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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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587-588
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Jean Paul Friedrich Richter.

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lentraume dem sterbenden Gehirn einbrennen,die vielleicht im Sarge fortnagen und fort-glühen. — Aber da steht im schwülen Kranken-zimmer — dieß beklag' ich — keine Seele vordem kraft- und farblosen Gesichte, die auf ihmein heiteres Lächeln erweckte, sondern Beicht-vater und Rechtsgelehrte und Aerzte, die allebefehlen, und Verwandte, die alles bejammern.Da steht kein kräftiger über die eigne Trauererhöhter Geist, der in die nicderliegende, nachFreudenlabung durstige Seele die alten Früh-lingwasser froher Erinnerung leitete und diesemit den letzten Entzückungen vermählte, welchein Sterbenden das Heranschweben eines andernLebens vorbedenken. Sondern da wird dasKrankenbette zum deckellosen Sarge eingeengt;das Leben wird dem. der aus ihm scheiden soll,durch weinende Lügen der Genesung oder durchWorttrauer wichtiger vvrgemalt und die Bahreals ein Blutgerüst aufgestellt — und in dieOhren, welche noch lebendig bleiben, wenn dieAugen schon gestorben sind, werden die schar-fen Mißtöne des Lebens nachgeschickt, anstattdaß das Leben nur wie ei» Echo in immer tie-fere, aber weichere Töne verwehen sollte. Unddoch hat der Mensch das Gute in sich, daß ersich der kleinsten Freude, die er einem Ster-benden mitgegeben. lieber erinnert und rühmt,als vieler größer», die er an Gesunde ausgetheilt;vielleicht auch darum, weil er nur im letztenFalle noch zu verdoppeln und nachzuholen ver-mag; wiewohl der Sterbliche beherzigen sollte,wie leicht jede Freude könne als eine letzte gege-ben oder empfangen werden.

Es würde also unser Lebens-Austritt vielschmerzlicher sein, als unser Eintritt, wenn nichtdie gute Mutter Natur, wie überall, vorausgelindert hätte, um ihre schlaftrunkenen Kinderauf ihren wiegenden Armen sanft aus einerWelt in die andere zu tragen. Denn in denvorletzten Stunden läßt sie um den Heißbewein-ten einen Panzer von Gleichgültigkeit gegen diezurückbleibenden Menschen gefrieren. Und inden nächstletzte» Hinschwimmen und umspielendas Gehirn — wie die Nachrichten der erweck-ten Scheintodlen, und die Mienen und Tönevieler Sterbenden bestätigen — weiche Wonne-wogen, welche auf der Erde mit keinem andernso viele Aehnlichkeit haben, als mit den Froh-gefühlen, worin die magnetischen Kunsttodtensich genesend baden. Noch wissen wir nicht ein-mal, wie hoch sich viese Sterbewonnen, da wirsie nicht in ihrer Vollendung, sondern durchbelebte Schcinlodte und also nur in ihrer Un-terbrechung kennen, noch zu steigern vermögen,und ob nicht eben fortwachsende Entzückungenund Verzückungen, welche mehr Leben verbrau-chen, als die Zuckungen des Schmerzes, in einemunbekannten Himmel das unsterbliche Leben ab-lösen von dem gemeinen hiesigen. Es gibt einewichtige ungeheure Weltgeschichte, die der Ster-benden; aber auf der Erde werden uns ihreBlätter nicht aufgeschlagen-

„Den Erinnerungen aus den schönsten Stun-den für die letzten," welche der Titel des Auf-satzes verspricht, habe ich nur so viel Geschichtevorauszuschicken, als zu ihrem Verständniß nö-thig ist; diese selber kann irgendwo anders einenbreiter» Raum gewinnen-

Im Dörfchen Heim wohnte Gottreich Hart-mann bei seinem alten Vater, einem Geistlichen,den er glücklich machte, ob dieser gleich Alles,was er geliebt, überlebt hatte. Gottreich ver-waltete für ihn das Predigtamt, nicht sowohlum seinen wenig alternden Kräften beizustehen,als um den eignen feurigen Luft und dadurchdem Greise die eigenthünkiche Freude zu mache»,daß der Sohn den Vater erbauet.

In ihm drängte und knospete nun ein Geist,der dichterisch blühen will; er war aber nicht,wie die meisten dichterischen Jünglinge, einKnollen-Gewächs, das einige dichterische Blu-men treibt und nach deren Abfalle» unter derErde unscheinbare grobe Früchte ansetzt, sonderner war ein Baum, der seine süßen bunten Blü-then mit süßen bunten Früchten krönte; und»diese Blütentriebe wurden noch von der Wärmeder neuern Dichtermonatc gelockt.

Sein Vater war von ähnlichen Kräftenzum Dichter berufen, aber nicht von der Zeitbegünstigt, denik in der Mitte des vorigen Jahr-hunderts mußte mancher Kunstgeist, welcher fliegenkonnte, bloß auf der Kanzel, oder aufdem Lehrstuhl,oder aufdem Richterstuhl bleiben und haften, weilder elterliche Bürgerstand seine Kinder auf jederEbene und in jedem Thale reichlicher zu wei-den glaubte, als auf dem spitzen Musenberge.Jedoch zurückgedrängter Dichtergcist wendet sich,wenn er nicht in Schöpfungen sich verhauchendarf, desto innig-heißer und schmückend auf daseigne Herz zurück; die unausgesprochenen Em-pfindungen reden wie Stumme lebendiger durchBewegung, und die Thaten drücke» Bilder aus.Auf diese Weise lebt der stumme Dichter leichtso lange, wie der Mensch selber, der innen zudessen Geschöpf und Stoffe wird. So durch-dauert der weiche kurzlebige Schmetterling —so wie vorher als Puppe — den lange» harte»Winter, wenn er im Sommer nicht hat zeugenkönnen. Aehnliches wiederfuhr dem alten Hart-mann, aber schöner, da die jungfräuliche Dich-terseele in der Kanzel, wie in ihrer Ronnen-zelle, wohnen durfte, und die Zwillingschwester»,Religion und Dichtkunst, einander so nahe undhelfend beisammen leben konnten- Wie rein undschön ist die Stelle eines Geistlichen! Alles Gutesiegt um diese herum: Poesie, Religion, Seelen-hirlcnleben, indeß andere Aemter diese Nach-barschaft so dunkel verbauen.

Sohn und Vater lebten sich so immer tieferin einander hinein, und auf der Stelle der kind-lichen und väterlichen Liebe erwuchs eine seltneFreundschaft eigner Art, denn nicht blos mitder Wiedergeburt der Verlornen Dichterjugenderquickte ihn der Sohn, sondern mit der andernnoch schönern Aehnlichkeit des Glaubens. Infrühern Zeiten konnte ein Greis, der seinen Sohnin die theologischen Hörsäle hinausschickte, nie-mand zurückerwarten, als einen Bilder- undHimmelstürmer alles dessen, was er in seinemAmte auf dem Altare bisher altgläubig ange-betet; der Sohn kam als Heidenbekehrer oderAntichrist des Vaters nach Hause. Es magdamals väterliches Leiden gegeben haben, welche,obivol verschwiegener, doch tiefer waren, alsmütterliche. — Jetzo geht es zuweilen bcffer-Gortreich war — ob er gleich mit der gewöhn'liehen kleinen üppigen Freigeistern des Borjüng'

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