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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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495-496
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Johann Gottlieb Fichte.

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dem alten Glauben Völker regiert, und in recht-licher Ordnung zusammengehalten werden könn-ten , und daß man auch bei diesem Glaubenseinen guten Lebensunterhalt finden könne?Warum beschlossen denn also ihre Fürsten be-waffneten Widerstand, und warum leisteten ihnmit Begeisterung die Völker? — Der Himmelwar es, und die ewige Seligkeit, für welche siewillig ihr Blut vergossen. — Aber welche irdi-dische Gewalt hätte denn auch in das innereHeiligthum ihres Gemüths eindringen, und denGlauben, der ihnen ja nun einmal aufgegangenwar, und auf welchen allein sie ihrer SeligkeitHoffnung gründeten, darin austilgen können?Also, auch ihre eigene Seligkeit war es nicht,für die sie kämpften; dieser waren sie schon ver-sichert: die Seligkeit ihrer Kinder, ihrer nochungebornen Enkel, und aller noch ungebornenNachkommenschaft war es; auch diese solltenauferzogen werden in derselben Lehre, die ihnenals allein heilbringend erschienen war, auch diesesollten theilhaftig werben des Heiles, das fürsie angebrochen war; diese Hoffnung allein wares, die durch den Feind bedroht wurde, für sie,für eine Ordnung der Dinge, die lange nachihrem Tode über ihren Gräbern blühen sollte,verspritzten sie mit dieser Freudigkeit ihr Blut.Geben wir zu, daß sie sich selbst nicht ganz klarwaren, daß sie in der Bezeichnung des edelsten,was in ihnen war, mit Worten sich vergriffen,und mit dem Munde ihrem Gemüthe unrechtthaten; bekennen wir gern, daß ihr Glaubcns-bekenntniß nicht das einige, und ausschließendeMittel wap, des Himmels jenseits des Grabestheilhaftig zu werden; so ist doch dies ewigwahr, daß mehr Himmel diesseits des Grabes,ein muthigeres und fröhlicheres Emporblickenvon der Erde, und eine freiere Regung desGeistes, durch ihre Aufopferung, in alles Lebender Folgezeit gekommen ist, und die Nachkom-men ihrer Gegner eben so wohl, als wir selbst,ihre Nachkommen, die Früchte ihrer Mühenbis auf diesen Tag genießen.

In diesem Glauben setzten unsre ältesten ge-meinsamen Vorfahren, das Stammvolk der neuenBildung, die von den Römern Germanier ge-nannten Deutschen, sich der heranbringendenWeltherrschaft der Römer muthig entgegen.Sahen sie denn nicht vor Augen den höhernFlor der Römischen Provinzen neben sich, diefeinern Genüsse in denselben, dabei Gesetze,Richterstühle, Ruihenbündel, und Beile in Üc-berfluß? Waren die Römer nicht bereitwilliggenug, sie an allen diesen Segnungen Theilnehmen zu lassen? Erlebten sie nicht an meh-rern ihrer eigenen Fürsten, die sich nur bedeu-ten ließen, daß der Krieg gegen solche Wohl-thäter der Menschheit Rebellion sey, Beweiseder gepriesenen Römischen Klemenz, indem siedie Nachgiebigen mit Königstiteln, mit An-führerstellen in ihren Heeren, mir RömischenOpferbinden auszierren, ihnen, wenn sie etwavon ihren Landslcuten ausgctriebe» wurden,einen Zufluchtsort, und Unterhalt in ihrenPflanzstädren gaben? Halten sie keinen Sinnfür die Vorzüge Römischer Bildung, z. B. fürdie bessere Einrichtung ihrer Heere, in denensogar ein Arminius das Kriegshandwerk zu er-lernen nicht verschmähte? Keine von allen die-

sen Unwissenheiten, oder Nichtbeachtungen istihnen aufzurücken. Ihre Nachkommen habensogar, sobald sie es ohne Verlust für ihre Frei-heit konnten, die Bildung derselbe» sich ange-5 eignet, in wie weit es ohne Verlust ihrer Ei-genthümlichkeit möglich war. Wofür haben siedenn also mehrere Menschenaltcr hindurch ge-kämpft im blutigen, immer mit derselben Kraftsich wieder erneuernden Kriege? Ein Nömi-10 scher Schriftsteller läßt es ihre Anführer alsoaussprechen: „ob ihnen denn etwas anderes„übrig bleibe, als entweder die Freiheit zu be-haupten, oder zu sterben, bevor sie Sklaven„würden." Freiheit war ihnen, daß sse eben15 Deutsche blieben, daß sie fortführen ihre Ange-legenheiten felbstständig, und ursprünglich, ihremeignen Geiste gemäß, zu entscheiden, und die-sem gleichfalls gemäß auch in ihrer Fortbildungvorwärts zu rücken, und daß sie diese Selbst-20 ständigkeit auch auf ihre Nachkommenschaft fort-pflanzten : Sklaverei hießen ihnen alle jene Seg-nungen, die ihnen die Römer antrugen, weilsie dabei etwas anderes, denn Deutsche, weilsie halbe Römer werden müßten. ES verstehe25 sich von selbst, setzten sie voraus, daß jeder,ehe er dies werde, lieber sterbe, und daß einwahrhafter Deutscher nur könne leben wollen,um eben Deutscher zu seyn, und zu bleiben,und die seinigen zu eben solchen zu bilden.

30 Sie sind nicht alle gestorben, sie haben dieSklaverei nicht gesehen, sie haben die Freiheithinterlassen ihren Kindern. Ihrem beharrlichenWiderstände verdankt es die ganze neue Welt,

' daß sie da ist, so wie sie da ist. Wäre es den35 Römern gelungen, auch sie zu unterjochen, und,wie dies der Römer allenthalben that, sie alsNation auszurotten, so hätte die ganze Fort-entwicklung der Menschheit eine andere, undman kann nicht glauben erfreulichere Richtung40 genommen- Ihnen verdanken wir, die nächstenErben ihres Bodens, ihrer Sprache, und ihrerGesinnung, daß wir noch Deutsche sind, daßder Strom ursprünglichen und selbstständigenLebens uns noch trägt, ihnen verdanken wir45 alles, was wir seitdem als Nation gewesensind, ihnen, falls es nicht etwa jetzo mit unszu Ende ist, und der letzte von ihnen abge-stammte Blutstropfen in unsern Adern versiegtist, ihnen werden wir verdanken, alles, was50 wir noch ferner seyn werden. Ihnen verdankenselbst die übrigen, und jetzt zum Auslande ge-wordenen Stämme, in ihnen unsre Brüder,ihr Daseyn; als jene die ewige Roma besiegten,war noch keins aller dieser Völker vorhanden;55 damals wurde zugleich auch ihnen die Mög-lichkeit ihrer künftige» Entstehung mit erkämpft-Diese, und alle andere in der Weltgeschichte-die ihres Sinnes waren, haben gesiegt, weitdas Ewige sie begeisterte, und so siegt immer<>0 und nothwendig diese Begeisterung über den,der nicht begeistert ist. Nicht die Gewalt derArme, noch die Tüchtigkeit der Waffen, fe-dern die Kraft des Gemüths ist es, welche Siegeerkämpft. Wer ein begrenztes Ziel sich M05 seiner Aufopferungen, und sich nicht weiterwagen mag, als bis zu einem gewisse» Punkte,der giebt den Widerstand auf, sobald die Ge-fahr ihm an diesen durchaus nicht aufzugeben'den noch zu entbehrenden Punkt kommt. Wer