Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
623-624
JPEG-Download
 

623

624

August Wilhelm von Schlegel

über den sich auch Calderon beklagt. Es istmir nicht bekannt, ob Lope selbst irgendwo einVerzeichnis der wirklich von ihm herrührendenStücke gibt; am Ende hatte er wohl selbstviele davon vergessen. Indessen kann man durchLesung einer geringen Anzahl es schon ziemlichweit in der Bekanntschaft mit diesem Dichterbringen, und darf nicht besorgen, das Ausge-zeichnetste verfehlt zu haben, indem er in sei-nen einzelnen Hervorbringungen nicht durchErschwingung ungewöhnlicher Höhen, oder Dar-legung unbekannter Tiefen seines Gemüthesüberrascht. Unstreitig erscheint dieser bald zusehr vergötterte, bald zu sehr herabgewürdigteVielschreiber hier im vorrheilhaftesten Lichte,da das Theater zur Ablegung seiner drei Haupt-fehler, Mangel an Zusammenhang, Weitschwei-figkeit und unnütz ausgekramter Gelehrsamkeit,die beste Schule war. In einigen seiner Stücke,besonders den historischen, die sich auf alte Ro-manzen und Sagen gründen, z. B. der KönigWamba, die Jugendstreiche des Bernardo delCarpio, die Zinnen von Toro u. s. w. herrschteine gewisse Rohheil der Darstellung, die abergar nicht ohne Charakter ist, und absichtlichfür die Gegenstände gewählt zu sein scheint;in andern, welche Sitten der damaligen Zeitschildern, z. B. die muntere Toledonerinn, dieschöne Häßliche, zeigt sich schon ein sehr gebil-deter geselliger Ton. Alle enthalten, nebenwahrhaft interessanten Situationen, unvergleich-liche Späße, und vielleicht sind nur wenigedarunter, mit denen man nicht, wenn sie ge-hörig bearbeitet und erneuert würden, nochheut zu Tage auf der Bühne eine große Wir-kung hervorbringen könnte. Ihre MLngcl sindungefähr die nämlichen: verschwendete nicht zuRath gehaltene Erfindung und vernachlässigteAusführung. Sie gleichen den Gruppen, dieein geistreicher Skizzist, ohne alle Vorbereitung,ohne sich nur die gehörige Zeit zu nehmen, aufdas Papier hinkritzelt, wo ungeachtet dieses eil-fertigen Leichtsinns jeder Strich Leben und Be-deutung hat. Außer der sorgfältigen Bildungfehlt es Lope's Werken nur an Tiefe, und anjenen feineren Beziehungen, welche eigentlichdie Mysterien der Kunst ausmachen.

Wenn es bei dem bisherigen, nämlich denWerken des Lope und seiner vorzüglicheren Zeit-genossen, eines GuiUen de Castro, Monralban,Molina, Matos-Fragoso u. A., ein Bewendengehabt hätte, so müßte man an dem spanischenTheater mehr den großen Entwurf und dieversprechenden Anlagen, als die reife Vollen-dung loben. Aber nun trat Don Pctro Cal-

deron de la Barca aus, ei» eben so fruchtbarerKopf, eben so fleißiger Schriftsteller als Lope,und ein ganz anderer Dichter, ein Dichter,wenn je einer den Namen verdient hat. In5 weil höherem Grade erneuerte sich das Wun-der der Natur, der enthusiastische Beifall, unddie Beherrschung der Bühne. Die Lebensjahredes Calderon halten gleichen Schritt mit denendes siebzehnten Jahrhunderts; er war folglich1» sechzehn Jahr alt, als Cervantes, und fünf unddreißig, als Lope starb, den er fast um ein hal-bes Jahrhundert überlebte. Nach der Angabeseines Lebensbeschreibers hat Calderon über 1 - 2 »Schauspiele geschrieben, über 1(>» geistliche alle-in gorische Akce, hundert scherzhafte Zwischenspieleoder 8<->>»vtvs >), und eine Menge nicht dra-matischer Gedichte. Da er von seinem vier-zehnten bis zum ein und achtzigsten Jahre, inwelchem er starb, dramatische Arbeiten geliefert,2» so vertkeilen sie sich freilich auf einen großenZeitraum, man darf nicht annehme», daß ermit so übereilter Hast geschrieben, wie Lope;es blieb ihm Muße genug, seine Plane reiflichzu überdenken, was er auch ohne Zweifel gc-25 than hat. In der Ausarbeitung mußte erdurch die Uebung eine große Fertigkeit er-lange».

