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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
555-556
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Jean Paul Friedrich Richter.

gewollt hätte — ach ich könnte glücklich sein,ihr theuern Eltern, wenn ich euere Neujahr-Wünsche und Lehren erfüllet harre."

„Im fieberhaften Erinnern an seine Jüng-lingszeil kam es ihm vor, als richte sich die 5Larve mit seinen Zügen im Todlenhause auf —endlich wurde sie durch den Aberglauben, derin der Neujahrnacht Geister und Zukunft er-blickt, zu einem lebendigen Jüngling, der inder «Stellung des schönen Jünglings vom Ka- 10pitol sich einen Dorn auszieht, und seine vorigeblühende Gestalt würd' ihm bitter vorgegau-kelt. " '

„Er konnt' es nicht mehr sehen — er ver-hüllte das Auge — tausend heiße Thränen 15strömten versiechend in den Schnee — er seuf-

zeke nur noch leise, trostlos und sinnlos-, kommenur wieder, Jugend, komme wieder!" ....

— Und sie kam wieder; denn er halte nurin der Neujahrnacht so fürchterlich geträumt;— er war noch ein Jüngling. Nur seine Ler-irrungen waren kein Traum gewesen; aber erdankte Gott, daß er noch jung, in den schmu-tzigen Gängen des Lasters umkehren und sichauf die Sonnenbahn zurück begeben konnte, dieins reine Land der Ernten leitet.

Kehre mir ihm, junger Leser, um, wenndu auf seinem Irrweg stehest! Dieser schreckendeTraum wird künftig dein Richter werden; aberwenn du einst jammervoll rufen würdest: kommewieder, schöne Jugend - so würde sie nichtwieder kommen.

V. Die Taschenbitiliothck.

Es kann sein, daß meine jungen Leser zu-frieden sind, wenn sie meine Erzählung gele-sen ; aber dankbar werden sie sein nach zwanzigJahren, wenn sie sie benutzt haben.

Der Pagentanzmeister Aubin hatte wenigZeit, wenig Geld, noch weniger Gedächtniß undBücher! — und doch wußt' er fast alle aus-wendig und war nicht bloß auf dem Tanzbodenzu Hause. Ich wollte dieses Räthsel vergeblichdurch Errathen auflösen; ich mußte zu demselber gehen, der es war. Ich mengte michdaher nicht unter die Schüler, sondern unterdie Zuschauer seiner fröhlichen Tanzstunden, dieer den Pagen und einigen Neben-Elevinnen indem großen Redouten-Saale gab.

Ich kam ein wenig früher als die Eleve»,die gern überall tanzten, nur nicht da, wo siees lernen sollten. Aubin war schon da, undsteckte ein kleines Buch, in der Größe des Ka-techismus von Schlosser, den ihr euch kaufensolltet, bei meinem Anblick ein. „Ich bin soglücklich (sagt' er, um seinen Fleiß gleichsam zuentschuldigen), daß ich keine Zeit und Lange-weile habe. Ich fühle nie, daß ich auf etwaswarte; denn ich ziehe sogleich eilten Theil mei-ner Taschenbibliothek aus der Tasche, und wär'san einem User, auf das der Fährmann erst ausder Mitte des Stromes zurudert." Er stahlsich immer zwischen seinen täglichen 8 Tanz-stunden und zwischen den Zeiten der Erholungeinige Lescminuten heraus: wie verächtlich stehtneben einem solchen Minutendieb im gutenSinne, ein Tagedieb im schlimmen! — In ver-flüchtigen Viertelstunde unsers Gesprächs setzteer mich durch seine Kenntnisse in Ungewißheit,ob er außer der Tanzkunst eigentlich Theologie

— oder Jurisprudenz - oder Astronomie —oder Geschichte - , oder andere Wissenschaftenverstehe.

Nach vier Uhr unterbrachen die Tanzschü-lcriiinen unser Gespräch mir dem ihrigen. Ichhoffe, es war nur eine, — höchstens noch eine,

— die die „Abendstunden der Mad. Genlis"nicht gelesen ; sonst kväre sie gewiß noch einmalso höflich, so still und so bescheiden gewesen.Vielleicht hatte sie keine Mutter mehr, die esihr sagen konnte, daß eine Jungfrau gegen je-

den Mann, den sie bezahlt, gegen einen Tanz-oder Sprach - oder Zeichenmeister noch zurück-25 haltender und höflicher zugleich sein müsse, alsgegen Freunde ihrer Aeltern. Herr Aubin ta-delte es, gewiß auch, daß sie länger blieb alsandere, und in unser Gespräch eindrang, undihm zuletzt die Frage that, die sich niemals30 schickt: welches Geschlecht besser sei, ihres oderseines. Kein Mensch von Erziehung legt eineFrage vor, deren Antwort dem andern Mühekostet. Ich nahm ihm die Mühe durch die Er-zählung einer Historie aus den Abendstunden35 der Mad. Genlis-ab; wir hatten Zeit, da ervon 5 bis 0 Uhr auf neue Springkäfcr lauer-te, die aber heute alle im Komödienhause saßen.Als die Historie aus und das Mädchen fortwar: bat er mich zu meinem Erstaunen, sie —40 noch einmal zu erzählen: „denn es blieb ihmkein Name, sagt' er; sein Gedächtniß sei durchdas schnelle Hintereinanderlesen von Dingen,die nicht zusammengehören, ein ausgesogenerAckcr geworden." Mir war freilich diese Ent-4 g kräfliing eines Gedächtnisses, das mir heulenichts als Proben seiner Stärke gegeben, unbe-greiflich; aber der Satz ist wahr, daß einer,der jede Minute eine andere Wissenschaft oderein anderes Geschäft vornimmt, sein Gedächt-50 niß zerstöre.

Das Glück, oder vielmehr Don Karlos -diese Tragödie wurde heute gegeben - nahmihm die Schüler und schenkte mir den Lehrer.„Man sollte, sagt er, allemal heule (den 22.55 Juli) dieses Stück aufführen, weil der Held- davon gerade heule (1508) sich todt geblutet."— Er wußte den Tag vieler Begebenheiten,deren Jahrhundert andere nicht wissen. Ichbegriff immer weniger die Schwäche seines Ge-00 dächtnisseS. Er sagte: ich sollte nichts lobe»als — höchstens seine Taschenbibliothek.

Ich ging also mit ihm nach Hause z»mHauptschlüffel aller Räthsel.

Ein halbes Schock Bücher - lauter KoM-05 pendien von einem halben Schock Wissenschafts"- besaß er, weiter kein Blatt. Oft sind dieGehirnkammern leer und die Bücherbretter voll:aber hier war das Widerspiel.

Endlich ergriff er den Schlüssel zu einem