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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
557-558
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Jean Paul Friedrich Richter.

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Bücherschrank — und zum Räthsel — und schloßbeide, d. h. seine Taschenbibliothek auf.

Exzerpten waren es, aber kürzere als diegewöhnlichen.

Ich will jetzt den Lesern, die so glücklich 5sind, noch i» den Jahren zu sein, deren Ver-lust oder Mißbrauch keine spätern gut machen,diesen will ich alles Wort für Wort zuwenden,was mir der Tanzmeister vorsagte; ich magihn nicht um den Dank bringen, den sie ihm 10einmal nach langen Jahren sagen werden.

„Ich bat oft, sagt' er, einen Menschen, dereine dicke Reisebeschreibung wieder zum Eücher-verleiher zurück getragen, mir nur einen Bogenmit dessen Inhalt voll zu schreiben — er konnt' 15es nicht. Nach vier Wochen konnt' er nichteinmal ein Oktavblatt ausfüllen mit der Erb-schaft aus dem Buch. Es war also nicht bloßso gut, als hätt' er's nicht gelesen, sondernnoch schlimmer. Ich hatte Tanzschüler, die 20jährlich mehr Bücher als Tage durchbrachren;aber sie befanden sich jährlich nicht um 365Zeilen reicher." Und doch ist's unmöglich, zu-gleich viel zu lesen und viel zu merken. -Was soll man da mache»? — 25

„Bloß Exzerpten. Ich sing mir anfangs ausjedem Buche zwei, drei Sonderbarkeiten wieSchmetterlinge aus, und machte sie durch Tintein meinem Exzerplenbuche fest. Ich hob ausallen Wissenschaften meine Rekruten aus. Drei 30Zeilen Platz, mehr nicht, räumt' ich jeder Merk-würdigkeit ein. Ich borgte mir allezeit nurEin Buch, um es lieber und schneller zu lesen:viele borgen, ist so viel wie sie kaufen, manliefet sie nicht oder spät. Oft besteht aller Geist, 35den ich mit meiner Kelter aus einem Buchebringe, in einem einzigen Tropfen; ich hab'aber dann nach 10 Jahren noch etwas, nocheinen Vortheil vom Buche auszuweisen, näm-lich meinen Tropfen. Diese Exzerpten zieh' 40ich wie Riechwasser überall aus der Tasche, aufder Straße, im Vorzimmer, auf dem Tanz-boden, und erquicke mich mit einigen Lebens-tropfen. Wäre mein Gedächtniß noch schwä-cher: so las' ich sie noch öfter." 45

„Die Hauptsache ist, daß ich Exzerpten ausmeinen Exzerpten mache, und den SpiritusNoch einmal abziehe. Einmal les' ich sie z. B.blos wegen des Artikels vom Tanze durch, einanderesmal blos über die Blumen, und trage 50dieses mit zwei Worten in kleinere Hefte oderRegister, und fülle so das Faß auf Fla-schen."

»Sogar eine schwere Zahlenlast kann meinkraftloses Gedächtniß aufheben und tragen: ich 55^ge sie nur in 365 kleine Laste» auseinander."

Hier gab er mir seinen Kalender. JederMonat war mit einem halben Bogen durch-zogen, auf dem es für jeden Monatstag beige-schrieben stand, ob dieser der Geburt- oderSterbetag eines berühmten Mannes oder einergroßen Begebenheit, oder ein griechischer, jüdi-scher, römischer Festtag sei, oder welcher Käferdaran ohngefähr in die Erde, oder welcher Zug-vogel zu seinen Winterlustbarkeiten abreise.Jeden Morgen sah er dann das historische Pen-sum des heutigen Datums an; und nach einemJahre hakt' er mehr als zweimal 365 Zahle»im Kopf.

Ich mußte hier den Mann, dessen Herz füralles Wissen brannte, an das meinige drückenund es ihm gestehen, daß ich beinahe auf dem-selben Wege seit dem 14ten Jahre gehe.

Und ihr, lieben Jünglinge, macht, daß ihrauch einmal aus solchem Grunde umarmet wer-det. Vergesset den Pagentanzmeister Aubinnicht, der keine Zeit und kein Gedächtniß unddoch so viele Kenntnisse hatte! — Vergesset ihrihn: so bleibt euch aus einer ganzen durcheure Seele rauschenden Universitätsbibliotheknicht so viel zurück als in den Katalog der-selben, weitläuftlg geschrieben, hinein geht. -Die Bücherflut verläuft, lässet nur einige Schau-ten nach, überspühlt wieder euer Gedächtniß,und nach dieser Ebbe und Flut steht in eurerSeele nicht eine einzige gewässerte Pflanze, son-dern eine nasse Sandwüste. - Repetiren könntihr dann gar nicht; oder ihr müsset wenigstensdas alte Buch von neuem lesen und also Ver-gessenes und Behaltenes zugleich wiederholen,indeß ihr in derselben Zeit ein.ganz neuesdurchbrächtet. Am Ende werdet ihr zur Wie-derholung euerer Lektüre fast die Wiederholungeures Lebens nöthig haben. — Kurz, vergessetwas ihr wollt, nur meine Erzählung nicht.Sogar die unter euch, die hier erschrecken undes beklagen, daß sie schon zu alt sind, diesenehm' ich bei der Hand und sage ihnen trö-stend: „gehet nur mir und dem Herrn Aubinnach: um so mehr müsset ihr jetzt, da ihr euchso spät auf den Weg zur Kenntniß macht, denabgekürzten einschlagen — wahrhaftig aus den-selben Gründen, warum ich und er noch imNachmittage des Lebens mie Exzerpieren fort-fahren, müsset ihr damit anfangen."

Wenn ich nach zehen Jahren noch lebe: sowill ich am heutigen Tage an diesen Aufsatzdenken und mich draußen nach allen Weltge-genden umschauen und sagen: „gewiß lebt indiesem Umkreis mehr als ein Mann, der frohist, daß er vor 10 Jahren erfahren hat, wiees der Pagentanzmeister Aubin machte." —

VI. Neise nach -er Insel Ischia.

„Eine helle Nacht ohne Gleichen! Die SterneMein erhellten schon die Erde und die Milch-Kratze war silbern. Eine einzige mit Wcin-"ckhea durchflochtene Allee führte der Prachr-j^bt zu. ueberall hörte man Menschen, bald^ayes Reden, bald fernes Singen. Aus schwar-Kastanienwäldern auf mondhellen Hügel»

riefen die Nachtigallen einander zu. Ein armesschlafendes Mädchen, das wir mitgenommen,65 hörte das Tönen bis in den Traum hinab undsang nach und blickte, wenn es sich damit ge-weckt, verwirrt und süßlächelnd umher, mitdem ganzen Ton und Traum noch in der Brust.Singend rollte auf einem dünnen leichten Wa-