Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
483-484
JPEG-Download
 

48 ;;

Johann Gvtllieb Fichte.

484

überhaupt, die in der That die Sichtbarkeit vonNichts ist; so ist der Inhalt eines solchen Wil-lensentschlusses bestimmt durch das geschlvßneGanze aller möglichen Willensentschlüsse dieses,und aller möglichen übrigen einzelnen Willen, 5und er enthält nichts weiter, und kann nichtsweiter enthalten, denn dasjenige, was nach Ab-ziehung aller jener möglichen Willensentschlüssezu wollen übrig bleibt. Es ist darum in derThat in ihm nichts selbstständiges, ursprüngli- 10chcs, und eigenes, sondern er ist die bloße Folge,als zweites, aus dem allgemeinen Zusammen-hange der ganzen Erscheinung in ihren einzel-nen Theilen, wie er denn dasür auch stets vonallen, die auf dieser Stufe der Bildung sich Istbefanden, dabei aber gründlich dachten, erkanntworden, und diese ihre Erkenntniß auch mitdenselben Worten, deren wir uns so eben be-dienten, ausgesprochen worden ist; alles diesesaber darum, weil in ibnen nicht das Wesen, 20sondern nur die bloße Erscheinung eintritt indie Erscheinung.

Wo dagegen das Wesen selber, unmittelbar,und gleichsam in eigner Person, keineswegesdurch einen Stellvertreter, eintritt in der Er- 22scheinung eines WiUensentschlusses, da ist zwaralles das oben erwähnte, aus der Erscheinung,als einem geschlossenen Ganzen erfolgende,gleichfalls vorhanden, denn die Erscheinung er-scheint ja auch hier; aber eine solche Erschei- 30nung geht in diesem Bestandtheile nicht auf,und ist durch denselben nicht erschöpft, sondernes findet sich in ihr noch ein Mehrercs, einanderer, aus jenem Zusammenhange nicht zuerklärender, sondern nach Abzug des crklarba- 35ren übrig bleibender Bestandtheil, Jener ersteBestandtheil findet auch hier stakt, sagte ich:jenes Mehr wird sichtbar, und vermittelst die-ser seiner Sichtbarkeit, keinesweges vermittelstseines innern Wesens, tritt es unter das Gesetz 40und die Bedingungen der Ersichtlichkeit über-haupt; aber es ist noch mehr denn dieses ausirgend einem Gesetze hervorgehendes, und darumnothwendiges, und zweites, und es ist in Absichtdieses Mehr durch sich selbst was es ist, ein 45wahrhaftig erstes, ursprüngliches, und freies,und da es dieses ist, erscheint es auch also demtiefsten, und in sich selber zu Ende gekomme-nen Denken. Das höchste Gesetz der Ersicht-lichkeit ist wie gesagt dieß, daß das Erscheinende 50sich spalte in ein unendliches Mannigfaltiges.Jenes Mehr wird sichtbar, jedesmal als Mehr,denn das nun und eben jetzt aus dem Zusam-menhange der Erscheinung hervorgehende, undso ins unendliche fort; und so erscheint denn 55dieses Mehr selber als ein unendliches. Aberes ist ja sonnenklar, daß es diese Unendlichkeitnur dadurch erhält, daß es jedesmal sichtbarund denkbar, und zu entdecken ist, allein durchseinen Gegensatz mit dem ins Unendliche fort 00aus dem Zusammenhange erfolgenden, und hurchsein Mehrseyn denn dies. Abgesehen aber vondiesem Bedürfnisse des Denkens desselben ist esja dieses Mehr, denn alles ins unendliche fortsich darstellen mögende unendliche, von Anbc- Ostginn in reiner Einfachheit und Unveränderlich-keit, und es wird in aller Unendlichkeit nichtMehr, denn dieses Mehr, noch wird es minder;und nur seine Ersichtlichkeit, als Mehr denn

das Unendliche, — und auf andere Weise kannes in seiner höchsten Reinheit nicht sichtbarwerden, - erschafft das Unendliche, und alles,was in ihm zu erscheinen scheint. Wo nundieses Mehr wirklich, als ein solches ersichtlichesMehr eintritt, aber es vermag nur in einemWollen einzutreten, da tritt das Wesen selbst,daö allein ist, und allein zu seyn vermag, unddas da ist von sich und durch sich, das göttlicheWesen, ein in die Erscheinung, und macht sichselbst unmittelbar sichtbar; und daselbst ist ebendarum wahre Ursprünglichkeit und Freiheit,und so wird denn auch an sie geglaubt.

Und so findet denn auf die allgemeine Frage,ob der Mensch frei se» oder nicht, keine allge-meine Antwort statt; denn eben weil der Menschfrei ist, in niederm Sinne, weil er bei unent-schiedenem Schwanken, und Wanken anhebt,kann er frei seyn, oder auch nicht frei, im hö-her» Sinne des Wortes. In der Wirklichkeitist die Weise, wie jemand diese Frage beant-wortet, der klare Spiegel seines wahren in-wendigen Seyns. Wer in der That nicht mehrist, als ein Glied in der äbette der Erscheinun-gen, der kann wohl einen Augenblick sich freiwähnen, aber seinem strengern Denken hältdieser Wahn nicht Stand; wie er aber sich selbstfindet, eben also denkt er nothwendig sein gan-zes Geschlecht. Wessen Leben dagegen ergriffenist von dem wahrhaftigen, und Leben unmittel-bar aus Gott geworden ist, der ist frei, undglaubt an Freiheit in sich und andern.

Wer an ein festes beharrliches, und todtesSeyn glaubt, der glaubt nur darum daran,weil er in sich selbst lod ist; und, nachdem ereinmal lod ist, kann er nicht anders, denn alsoglaube», sobald er nur in sich selbst klar wird.Er selbst und seine ganze Gattung von Anbe-ginn bis ans Ende wird ihm ein zweites, undeine nothwendige Folge aus irgend einem vor-auszusetzenden ersten Gliede. Diese Boraus-setzung ist sein wirkliches, keinesweges ein bloßgedachtes Denken, sein wahrer Sinn, der Punkt,wo sein Denken unmittelbar selbst Leben ist;und ist so die Quelle alles seines übrigen Den-kens, und Beurtheilens seines Geschlechts, inseiner Vergangenheit, der Geschichte, seinerZukunft, den Erwartungen von ihm, und sei-ner Gegenwart, im wirklichen Leben an ihmselber, und andern. Wir haben diesen Glau-ben an den Tod, im Gegensatze mit einem ur-sprünglich lebendigen Volke Ausländerei genannt.Diese Ausländerei wird somit, wenn sie einmalunter den Deutschen ist, sich auch im wirklichenLeben derselben zeigen, als ruhige Ergebungin die nun einmal unabänderliche Nothwendig-keit ihres Seyn«, als Aufgeben aller Verbesse-rung unserer selbst oder andrer durch Freiheit,als Geneigtheit sich selbst, und alle, so zu ver-brauchen, wie sie sind, und aus ihrem Seinden möglichst größten Vortheil für uns selbstzu ziehen: kurz, als das in allen Lebensregun-gen immerfort sich abspiegelnde Bekenntniß desGlaubens an die allgemeine und gleichmäßigeSündhaftigkeit aller, den ich an einem andernOrte hinlänglich geschildert habe lman s- dieAnweisung zum seligen Leben; eilfte Vorlesung!,welche Schilderung selbst nachzulesen, auch zubeurtheilen, in wiefern dieselbe auf die Gegen-