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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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567-568
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Jean Paul Friedrich Richter.

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länger» Nackenbärte von hinten und überhauptfür die Zeiger und Perpendikel des Kriegs;und der Fürst begriff es am leichtesten, wie derHeld Zierhen als Knabe an jedem Sonnabendzwei Stunden von Wustrau nach Ruppin 5marschierte, um sich da einen Zopf machen zulassen auf eine ganze Wecke. Nun konnte ihmals Generalissimus schon längst nicht gleichgül-tig sein, daß seine Truppen Zöpfe trugen,welche nicht in der Länge über Einen Kamm 10geschoren waren. Demzufolge wurden, da manviele falsche anbinden mußte — manche Bandzöpfewaren wahre Haarröhrchen — Haarlieferungenan die Großlausauerinnen ausgeschrieben, diesich bei dieser Gelegenheit als schöne Schwestern 15jener alten Römerinnen erwiesen, welche ihreHaare zu Stricken gegen die belagernden Gal-lier abgeschnitten und zusammengedreht, daherdie Venus calva (die kahle Venus) einen Tem-pel bekommen'). Wenn oft so eine Geliebte 20ihrem Geliebten, mit der Scheere in der Hand,ihr Haar abtrat, und ihres mit seinen durchein Zopfband — wie beide künftig selber durchein kirchliches — vereinigt wurden, so fielenAuftritte vor, welche ergriffen, und Bearbeiter 25verdienten.

Kostspieliger war die zweite Zurüstung —weil dazu ganz andre Wesen Haar lassen muß-ten als die Unterthanen —, daß man der gan-zen Armee die großen Hüte der Franzosen auf- 30setzte, die jetzo jeder deutsche Offizier und Zi-vilist, der etwas vorstellen will, aufhat, gleich-sam Schwämme mit dünnem Stiel, aber un-endlichem Hute. Nach dergleichen wurde sogarfür Kleinigkeiten, besonders für Soldaten ge- 35sorgt; und es wurde den ganzen Tag konskri-biert, und exerziert. Statt der Stieglitze, dieman sonst Kanönchen abschießen , und statt derPudel, die man Gewehre halten lehrte, wurdenMeister und Gesellen geübt, so daß sie, eben 40so wie die Juden am Bau des zweiten Tem-pels, arbeiteten, in der einen Hand das Hand-werkzeug, in der andern die Waffe; aber istdenn überhaupt Schncidcrhandwcrk von Krieg-handwerk bei so vielem Stechen, Durchlöchern, 45Schneiden, Führen des heißen Eisens andersals im Gegenstände unterschieden? Der,ganzeauf Kriegfuß gesetzte Staat sah zuletzt so mar-zialisch aus, wie englische Damen während derBedrohung der französischen Landung: Flinten, 50Kanonen, Trommeln waren etwas Gewöhnlichesin weiblichen Haaren, und zwar sogar vonGold als Nadeln; Helme und Tartschen hingenin ihren Ohrläppchen, und eine Sturmleiter,vom Juwelier gezimmert, schimmerte am Busen 55als Busennadel 2). Letztes gefällt mir, daß dieFestung selber die Leiter zum Ersteigen heraus-hängt, und daß die Schönen überhaupt sichblos bewaffnen, um entwaffnet und erobert zuwerden. 60

Ich übergehe mehre Zurüstungen Maria's;gar nicht erwan als wären sie weniger bedeu-tend — denn eine davon war, daß der Hof-maler als Schlachtenmaler angestellt und mo-bil gemacht wurde, eine andre die, daß der 65Zuckerbäcker auf die Hoftafel lauter Aufsätze

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von alten Helden und Siegen, ganze Schlacht-stücke aus Zucker liefern mußte, um die Gene-ralität theils zu erhitzen, theils zu exerzieren— sondern weil sie in einem „Kriegkalenderfür gebildete Leser aller Stände" einen Platzwegrauben, der größeren Kriegen gehört.

Wer nun für den nächsten Feldzug Muthsuchte, der konnte ihn bei Alaria puoi finden.Als ein glanzliebendcr Herr wünschte er schonin seiner Jugend nichts so feurig, als großenHelden ähnlich zu werden, und wie ein Cäsar,Friedrich II. und Napoleon, aus großen undhäufigen Schlachten zurück zu kehren mit demLeben. Er äußerte oft, wer Kriegruhm liebe,werbe wünschen, lebendig heim zu kommen,um ihn zu genießen, und bedauerte die lausendTodtgeschoffenen, die bei Lebzeiten nichts davonhaben. „Himmel! sagt' er, welche Wunder derTapferkeit würde mancher thun, wenn erwüßte, er bliebe nicht, sondern könnte sie selbererzählen." — „Was ist dieß anders als Krieg-manier, Herr Vetter? sagte einmal Tiberius-Die Pferde, grade mehr als die Hälfte derRcuterei, gehen auch tapfer ins Feuer undbleiben; aber man redet von ihnen so wenigim Hüllet,» als vom Fußvolkc; die Ehre gehörtden Offizieren."

Tiberius selber fragte, gleich seinen Tröd-lern , nicht stark nach Glanz. Wie sonst Bä-renwildpret aus den Hoftafeln, so gehörte erzu den wenigen lafelfähigen Bären a n derTafel. Dieß würde ich schon glauben, wäreauch die Anekdote von ihm erdichtet — denneben das Erdichten bewiese für mich — welcheich im Gasthof selber gehört, wo sie vorgefallensein sollte, daß er nämlich, als er inkognitoaus Eile sich den Bart von einem fremdenBalbier abnehmen lassen, welcher zu unvor-sichtig ein Viertel Backenbart mit weggcfchoren,den Backenbartputzer so lange geprügelt, bisdie Wangen-Mähne wieder nachgewachsen warUnglaublich genug! Gewiß aber betete er,wie die allen Römer, die Lanze an, und hieltdie Staaten für Flaschen, welche nur der F>'"-tenschrot, d. h. der Krieg gut ausspült undreinigt; worin er freilich den Selbstvermiltler,Adam Müller, auf seiner Seite hat. Daherwürd' ihm dieser Krieg etwas dadurch vcrküm»mert, daß wenig oder nichts todtgeschlogenwerden sollte, und er so das ganze Äehrcnftlmit seinen Schnittern vergeblich, ohne einenSchnitt zu machen, durchziehen mußte. Maß-halte die entgegengesetzte Bekümmerniß,er, wie einmal Sophokles für sein Trauerst»?mit einer Feldherrnstelle belohnt wurde,gekehrt für sein Feldherrnamt mit einem Trau^spiele bezahlt werde; den Trödlern war n'^zu trauen. Daher trauete Tiberius ihnen bei

mehr; er ließ seine kecken Liberianer oder Ka "

zen fast in nichts verüben, als im Laufen, wer, sagt' er, sich nicht schmeichle, daß ^ ,

mit den Schneidern wettliefen, wennFeld räumten. Uebrigens verließ er sich °

auf, daß hier Schuldner, also Undankbare, S

gen Gläubiger losschlugen, und grade den Zmilführlen, der den Menschen, wie Saue