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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
493-494
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Johann Gvttlicb Fichte.

hallen. Gesetzt, diese Strenge wäre nicht nö-thig, so könnte sie wenigstens für diesen alleinigenZweck nicht schaden. Nur die höhere Ansichtdes Menschengeschlechts, und der Völker, er-weitert diese beschränkte Berechnung. Freiheit, 5auch in den Regungen des äußerlichen Lebens,ist der Boden, in welchem die höhere Bildungkeimt; eine Gesetzgebung, welche diese letztereim Auge behält, wird der ersteren einen mög-lichst ausgebreiteten Kreis lassen, selber auf die 10Gefahr hin, daß ein geringerer Grad der ein-förmigen Ruhe und Stille erfolge, und daßdas Regieren ein wenig schwerer und mühsamerwerde.

Um dies an einem Beispiele zu erläutern: 15man hat erlebt, daß Nationen ins Angesichtgesagt worden, sie bedürften nicht so vielerFreiheit, als etwa manche andere Nation. Diesetz Rede kann sogar eine Schonung und Milderungenthalten, indem man eigentlich sagen wollte, 20sie könnte so viele Freiheit gar nicht' ertragen,und nur eine hohe Strenge könne verhindern,daß sie sich nicht unter einander selber aufrieben.Wenn aber die Worte also genommen werden,wie sie gesagt sind, so sind sie wahr unter der 25Voraussetzung, daß eine solche Nation des ur-sprünglichen Lebens, und des Triebes nach sol-chem, durchaus unfähig sey. Eine solche Nation,falls eine solche, in der auch nicht wenige edlereeine Ausnahme von der allgemeinen Regel mach- 30ten, möglich seyn sollte, bedürfte in der Thatgar keiner Freiheit, denn diese ist nur für diehöheren über den Staat hinaus liegenden Zwecke;sie bedarf bloß der Bezähmung, und Abrichrung,damit die Einzelnen friedlich neben einander be- 35stehen, und damit das Ganze zu einem tüch-tigen Mittel für willkührlich zu setzende außer>hr liegende Zwecke zubereitet werde. Wir könnenunentschieben lassen, ob man irgend einer Na-tion dies mir Wahrheit sagen könne; so viel ist 40klar, daß ein ursprüngliches Volk der Freiheitbedarf, daß diese das Unterpfand ist seines Be-harrens als ursprünglich, und daß es in seiner, Fortdauer einen immer höher steigenden Gradderselben ohne alle Gefahr erträgt. Und dies 45ist das erste Stück, in Rücksicht dessen rie Va-terlandsliebe den Staat selbst regieren muß. '

Sodann muß sie es seyn, die den Staatdarin regiert, daß sie ihm selbst einen höher«Zweck setzt, denn den gewöhnlichen der Erhal- 50kung des innern Friedens, des Eigenthums,der persönlichen Freiheit, des Lebens, und desWohlseyns aller. Für diesen höher» Zweck allein,und in keiner andern Absicht bringt der Staateine bewaffnete Macht zusammen. Wenn von 55ötr Anwendung dieser die Rede entsteht, wennes gilt, alle Zwecke des Staats im bloßen Be-Ldiffe, Eigenthum, persönliche Freiheit, Leben,

Und Wohlseyn, ja die Fortdauer des Staatsselbst, auf das Spiel zu setzen; ohne einen klaren 00^erstandesbegriff von der sichern Erreichung desUsubsichkigken, dergleichen in Dingen dieser Arru>e möglich ist, ursprünglich und Gott alleinderantwortlich, zu entscheiden: dann lebt am^huder des Staates erst ein wahrhaft ursprüng- 65"ches-und erstes Leben, und an dieser Stelle^st treten ein die wahren Majestätsrechte derLegierung, gleich Gott um höhern Lebens willenus niedere Leben daran zu wagen. In der

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Erhaltung der hergebrachten Verfassung, derGesetze, des bürgerlichen Wohlstandes, ist garkein rechtes eigentliches Leben, und kein ur-sprünglicher Entschluß. Umstände, und Lage,längst vielleicht verstorbene Gesetzgeber, habendiese erschaffen: die folgenden Zeitalter gehengläubig fort auf der angetretenen Bahn, undleben so in der That nicht ein eignes öffent-liches Leben, sondern sie wiederholen nur einehemaliges Leben. Es bedarf in solchen Zeilenkeiner eigentlichen Regierung. Wenn aber diesergleichmäßige Fortgang in Gefahr geräth, undes nun gilt, über neue, nie also da geweseneFälle zu entscheiden; dann bedarf es eines Le-bens, das aus sich selber lebe. Welcher Geistnun ist es. der in solchen Fällen sich an dasRuder stellen dürfe, der mir eigner Sicherheitund Gewißheit, und ohne unruhiges Hin- undHerschwanken zu entscheiden vermöge, der einunbezweifeltes Recht habe, jedem, den es treffenmag, ob er nun selbst es wolle oder nicht, ge-bietend anzumurhen, und den Widerstrebendenzu zwingen, daß er alles, bis auf sein Leben,in Gefahr setze? Nicht der Geist der ruhigenbürgerlichen Liebe der Verfassung, und der Ge-setze, sondern die verzehrende Flamme der höhe-ren Vaterlandsliebe, die die Nation als Hülledes ewigen umfaßt, für welche der Edle mitFreuden sich opfert, und der Unedle, der nurum des ersten willen da ist, sich eben opfernsoll. Nicht jene bürgerliche Liebe der Verfassungist es; diese vermag dies gar nicht, wenn siebei Verstände bleibt. Wie es auch ergehen möge,da nicht umsonst regiert wird, so wird sich im-mer ein Regent für sie finden. Lasset den neuenRegenten sogar die Sklaverei wollen sund woist Sklaverei, außer in der Nichtachtung, undUnterdrückung der Eigenthümlichkeit eines ur-sprünglichen Volkes, dergleichen für jenen Sinnnicht vorhanden ist?). — Lasset ihn auch dieSklaverei wollen, — da aus dem Leben derSklaven, ihrer Menge, sogar ihrem Wohlständesich Nutzung ziehen läßt, so wird, wenn er nureinigermaßen ein Rechner ist, die Sklaverei unterihm erträglich ausfallen. Leben und Unterhaltwenigstens werden sie immer finden. Wofür soll-te» sie denn also kämpfen? Nach jenen beiden istes die Ruhe, die ihnen über alles geht. Diesewird durch die Fortdauer des Kampfes nur ge-stört. Sie werden darum alles anwenden, daßdieser nur recht bald ein Ende nehme, sie wer-den sich fügen, sie werden nachgeben, und warumsollten sie nicht? Es ist ihnen ja nie um mehrzu thun gewesen, und sie haben oom Leben nieetwas weiteres gehofft, denn die Fortsetzungder Gewohnheit dazuseyn unter erleidlichen Be-dingungen. Die Verheißung eines Lebens auchhienieden über die Dauer des Lebens hieniedenhinaus, — allein diese ist es, die bis zum Todefürs Vaterland begeistern kann.

So ist es auch bisher gewesen. Wo da wirk-lich regiert worden ist, wo bestanden wordensind ernsthafte Kämpfe, wo der Sieg errungenworden ist gegen gewaltigen Widerstand, da istes jene Verheißung ewigen Lebens gewesen, dieda regierte, und kämpfte, und siegle. ImGlauben an diese Verheißung kämpften die indiesen Reden früher erwähnten deutschen Pro-testanten. Wußten sie etwa nicht, daß auch mit