Unter diesem fast unübersehharen Ueberflußvon Werken findet sich nichts aufs Gerathewohl3» hingeworfene, alles ist nach sichern consequenlenGrundsätzen mit den tiefsten künstlerischen Ab-sichten in vollkommener Meisterschaft ausgear-beitet. Dies läßt sich nicht läugnen, wennman auch Calderons reinen und hohen Stvl35 des Romantisch-Theatralischen als Manier ver-kennt, und diese kühnen Flüge der Poesie bisan die äußerste Grenze des Ersinnlichr» fürVerirrungen hält. Denn Calderon hat überalldas, was seinen Vorgängern schon für Form4» galt, wieder zum Stoff gemacht, ihm konntenirgends weniger, als die edelste und feinsteBlüthe genügen. Daher kommt es, daß er sichin manchen Ausdrücken, Bildern, Verglcichun-gen, ja selbst in manchen Spielen und Situa-45 rionen wiederholt, da er sonst zu reich war,um von sich selbst, geschweige von Andern bor-gen zu dürfen. Die Erscheinung auf der Bühneist ihm das erste, aber diese sonst beschränkendeRücksicht wird bei ihm durchaus positiv. Ich5V weiß keinen Dramatiker, der den Effekt so z»poelisiren gewußt hätte, der zugleich so sinnlichkräftig und so ätherisch wäre.

Seine Schauspiele zerfallen in vier Haupt-klassen : Darstellungen heiliger Geschichten aus55 der Schrift und Legende; historische; mptholo-

t> Diese Angaben sind vielleicht etwa» rhetorisch zu nennen. Die vollständigste »Nd beste Ausgabe der Schau-spiele, die von AponteS, enthält nur 1U8 Stücke. Aus Verlangen eines großen Herrn gab Calderon noch kurzseinem Tode ein Verzeichnis seiner ächten Werke. Er nennt >ll Schauspiele, aber unter diesen sind beträchtÜmcbr als drei, die sich nicht in der Sammlung von ApontcS finden. Einige könne» zwar unter andern Titel» versteckt sein, z. B. das Stück, welche- Calderon selbst Itl 1-nLnni ilo In ,VIi»ü»rrn nennt, heißt in der Samnlluugpinnr >I'-8;>ue^ n.- I.. muorto. Andre fehlen nnläugbar, z. B. ein »an «tnixoto, auf den ich besonders ncngiEhisei» würde. Nach manchen Spuren zu urtheile», hatte Ealdcro» eine große Verehrung vor dem Cervantes. ^Sammlung der Aut«. »aernmontnli-» enthält nur 72, und mehrere gibt auch. Caloero» nicht an. lind dennoch leger auf diese das größte Gewicht; ganz der Religion gewidmet, war er im Alter gegen die weltliche» Spiele leb"Muse gleichgültiger geworden, wiewohl er sie nicht verwarf, und noch immer fortfuhr, dergleichen zu dichten-könnte ihm wohl wie einem unermeßlich Reichen ergangen sein, der bei einem allgemeine» Ilcbcrschlag manche sc>»°Kapitale vergißt. 8->) not.» vom Calderon sind mir nie zu Gesichte gekommen, ja ich finde nirgend- eine Nach»"'sang, ob sie wirklich gesammelt und gedruckt worden.