gegebner Willensentschluß in seinemInhalte bloße Erscheinung, so ist er insofernin der That nicht frei, erstes und ursprüngli-ches, sondern er ist nothwendig, und ein.zwei.tes, aus einem höhern Ersten, dem Gesetze der35 Erscheinung überhaupt, also wie es ist, hervor-gehendes Glied. Da nun, wie auch hier mehr-mals erinnert worden, das Denken des Men-schen denselben also vor ihn selber hinstellt, wieer wirklich ist, und immerfort der treue Abdruck40 und Spiegel seines Innern bleibt, so kann einsolcher Willenscntschluß, obwohl er auf denersten Blick, da er ja ein Willensentschluß ist,als frei erscheint, dennoch dem wiederholten,und tiefern Denken keinesweges also erscheinen,45 sondern er muß in diesem als nothwendig ge-dacht werden, wie er es denn wirklich und inder That ist. Für solche, deren Willen sichnoch in keinen höher» Kreis aufgeschwungenhat als in den, daß an ihnen ein Wille bloß50 erscheine, ist der Glaube an Freiheit allerdingsWahn und Täuschung eines flüchtigen, und aufder Oberfläche behängen bleibenden Anschauens;

- im Denken allein, das ihnen allenthalben nurdie Fessel der strengen Nothwendigkeit zeigt,55 ist für sie Wahrheit. ' ^ ^

Das erste Grundgesetz der Erscheinung,schlechthin als solcher, (den Grund anzugebenunterlassen wir um so suglicher, da es ander-wärts zur Gnüge geschehen ist) ist dieses, daß60 sie zerfalle in ein Mannigfaltiges, das in einergewissen Rücksicht ein unendliches, in einer ge-wissen ander» Rücksicht ein geschlossenes Gan-zes ist- in welchem geschlossenen Ganzen desMannigfaltigen jedes einzelne bestimmt ist, durch65 alle übrige, und wiederum alle übrige bestimmtsind durch dieses einzelne. Falls daher in demWillensentschluffe des Einzelnen nichts weiterherausbricht in die Erscheinung, als die Er-scheinbarkeit, Darstellbarkeit, und Sichtbarkeit

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