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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Ican Paul Friedrich Richter.

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lings auf die hohe Schule gegangen - doch mitdem Glauben seiner Vater und seines Vatersvon den jetzigen Lehrern zurückgekommen, welchedie Gefühle der alten Theologie vor den Auflö-sungen der Aufklärer bewahren lehrten, unddem Lichte, das bei Menschen, wie Gewächsen,nur dem äußern Wachsen dienlich ist, nicht dieWurzeln schädlich entblößten.

So fand nun der alte Vater sein altes christ-liches Herz an der Brust seines Goltreichsmit jüngern Schlägen wieder, und die Recht-fertigung seiner lebenslangen Ueberzeugungenund seiner Liebe zugleich. Wenn es weh thut,zugleich zu lieben und zu widersprechen, undden Kopf abzubeugen, indem man sich mit derBrust zuneigt: so ist es desto süßer, sich undseinen Glauben durch eine jüngere Zeit fortge-pflanzt zu finden; das Leben wird dann eineschöne Sternennacht, wo kein altes Gestirn un-tergeht, ohne daß ein neues aufsteigt.

Gottreich hatte ein Paradies, indem er blosals der Gärtner desselben für den Vater arbei-tete, und diesem zugleich Gattin, Schwester,Bruder, Tochter, Freund und alles war, wasein Mensch zu lieben hat. Jeder Sonntagbrachte ihm eine neue Freude, nämlich eineneue Predigt, die er vor dem Vater haltenkonnte. So viel Kräfte, besonders poetische,bot er im Kanzelvorlrag auf, daß er fast mehrfür die Erhebungen und Rührungen des Vaters,als für die Erleuchtung der Gemeinde zu ar-beiten schien; wiewohl er doch nicht ganz mitUnrecht annahm, daß dem Volke wie den Kin-dern höhere Zumulhungcn des Berstehcns ge-deihlich sind und forthelfen, und daß man nuram Unerstiegenen steigen lerne- Ein nassesAuge oder ein schnell betendes Händefalten desGreises machte den Sonntag zu einem Fest derHimmelfahrt; und im stillen kleinen Pfarrhauswurden oft Freudenfeste begangen, deren Feieraußen niemand verstand und niemand vernahm.Wer Predigten halten oder hören für eine matteFreude ansieht, wird freilich noch weniger dieandern begreifen, mir welcher beide Freundesichüber die gehaltene und über die nächste unter-hielten, als wäre eine Kanzelkritik so wichtigwie eine Theaterkritik. Der Beifall und dieLiebe eines kräftigen Greises, wie Hartmann,welchem auf den kalten Höhen der Jahre nichtdie geistigen Glieder erstarrten, und dessen Kör-per sogar durch die breite Höhe, zumal imRücken gesehen, sein Alter um Jahrzehende zugering angab, mußte einen Jüngling, wie Gott-reich, stark ergreifen, der leiblich und geistigzärler und dünner gebauek, i„ schnellere undhöhere Flammen aufschlug. Zu diesen beidenGlücklichen trat noch eine Glückliche. Justa,eine doppelte Waise, Herrin ihres VermögensUnd aller ihrer Verhältnisse, halte das ganzeväterliche Kaufhaus in der Stadt verlassen undverkauft, und war ins obere Stockwerk desschönsten Bauerhauses gezogen, um dem Landerecht und nicht halb, sondern ganz zu leben.Lusta that Alles in der Welt ganz, nur aberzuweilen — wodurch sich wieder ein Halbes ein-schlich — manches noch mehr als ganz, nämlichetwas darüber; wenigstens da, wo GroßmuthZuzubringen war. Das erste, was sie im Dörf-chen Heim vornahm, nachdem sie den sanften

Gottreich und dessen fromme Dichteraugen ge-sehen, und von ihm vier und fünf Lenzprediglenangehört, dieses war, daß sie ihm ihr tugend-trunknes Herz geradezu gab, doch aber die Handbis auf die Zeit zurück behielt, wo mit demgroßen Weltfrieden zugleich ihr Bund geschlos-sen werden, konnte, ucberall that sie lieber dasSchwere als das Leichte. Wenn jene heiligeJusta mit ähnlicher Kraft, wie unsere in Heim,Opfer freudiger brachte als empfing: so läßtsich der König von Leon, welcher deren körper-liche Hülle von den Mauern in Sevilla durcheinen Krieg abgefordert und auch endlich abge-wonnen, mik dem Jüngling Gollreich rechtfer-tigen, welcher in der lebenden Justa eine Heili-ge zu finden glaubte und zu erringen strebte.Ich wünschte, es wäre hier der Ort, das Mai-leben abzumalen, das im niedrigen Pfarrhauseneben dem niedrigen Kirchthurme unter Justa'sHänden blühte - die Morgen, wo sie aus ih-rem Häuschen zur Anordnung des Tages indas Pfarrhaus flog — die Abende im Pfarr-gärtchen, das nicht nur 12 Beete in sich halte,sondern auch eine Menge durchwäffcrter Auenum sich, der fernen Hügel und Sterne gar nichtzu gedenken — das Jneinaiiderspielen dreierHerzen, wovon keines in so reinen und engenUmgebungen etwas anders kennen und fühlenkonnte, als nur allein das Schönste, und beidenen Gutsinn und Frohsinn bloß zum tägli-chen Lebenswandel gehörte. Jeder Sitz war einKirchenstuhl und Alles geistlich, und der Him-mel bloß ein größeres Kirchengewölbe.

In manchem Dörfchen, in manchem Hausemag sich ein wahres Eden verstecken, das niegenannt und geschildert wurde, weil die Freudeihre zartesten Blumen gern übcrlaubt und zu-deckt. Gotlreich ruhte in einer solchen Dichter-sülle der Wonne und Liebe — der Dichtkunstund der Frömmigkeit — des Frühlings undder Vergangenheit und der Zukunft, daß er sichheimlich fürchtete, sein Glück anders auszu-sprechen, als betend. Nur im Gebet, dacht' er,darf der Mensch Alles sagen fund wagen), seinGlück und sein Unglück; die unbekannten neidi-schen und unterirdischen Mächte scheinen dannes nicht zu hören, eben weil es ein Gebet ist.

— War denn nicht sogar der Vater beglücktund bekam ein warmes Alter, das kein Winter-abend, sondern ein Sommerabend war ohneFinsterniß und Frost, obgleich die Sonne seinesLebens ziemlich lief hinter dem Grabhügel ge-sunken war, worunter seine Gattin sich schlafengelegt?

Nichts erinnert einen edlen ^ungling soleicht an die letzten Stunden des Lebens, alsgrade die schönsten, die innigfrohsten. Gottreich,welchen Körper- und Seelcnbau in die Klaffeder Hölty's stellte, mußte in einem so seltenenZusammendufien und Zusammenglänzen allerFreudenblumen grade in der frischen lhauigenMorgenzeit des Lebens schon unter dem Mor-genstern des Lebens immer daran denken, daßihm dieser bald als Abendstern desselben erschei-nen werde. Da sagte er zu sich: „Alles stehtjetzo so klar und fest vor mir, Schönheit undSeligkeit des Lebens — der Gang des Weltalls

— der Schöpfer — der Werth und die Großedes Herzens — die Sternenbilder ewiger Wahr-

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