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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
627-628
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August Wilhelm von Schlegel.

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rene Vormacht des bedrohten Europa gegen dieEinbrüche der alles überschwemmenden Araberlagen sie auf ihrer pyrenäischen Halbinsel wieim Felde, ohne fremden Beistand zu immer er-neuerten Kämpfen bereit. Die Gründung ihrerchristlichen Königreiche, Jahrhunderte hindurch,von der Zeit an, wo die Abkömmlinge der Go-then, in die nördlichen Gebirge zurückgedrängt,aus diesem Zufluchtsort wieder hervortraten,bis zur gänzlichen Verdrängung der Maurenaus Spanien, war ein einziges langes Aben-teuer; ja die Rettung des Christenthums in die-sem Lande gegen solche Uebermacht schien dasWunderwerk einer höheren als bloß menschlichenLenkung zu sein. Gewöhnt immer zugleich fürseine Freiheit und für seine Religion zu fechten,schloß sich der Spanier mit feuriger Inbrunstan diese an, als ein mit edlem Blut theuererkauftes Erwerbniß. Jede goltesdienstliche Trö-stung war eiu Lohn vergoßnen Heldenschweißes,jede Kirche konnte er als eine Trophäe seinerAhnen betrachten. Treu seinem Gott und sei-nem König bis aus den letzten Blutstropfen,unverbrüchlich auf seine Ehre haltend, stolz,aber demüthig vor allem heilig geachteten, ernst,mäßig, sittig war der alte Kastilianer; undnun spotte man des biederherzigen Volkes, Lasden geliebten Degen, das Werkzeug seines ho-hen Berufs, auch-hinter dem Pfluge abzulegensich nicht entschließen konnte.

Die so genährte Kriegslust, den Unterneh-mungsgeist ihrer Unterthanen benutzten die Mo-narchen Spaniens zu Ende des fünfzehntenund im sechzehnten Jahrhundert, die Spanierzum herrschenden Staate Europa's zu machen,während sie im Innern ihre politische Freiheiteinbüßten. Die arglistige und tyrannische Po-litik Philipps des Zweiten hat unverschuldeterWeise den Haß der Ausländer auf sie gezogen.Der Macchiavellism der Fürsten und Volkefüh-rer in Italien avar allgemeiner Charakter, die-selbe Lücke und Ränkesucht hatte alle Ständeangesteckt; in Spanien fällt er bloß den Regie-renden zur Last, wie auch in religiösen Ver-folgungen, die hier nie oder selten als Aus-brüche allgemeiner Vvlkswuth vorgegangen sind.Der Spanier erlaubte sich nicht, die Handlungs-weise seiner geistlichen und weltlichen Obern zuprüfen, führte bieder und tapfer, wie ehemalsseine Vertheidigungskriege, ihre Kriege des An-griffs und der Herrschsucht. Persönlicher Ruhm,vermeinter Eifer für die Religion verblendetesie über die Gerechtigkeit ihrer Sache. Bei-spiellose Unternehmungen waren mit Glück voll-führt, eine neu entdeckte Welt jenseit des Oce-ans war durch eine Handvoll verwegner Aben-teurer unterjocht worden; einzelne Thaten derGrausamkeit und Habsucht harten den Glanzdes besonnensten Heldenmuthes befleckt, aberdie Masse der Nation blieb rein von diesenAusartungen. Nirgends hat der ritterliche Geistdie politische Existenz des Ritterkhums längerüberlebt als in Spanien. Noch lange nachdemdurch Philipps des Zweiten verderbliche Fehl-tritte das innere Wohlsein zugleich mit demauswärtigen Einflüsse tief gesunken war, pflanztesich dieser Geist bis in die blühende Periodeihrer Literatur fort, und brückte ihr unverkenn-bar sein Gepräge auf. Hier erneuerte sich bei

weit höherer Geistesbildung in gewissem Gradejene glänzende Erscheinung des Mittelaltcrs,wo Fürsten und Herren die Kunst des Minne-und Heldensanges übten, wo die Ritter, ihre5 Geliebte neben der Andacht zum heiligen Grabeim Herzen, freudig auf die gefährlichsten Aben-teuer zum gelobten Lande wallfahrteten, woselbst ein löwenhcrziger König die zärtliche Lautezu Liebesklagen rührte. Die spanischen Dichter10 waren nicht, wie gewöhnlich in den übrigenLändern Europa's, Höflinge, Gelehrte oder anein bürgerliches Gewerbe geheftet; meistens vonedler Geburt, führten sie ein kriegerisches Leben.Das Bündniß des Degens und der Feder, die15 Uebung der Waffen und der edleren Geistes-künste, war ihre Losung. Schon Garcilaso, ei-ner der Stifter der spanischen Poesie unter Karldem Fünften, von den peruanischen Pncas ab-gestammt, von seiner lieblichen Muse nach Afrika20 begleitet, siel vor den erstürmten Mauern vonTunis; Camoens, der Portugiese, segelte alsSoldat ins entfernteste Indien, auf der Spurdes glorreichen Weltentdeckers, den er besang;Don Alonso de Ercilla dichtete seine Araucana25 während des Krieges mit empörten Wilden,unter einem Zelt am Fuße der Cordilleras, oderin der von Menschen noch unbetretnen Wildniß,oder auf einem im Ocean umhergetriebenenSchiff; Cervantes erkaufte die Ehre, unter dem30 großen Johann von Oestreich, die Schlacht vonLepanto als gemeiner Krieger mitgestrittcn zuhaben, durch den Verlust eines Armes und langeGefangenschaft in Algier; Lope de Wega erlebteunter andern die Unfälle der unüberwindlichen35 Flotte; Calderon that Feldzüge in Flandern undItalien, unterzog sich als Ritter von Santiagoseinen kriegerischen Pflichten, bis er in den geist-lichen Stand trat, und so auch äußerlich beur-kundete, wie die Religion die herrschende Trieb-40 feder seines Lebens sei.

Wenn Religionsgefühl, biedrer Heldenmuts),Ehre und Liebe die Grundlagen der romanti-schen Poesie sind, so mußte sie in Spanien, un-ter solchen Auspizien geboren und herangewach-45 sen, wohl den höchsten Schwung nehmen. DiePhantasie der Spanier war kühn wie« ihre That-kraft, kein geistiges Abenteuer schien ihr zu ge-fährlich. Schon früher hatte sich in den Ritter-romanen die Vorliebe des Volkes für das aus-50 schweifendste Wunderbare kundgegeben. Dieswollten sie auf der Bühne wieder sehen, undda nun ihre Dichter, ganz auf der Höhe derkünstlerischen und geselligen Bildung steheiid,es darnach umschufen, ihm eine musikalische55 Seele einhauchten, es ganz von grober Körper-lichkeit gereinigt zu Farbe und Dust hinaufläuterte», so entsteht eben aus dem Kontrastdes Stoffes und der Form ein unwiderstehlich^Reiz. Ihre Zuschauer glaubten einen Wider-60 schein der schon halb Verlornen, welteroberndestGröße ihrer Nation zu erblicken, wenn über Keimmer neue Dichtung alle Harmonie der man-nigfaltigsten Sylbcnmaßc, alle Zierlichkeit si>""reicher Spiele, alle Pracht der Bilder und Ve ^65 gleichungen ausgcgossen war, die ihre Sprach^nur aufbieten konnte. Die Schätze der enternteste» Zonen wurden, wie in der Wirklich»"-zur Befriedigung des Mutterlandes hcrbeiAschafft, und man kann sagen, daß im

Reiche