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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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615-616
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August Wilhelm von Schlegel. 616

monarchische Verfassung umzudeuten. Dieß wäredenn eine ganz parteiische Ansicht, welche derin Anspruch genommenen Theilnahme und folg-lich auch der bezweckten Wirkung durchaus wi-dersprochen hätte. Allein wir müssen bemerken,daß die Königsfamilien, welche durch eine Ver-keriung sich selbst bestrafender Frevel am mei-sten Stoff zu schauderhaften tragischen Gemäl-den darbieten, die der Pelopiden zu Mycenund der Labdaciden zu Thebe, also den Athe-nern, für die zunächst gedichtet ward, fremdwaren. Wir sehen nicht, daß die attischen Dich-ter sich bemüht hätten, die alten Könige ihresVaterlandes auf der Bühne verhaßt zumachen;vielmehr stellen sie ihren Stammhelden Lheseusimmer als ein Vorbild der Gerechtigkeit undMäßigung, als den Beschützer der Unterdrück-ten, als den erste» Gesetzgeber, sogar als denGründer -der Freiheil für die öffentliche Vereh-rung auf, und es war eine ihrer Lieblings-Schmeicheleien gegen das Volk, zu zeigen, wieAthen schon zur heroischen Zeit in der Gesetz-mäßigkeil, Menschlichkeit und Anerkennung eineshellenischen Bolksrechls dem übrigen Griechen-lande vorgeleuchtet. Die allgemeine Umwälzung,wodurch die unabhängigen Königreiche des äl-testen Griechenlandes sich in ein Gemeinwesenkleiner Freistaaten verwandelten, hatte das he-roische Zeitalter von dem gesellig gebildeten durcheine große Kraft geschieden, über welche nurdie Genealogie einzelner noch bestehender Ge-schlechter noch hinüberrcichte. Dieß war fürdie idealische Erhöhung der Gestalten in derTragödie allerdings sehr vortheilhaft, weil diemenschlichen Dinge nun einmal keine allzu ver-trauliche Beobachtung ertragen, ohne Blößen zugeben. Auf die ganz andern Verhältnisse, wo-rin jene Helden lebten, war der Maßstab einerbloß bürgerlichen und häuslichen Sittlichkeitnicht anwendbar, das Gefühl mußte auf dieUrbestandtheile der Menschheit zurückgehen. Ehees Verfassungen gab, ehe die rechtlichen Be-griffe überhaupt sich gehörig entwickelt hatten,waren die Herrscher ihre eigenen Gesetzgeber ineiner noch untergeordnete» Welt, und ein kräf-tiger Wille halte im Guten und Bösen denfreiesten Spielraum. Auch bot das erbliche Kö-nigthum auffallendere Beispiele von plötzlichemGlückswechsel dar, als in der späteren politi-schen Gleichheit Statt fanden. Aus diesenRücksichten also war der hohe Rang der Haupt-personen für die tragische Darstellung wesent-lich oder wenigstens begünstigend, nicht aber wiees manche Neuere verstanden haben, als ob nurdie Schicksale solcher Menschen, die auf dasWohl und Wehe einer großen Menge Einflußhaben, wichtig genug wären, um unsere Theil-nahme zu erregen, noch auch als ob die innereHoheit der Gesinnungen mit äußerer Würdebekleidet seyn müßte, um bewundert und ver-ehrt zu werden. Die griechischen Tragiker schil-dern uns die Zerrüttung der Königshäuserwahrlich nicht in ihrem Bezüge auf dcit Zustandder Völker; sie zeigen uns im Könige denMenschen, und weit entfernt, zwischen unsund ihren Helden den Purpurmantel als eineScheidewand vorzubreilcn, lassen sie uns durchdessen eiteln Glanz hindurch w einen von Lei-denschaften zerrissenen Busen schauen. Daß

nicht sowohl der königliche Pomp als das he-roische Costum gefodert wird, erhellet aus dennach jenem Grundsätze, aber in verändertemFall, nämlich bei noch bestehender monarchischer5 Verfassung, auf und um den Thron verlegtenTrauerspielen der Neueren. Sie dürfen dieZüge nicht aus der gegenwärtigen Wirklichkeitentlehnen, denn nichts hat weniger tragischeTauglichkeit als der Hof und das Hofleben^IN Wo sie daher nicht ein idealischcs Königthumin schon fern liegenden Sitten schildern, da ver-fallen sie in den Zwang der Förmlichkeit, diefür Kühnheit der Charakterzcichnung und Tiefedes Pathos noch weit ertödender ist, als die15 Einengung der bürgerlichen Verhältnisse.

Nur wenige Mythen scheinen ursprünglichsür die Tragödie ausgeprägt zu sein, wie zumBeispiel der lange fortgesetzte Wechsel von Fre-vel , Rache und Fluch im Atreischen Hause.20 Wenn man die Namen der verloren gegangenenStücke durchgeht, so fällt es bei vielen schwersich vorzustellen, wie die Mythen, in so weitwir sie kennen, Gehalt genug haben konnten,um den Umfang eines tragischen Ganzen aus-25 zufüllen. Freilich hatten die Dichter unter denabweichenden Ueberlieferungen von derselben Ge-schichte eine große Breite der Wahl, und ebendieß Schwanken der Sage berechtigte sie nochweiter zu gehen, und die Umstände einer Bege-30 benheit beträchtlich abzuändern, so daß die ineinem Stück angebrachten Erfindungen zuweilenmit den Annahmen in einem andern desselbenDichters in Widerspruch geriethen. Hauptsäch-lich aber müssen wir die Ergiebigkeit der My-35 thologic für die tragische Kunst aus dem Ge-setze begreifen, das wir in der ganzen griechischenBildungsgeschichte wirksam sehen: nämlich, daßdie jedesmal überwiegende Kraft alles vorhan-dene sich vcrähnlichtc. Wie die Heldensage in40 allen ihren Abweichungen sich willig zur ruhi-gen Fülle und leichten Mannichfaltigkeit desEpos entfaltet hatte, so bequemte sie sich denAufforderungen der Tragiker durch den nunerst kund gegebenen Ernst, Nachdruck und ge-45 drängten Zusammenhang; und was bei dieserumbildende» Sichtung als für die Tragödieunbrauchbar ausfiel, gab auch Stoff für einehalb scherzhafte, wiewohl immer idealische Dar-stellung in der Nebenan des satyrischen Dra-50 ma's her.

Es sey mir vergönnt, die obigen Betrach-tungen über das Wesen der antiken Tragödiedurch eine aus der bildenden Kunst entlehnteVergleiche, ngdie vielleicht etwas mehr ist als55 ein blos spielendes Gleichniß, anschaulicher zumachen.

Das homerische Epos ist in der Poesie wasdie halberhabene Arbeit in der Sculptur, dieTragödie was die freistehende Gruppe.

60 Die Dichtung des Homer ist aus dem Bo-den der Sage entsproßen und noch nicht reindavon abgelöst, so wie die Figuren eines Bas-reliefs von einem ihnen fremden Hintergründegetragen werden. Diese sind nur flach gerun-65 der, wie im Epos alles als vergangen und ent-fernt geschildert wird; am liebsten werde» sieim Profil gestellt, wie dort auf die einfachsteWeise charakterisier; sie sind nicht eigentlichgruppier, sondern folgen auf einander, so wie