509
Franz Volkmar Reinhard.
510
das einen hohen Werth für uns, was unsgegen diese Versuchungen schützen, und sie un-kräftig für uns machen kann. Eins der wirk-samsten Verwahrungsmittel dieser Artist die Arbeitsamkeit, und schon in dieser Hin-sicht muß sie uns aufferordentlich wichtig seyn;sie wendet nämlich die Gefahren desMüssiggangs von uns ab, und brichtdie schädliche Gewalt wilder Leiden-schaften.
Wundert euch nicht, wenn ich von Ge-fahren des Müssiggangs spreche. Wieunschuldig jene Trägheit, jenes Nichtsthun,jener Mangel an Beschäftigung, den ihr beyso vielen Menschen wahrnehmet, auch scheinenmag: für unser Herz haben wir nie mehr zufürchten, als in diesem Zustande; nie steht esallem Bösen mehr offen, als wenn es nichtshat, wofür es sich mit Lebhaftigkeit und Wärmeverwenden könnte. Erklärt doch schon dasSprichwort den Müssiggang für den Anfangaller Laster, und nichts ist gegründeter, alsdiese Bemerkung. Seyd ihr müssig; habe»weder eure Gedanken, noch eure Kräfte einebestimmte Richtung, wird euch eure Zeit zurLast, und fanget ihr an, die Qualen der Lan-genweile zu empfinden: so kann es nicht fehlen,mit einer Art von Sehnsucht werdet ihr euchnach etwas umsehen, was euch an sich ziehenund in Bewegung setzen könne; dann werdeneure Lüste Gelegenheit finden, sich in euch zuregen und euer Herz zu beflecken; dann wirdeuch alles willkommen seyn, was euch Unter-haltung verspricht, es sey noch so bedenklich;dann werdet ihr euer Ohr der Stimme derVerführung öffnen, und schon darum auf siewerken, weil ihr nichts anders zu thun habt;dann werdet ihr euch in Zerstreuungen stürzen,wo ihr eure Pflicht, eure Ehre und eure Wohl-fahrt vergessen werdet; ihr werdet euch mitMenschen verbinden, die ihr fliehen solltet,werdet an ihren Rathschlägen und Ausschwei-fungen Theil nehmen, und euch in die Fall-stricke des Lasters verwickelt sehen, ehe ihrs ver-muthet. Mit Müssiggang, mit der Vernach-lässigung pflichtmäßiger Arbeiten sieng sich dertraurige Verfall der Meisten an, die ihr alslasterhafte, unglückliche Menschen kennet, daswerdet ihr finden, so bald ihr euch von ihrerGeschichte unterrichtet: und in ihrem Beyspielsehet ihr, was Jedem bevorsteht, der sich derTrägheit überläßt. Gewährte uns die Arbeit-samkeit auch nichts weiter, als Schutz gegendie Gefahren: müßte sie uns nicht schon darumUnaussprechlich wichtig seyn? Und in der That,besser könnet ihr euch unmöglich gegen allesverwahren, was dem Müssiggänger nachtheiligwerden kann, als durch pflichrmässige Arbeit-samkeit. Dann dürfet ihr euch nicht erst nach"eschäfiigungen umsehen, ihr wisset genau,wozu ihr jede Stunde anzuwenden habt. DannWben unordentliche Lüste entweder keine Zeit,euer Herz zu entflammen, oder werden im Ge-lang der Geschäfte bald wieder erstickt. Dannwendet, sich die Verführung vergeblich an euch,u>r seyd zu sehr in eure Arbeiten vertieft, als"aß ihre Zauberstimme einen Eindruck auf euchwachen könnte. Dann seyd ihr sicher vor wil-den Zerstreuungen; wo nähmet ihr die Zeit
her, euch ihnen zu überlassen? Dann ist esnicht möglich, daß ihr mit schlechten Menschenin Verbindung kommen solltet; sie sind euchihres Müssiggangs wegen verhaßt, und jeder5 Augenblick würde euch dauern, den ihr ihrerentehrenden Gesellschaft widmen solltet. Inden Häusern ordnungsliebender Familien, inden Werkstätten fleißiger Arbeiter, in den Wir-kungskreisen derer, die ihren Berufsgeschäften10 mit treuem Eifer obliegen, findet ihr die ach-tungswerkhesten Menschen, das kann euch dieErfahrung täglich lehren; da treffet ihr dieGlücklichen an, die von allen Verderbnissen derZeit am frcyesten geblieben sind; da könnet ihr15 lernen, wie mächtig die Arbeitsamkeit gegen dieGefahren des Müssiggangs, und mithin gegenalle Laster schüzt.
Doch ihr Werth als Verwahrungsmittelwird noch besonders durch den Umstand erhöht,20 daß sie auch die schädliche Gewalt wil-der Leidenschaften bricht. Ich brauchees euch nicht erst zu sagen, daß es aus ist mitaller christlichen Frömmigkeit und Lugend, daßvon einer wahren Besserung gar nicht die Rede25 seyn kann, wenn irgend eine Leidenschaft imHerzen tobt, wenn ihr die schreckliche Gewalteiner unerlaubten Liebe, eines wüthenden Haffes,einer entflammten Rachsucht, eines verzehren-den Neides, eines herrschenden Mißvergnügens,3V eines nagenden Kummers, einer trostlosen Ver-zweiflung empfindet. Ach dann seyd ihr aufge-legt und vorbereitet zu jeder pflichtwidrigenThat, zu jeder entehrenden Ausschweifung, zujedem strafbaren Verbrechen; und unfähig, eine35 heilsame Bewegung anzunehmen, verschlossenfür alle Einflüsse der Vernunft, für alle War-nungen der Religion, für alle Wirkungen desGeistes Gottes; blos mit sich und dem Gegen-stände seiner Neigung beschäftigt ist dann euer-0 unglückliches Herz. Nur ein Mittel, nur einMittel giebt es, die schreckliche Macht solcher, Leidenschaften zu brechen, und ihrer LyranneyGränzen zu setzen, und dieses Mittel ist Arbeit-samkeit. Ueberlaß dich nur dem Müssiggang,45 Unglücklicher, der du ergriffen bist von einerunbändigen Leidenschaft; gieb dich nur ohneWiderstand hin und hänge ihr nach: immerheftiger und wilder wird sie werden, sie wirddich immer strenger und grausamer beherrschen,50 bis zum Wahnsinn, bis zum Verlust aller dei-ner Freyheit und Selbstständigkeit wird sie dichbringen. Aber versuche es, kehre zu deinenGeschäften zurück; überwinde dich , was es dirauch anfangs kosten mag, und widme dich dei-55 nem Berufe; knüpfe, so viel du kannst, eineArbeit an die andre, und eine Anstrengung andie andre; stürze dich, wenn du deiner nichtanders mächtig werden kannst, geflissentlich inBeschäftigungen, die alle deine Kräfte fordern,<>0 die jeden Augenblick deiner Zeit ausfüllen, diedich ermüden und erschöpfen: und du wirst Ruhein der Arbeit, du wirst Erholung in der An-strengung finden; sie werden sich in dir ver-dunkeln die Vorstellungen, die dich so quälen,65 und mit andern wechseln; mit jeder Stunde,die du deiner Leidenschaft entziehst, und zu et-was anderm anwendest, wird ein Theil ihrerKraft und ihres Einflusses verschwinden; unddie Arbeitsamkeit, die Arbeitsamkeit wird all-