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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
515-516
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ölb Franz Volkmar Rcnihard. 51b

ihr doch ernstlich erwäget, wie schlecht ihr eurenKindern und Zöglingen rathet, wenn ihr sieverzärtelt, und sie nur spielend unterrichtenund bilden wollet? Ihr werdet es zu verant-worten haben, wenn sie einst nicht nur träge,unbrauchbare, der bürgerlichen Gesellschaft zurLast fallende Geschöpfe, sondern auch unfähigzu allem wahren Guten, ohne Sinn für allesEdle und Große, und ohne Empfänglichkeit fürdie Kräfte und den Einfluß des Evangelii seinwerden. Wollet ihr ihnen eipe Wohlthat er-zeigen, die wichtig und folgenreich für,ihr äuß-res und innres Wohl, für Zeit und Ewigkeitseyn wird: so verzeihet ihnen nichts weniger,als Trägheit; so nöthiget sie mir unerbittlicherStrenge zu einem vernünftigen Gebrauch ihrerKräfte; so gewöhnet sie mit dem größten Ernstezu einer wohlgeordneten Thätigkeit; so suchetes dahin zu bringen, daß es ihnen Bedürfnißwerde, etwas Nützliches zu bewirken, daß esihnen Freude sei, durch Anstrengung und Fleißjede Pflicht zu erfüllen, und jede Schwierigkeitzu besiegen.

Denn um ihn ganz zu fassen, den hohensittlichen Werth der Arbeitsamkeit, so vergessetes endlich nicht, M-Br., daß sie auch als Vor-bereitung zu etwas Befferm und Höherm vonder größten Wichtigkeit ist; sie macht uns näm-lich zu edlerer Wirksamkeit und zu reinermGenusse fähig.

Fürchte dich nicht, sagt Jesus im Evange-lio dem erstaunten Petra, von nun an wirstdu Menschen sahen. Welch ein Uebergang,M. Br., von dem gemeinsten Beruf zu demedelsten, der sich denken läßt, von dem Hand-werk eines Fischers auf dem See Genezarethzu dem Amt eines Apostels! Aber wie uner-wartet, wie außerordentlich er auch war, dieserUebergang, er war nicht unvorbereitet; dieArbeitsamkeit, der pflichtmäßige Fleiß hattePetra und seinen Freunden den Weg zu etwasHöherm gebahnt. Schon als Fischer hatten siedie Aufmerksamkeit auf ihre Pflicht, den Eiferfür ihren Beruf, das Ausdauer,, bei Beschwer-den, die Standhaftigkeit bei widrigen Zufällen,das Vertrauen auf Gott und seinen Beistand,das geduldige Hoffen auf seinen Segen gelernt,das sie als Apostel nöthig hatten, wodurch esihnen möglich wurde, auszugehen in alle Welt,und das Evangelium zu predigen aller Krea-tur. Daher führten sie ihre Schiffe so getrostzu Lande, verließen alles und folgten Jesunach^ Was uns unsre Pflicht auch auflegen,zu welchen Geschäften sie uns auch nöthigenmag: treiben wir sie mit Anstrengung undEifer, beweisen wir vernünftige Arbeitsamkeit:so werden wir fähiger zu etwas Besserem wer-den, M. Br-, ohne es zu merken; unsere Kräftewerden eine Uebung und Stärke, -unser Willewird eine Festigkeit und einen Nachdruck, unserGeist wird einen Schatz von Erfahrungen, einen

Sinn für das Nützliche, eine Geschicklichkeit undBrauchbarkeit erlangen, die uns begleiten, dieuns zu Statten kommen werden, wenn wir zuetwas Wichtigerm übergehen sollen, wenn uns5 mehr anvertraut wird. Und dahin muß es mituns kommen, wenn wir das Unsrige, worin esauch bestehen mag, mit Anstrengung und Red-lichkeit leisten. Es ist das heilige, unabänder-liche Gesetz, das in dem Reiche Gottes berrscht:10 wer über Weniges treu gewesen ist, soll überViel gesetzt werden. Das werdet ihr häufigschon hier erfahren, ihr Treuen; schon hierwerdet ihr eurer Arbeitsamkeit, eures Fleißes,eures redlichen Eifers wegen aus eurer Nied-15 rigkeit von einer Stufe zur andern gerufen,und mit Aufträgen beehrt werden, die ihr nieerwartet hättet. Und bleibt ihr auch hier indem Kreise, der euch beschicken ist: unvermeid-lich ist der Zeitpunkt, wo der Herr kommt und20 Rechenschaft mit allen hält, denen er etwas an-vertraut hat. Wehe dann dem faulen Knecht,der aus Leichtsinn und Trägheit nichts geleistethat: ihn wird der Ausspruch treffen: werfetihn in die äußerste Finsterniß hinaus, da wird25 sein Heulen und Zähnklappern. Wohl dagegeneuch, wenn ihr eurem Herrn nach einem thä-tigen, arbeitsvollen Leben sagen könnet: deinPfund hat neue Pfunde gewonnen: auch ihrwerdet sie dann hören die Worte des Beifalls30 und der Belohnung: ei du frommer und ge-treuer Knecht, du bist über Wenigem treu ge-wesen, ich will dich über Viel setzen; gehe einzu deines Herrn Freude.

35 Und so macht endlich die Arbeitsamkeit selbstzu reinerm Genusse fähig. Wie gleichgültigverlassen Petrus und seine Freunde das Ver-gnügen, das ihnen ein reicher Fischzug gewährte,um ediern Freuden entgegen zu eile», um sich40 die Wonne zu bereiten, einst Seelen dem Ver-derben zu entreißen. Wie kann es auch andersseyn? An die Zufriedenheit, die aus dem Be-wußtsein entspringt, seine Pflicht gethan zuhaben; an das Vergnügen, das der Gedanke45 gibt, nützlich zu sein und etwas Gutes zu wir-ken ; an die herzerquickende Wonne, sich als einbrauchbares Mitglied der menschlichen Gesell-schaft, sich als einen Wohlthäter seiner Bru-der, sich als eine wirksame Kraft in dem gro-50 ßen Reiche Gottes zu fühlen, gewöhnt die Ar-beitsamkeit; und habt ihr diese Freuden kostenlernen: wie ganz anders genießet ihr dann, alsdie elenden, thierischen Geschöpfe, die in sinnli-chen Wollüsten schwelgen; wie fähig seyd ihr55 dann, an der Herrlichkeit dessen Theil zu neh-men, der wie sein Vater im Himmel wirkte,der lebte, um unser ganzes Geschlecht zu retten,und nun alle Dinge irägt mit seinem kräftigenWort. Möge er euch einst alle fähig, alle60 würdig finden, euch dahin aufzunehmen, wo erist; Amen.