559
Jean Paul Friedrich Richter.
560
gen mit zwei Rädern, ein Fuhrmann auf derDeichsel stehend lustig vorüber. — Weiber tru-gen in der Kühle schon große Körbe voll Blu-men nach der Stadt; — in den Fernen nebenuns dufteten ganze Paradiese aus Blumenkel-chen; und das Herz und die Brust sogen zu-gleich den Liebestrank der süßen Luft- — DerMond war hell wie eine Sonne an den hohenHimmel heraufgezogen und der Horizont wurdevon Sternen vergoldet — und am ganzenwolkenlosen Himmel stand die düstere Wolken-säulc des Nesuv's in Osten allein.
Tief in der Nacht nach zwei Uhr rolltenwir in und durch die lange Prachlstadt, worinnoch der lebendige Tag fortblühte. Heitere Men-schen füllten die Straßen — die Balkons war-fen sich Gesänge zu — auf den Dächern blüh-ten Blumen und Bäume zwischen Lamoen unddie Hören-Glöckchen vermehrten den Tag undder Mond schien zu wärmen. Nur zuweilenschlief ein Mensch zwischen den Säulengänge»gleichsam an seinem Miltagschlafe. — Dian,aller Verhältnisse kundig, ließ an einem Hauseauf der Süd- und Meerseite halten, und gingrief in die Stadt, um durch alte Bekanntedie Abfahrt nach der Insel zu berichtigen, da-mit man gerade bei Sonnenaufgang aus demWere herüber die herrliche Stadt mit ihremGolf und ihren langen Küsten am reichstenauffassete. Die Jschianerin wickelte sich in ihrenblauen Schleier gegen Mücken und entschliefam schwarzsandigen Ufer.
Ich ging allein auf und ab, für mich gabskeine Nacht und kein Haus. Das Meer schlief,die Erde schien wach. Ich sah in dem eiligenSchimmer (der Mond sank schon dem Posilippozu,) an dieser gölrlichen Grenzstadt der Was-serwalt, an diesem aufsteigenden Gebirg vonPallästen hinauf bis wo das hohe Sant' Elmo-Schloß weiß aus dem grünen Strauße blickt.Mir zwei Armen umfaffete die Erde das schöneMeer, auf ihrem rechten, auf dem Posilippo,trug sie blühende Weinberge weit in die Wel-len und auf dem linken hielt sie Städte undumspannte seine Wogen und seine Schiffe undzog sie an ihre Brust heran. Wie eine Sphinxlag dunkel das zackig: Kapri am Horizont imWasser und bewachte die Pforte des Golfs.Hinter der Stadt rauchte im Aclher der Vul-kan und zuweilen spielten Funken zwischen denSternen.
Jetzt sank der Mond hinter die Ulmen desPosilips hinab, die Stadt verfinsterte sich, dasGetöse der Nacht verklang, Fischer stiegen aus,löschten ihre Fackeln und legten sich ans Ufer,die Erde schien einzuschlafen, aber das Meeraufzuwachen. Ein Wind von der Sorrentini-schen Küste trieb die stillen Wellen auf — Hel-ler schimmerte Sorrenro'S Sichel vom Mondezurück und vom Morgen zugleich wie silberneFluren — Vesuv's Rauchsäule wurde abge-wetzt und vom Feuerberg zog sich eine langereine Morgenröthe über die Küste hinauf wieüber eine fremde Welt.
Es war der dämmernde Morgen, voll vonjugendlichen Ahnungen! Spricht nicht die Land-schaft, der Berg, die Küste gleich einem Echodesto mehr Silben zur Seele, je ferner sie sind?— Wie jung fühlt' ich die Welt und mich und
der ganze Morgen meines Lebens war in die-sen gedrängt!
Mein Freund kam — alles war berichtigt— die Schiffer angekommen — Agata wurde5 zur Freude geweckt und wir stiegen ein, alsdie Morgenröthe die Gebirge entzündete, undaufgebläht von Morgenlüften flog das Schiff-chen ins Meer hinaus.
Ehe wir noch um das Borgebirg' des Posi-10 lippo herumschifften, warf der Krater des Ve-suv's den glühenden Sohn, die Sonne, lang-sam in den Himmel und Meer und Erdeentbrannten. Neapels halber Erdgürtel mitmorgenrolhen Pallästen, sein Marktplatz von15 flatternden Schiffen, das Gewimmel seinerLandhäuser an den Bergen und am Ufer hin-auf und sein grünender Thron von S- Elmo,standen stolz zwischen zwei Bergen, vor demMeere.
20 Da wir um den Posilippo kamen, standJschia's Epomeo wie ein Niese des Meers inder Ferne, mit einem Wald umgürtet und mitkahlem weißen Haupt. Allmählich erschienenauf der unermeßlicheu Ebene die Inseln nach25 einander wie zerstreute Dörfer und wild dran-gen und wateten die Vorgebirge in das Meer-Jetzt that sich gewaltiger und lebendiger alsdas vertrocknete vereinzelte starre Land, dasWasserreich auf, dessen Kräfte alle, von den30 Strömen und Wellen an bis zum Tropfen, zu-sammengreifen und sich zugleich bewegen. -Allmächtiges und doch sanftes Element! Grim-mig schießest du auf die Länder und verschlingstsie und mir deinen aushöhlenden Polppenar-35 men liegst du an der ganzen Kugel. Aber dubändigst die wilden Ströme und zerschmilzestsie zu Wellen, sanft spielest du mit deinen klei-nen Kindern, den Inseln, und spielest an derHand, die aus der leichten Gondel hängt, und40 schickst deine kleinen Wellen, die vor uns spie-len, dann uns tragen, und dann hinter unsspielen.
Als wir vor dem kleinen Nisita vorbei ka-men, wo einst Brutus und Kalo nach Cäsar's45 Tod Schutzwehr suchten — als wir vor demzauberischen Baja und dem Zauberschlosse, woeinst drei Römer die Theilung der Welt be-schlossen , und vor dem ganzen Vorgebirge vor-übergingen, wo die Landhäuser der großen50 mer standen, und >als wir nach dem Berge vo»Euma hinabsahen, hinter welchem Szipio Afri-kanus in seinem Linternum lebte und starb:so ergriff mich das hohe Leben der alten Große»und ich sagte zu meinem Freunde: „„Welche55 Menschen waren das! Kaum erfahren wir esgelegentlich im Plinius oder Cicero, daß einKvon ihnen dort ein Landhaus hat, oder daßes ein schönes Neapel gibt, — mitten aus demFreudenmeer der Nütur wachsen und tragt»60 ihre Lorbeer» so gut wie aus dem EismeereDeutschlands und Englands, oder aus ArabiensSand - in Wüsten und in Paradiesen schlu'gen ihre starken Herzen gleich fort und für dieseWeltseelen gab es keine Wohnung, außer d>65 Welt. Nur bei solchen Seelen sind Empst»^düngen fast mehr werth als Thaten, ein me-iner konnte hier groß vor Freude weinen > DM»-sage, was kann der neuere Mensch dafür,^ »aper so spät lebt hinter ihren Ruinen?" "